Inside Vineyard
- Kolumne -


von Norbert Krüger


Hamburg, 28.01.2005

"Das da von Anfang war, das wir gehört haben, das wir gesehen haben mit unseren Augen, das wir geschaut haben und unsere Hände betastet haben, vom Wort des Lebens... das verkündigen wir euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt und unsre Gemeinschaft ist mit dem vater und mit seinem Sohn Jesus Christus." 1. Joh. 1,1+3

Don Camillo war mein großes Vorbild, was das Hören auf Gott angeht. So erwartungsschwanger von der Vorstellung, mit Gott direkt zu reden, war ich für alternative Kommunikationswege wenig offen. Dabei hätte ich es besser wissen können. Die Geschichte von Bileams Esel hatte mich seinerzeit schon ein wenig beeindruckt. Und die Nummer mit der Feuersäule beim Auszug der Israeliten aus Ägypten lief ja technisch gesehen eher unter dem Stichwort „nonverbaler Informationsfluss“. Wen wundert es also, dass meine eindrücklichsten Erlebnisse mit dem Reden Gottes ebenfalls ohne die freundliche Stimme vom Kreuz auskamen.

So 1983. Für die Wartezeit auf meinen Wunsch-Studienplatz hatte ich mich nach Südfrankreich abgeseilt. Beworben hatte ich mich für ev. Theologie, eigentlich eine todsichere Möglichkeit, einen Platz an der Uni zu ergattern, ähnlich vielleicht zukunftsträchtigen Studiengängen wie Koreanistik oder Tibetologie. Dank des Babybooms der frühen 60er gab es aber in jenem Wintersemester selbst bei den Theologen einen für mich unüberwindlichen Numerus Clausus, der mich auf Warterang 258 oder so versetzte. Keine Chance, noch über das übliche Nachrückverfahren in das Studium hinein zu rutschen, versicherte mir die Sekretärin in der Vergabestelle mitleidig lächelnd.

Um die Zeit nicht völlig unnütz verstreichen zu lassen, beschloss ich, mich für dieses halbe Jahr in eine alternative Landkommune in die Vaucluse abzusetzen, die ich kurz zuvor kennen gelernt hatte. Wenn schon kein Studienplatz, dann wenigstens eine Prise Lebenserfahrung, war mein Ansatz.

So saß ich eines Morgens in Avignon in einem Café, vor mir eine Schale Milchkaffee, daneben die obligaten Buttercroissants. Ich schmökerte gerade im 1. Moses in der Abrahamgeschichte – einer meiner unzähligen Versuche, die Bibel von vorn nach hinten durchzuarbeiten. „Gehe in das Land, das ich dir zeigen werde“, las ich. Eigentlich forderte Gott Abram dazu auf. Er redete dabei vom Vaterland und davon, die Sippe zu verlassen, bei der dieser zu der Zeit lebte. [1]

Der Zusammenhang war durchaus ein etwas anderer als bei mir, der ich gerade erst im Süden angekommen war und auch nicht ernsthaft plante, hier ein großes Volk zu gründen. Und doch traf mich diese Stelle. Ich fühlte mich angesprochen, und das mit einem Adrenalinausstoß, den ich sonst nur aus dem Schulunterricht kannte, wenn ein Lehrer meine in endlosen Selbstversuchen optimierte Losanov-Lernmethode [2] dadurch boykottierte, dass er mich aus heiterem Himmel aufrief.

Dieser Adrenalinstoß in Avignon brachte mich dazu, den halben Vormittag mit Gott die Fürs und Wider seines Ratschlags durchzudiskutieren. Und es sprach einiges gegen eine Rückreise! Ich brachte ihn jedoch nicht dazu, ihn von seiner Aufforderung - denn als solche betrachtete ich das Ganze - abzubringen. Der Ort, den er mir zeigen wollte, war definitiv mein Vaterland – das ich gerade erst erfolgreich verlassen hatte. So brach ich mittelschweren Herzens meine Lebensschule ab und fuhr nach Hamburg zurück, ohne den Hauch einer Idee, wozu das Unternehmen gut sein sollte.

Hohn von Seiten meines Vaters, der davon ausging, ich hätte das Landleben keine Woche ausgehalten und der zu meiner fundierten theologischen Argumentationskette keinen wirklichen Zugang fand. Irritation von Seiten meiner Mutter und der anderen Beteiligten – mir selbst eingeschlossen.

Zwei Tage verstärkten Zweifelns später klingelte bei uns das Telefon. Am Apparat war die Vergabestelle für Studienplätze. Scheinbar hatten mehrere der Studenten, die vor mir an der Reihe gewesen wären, ihre Zelte in Hamburg ebenfalls abgebrochen oder waren aus anderen unerfindlichen Gründen nicht erreichbar. Wenn ich bereit sei, umgehend den Platz anzutreten, könnte ich ins Theologiestudium nachrücken. Ich war bereit!

Gibt es ein klareres Zeichen als solch eine „Rückrufaktion“, am richtigen Platz zu sein?

Eine Begebenheit, die ganz ähnlich ihren Anfang nahm, und die vielleicht erklärt, warum ich in Avignon so spontan reagierte, ereignete sich zwei Jahre zuvor. Auch damals war es eine Bibelstelle gewesen, die – obwohl schon x-mal gelesen – plötzlich einen Adrenalinstoß bei mir auslöste und mich nicht mehr los lies. Ich war gerade 18 geworden, und ohnehin offen für alles, was ein bisschen verrückt klang.

Diese Bibelstelle, die mich damals in Bewegung setzte, war Mt. 10,9-10. Jesus fordert seine Jünger auf, sich ohne nennenswerte Barschaften oder Ausrüstung auf Missionseinsatz durch das ganze Land zu machen, um so das Zeug zu tun, das Jünger zu der Zeit eben so taten.

Für mich war bei diesem Lesen absolut klar, dass damit nur meine beiden Wochen Frühjahrsferien gemeint sein konnten und dass Gott mich für diese Zeit auf Tour sehen wollte: ohne Geld in den Taschen und ohne großen Rucksack – nur im Vertrauen auf ihn und seine Führung. Und weil ich einen derart starken Impuls beim Lesen der Bibel nicht jeden Tag verspürte, nahm ich die Sache durchaus ernst.

Der erste Haken dabei war, dass Jesus die Leute zu zweit losschickte. In meinen Augen machte das durchaus Sinn. Leider war mein bester Freund Charly von der Textpassage nicht ganz so elektrisiert wie ich, als ich sie ihm wortlos zu lesen gab. Verständnislos sah er mich an. Vielleicht hätte mich das stutzig machen sollen. Eine Bestätigung von außen ist ja immer ein gutes Zeichen. Aber schließlich schaffte ich es doch, ihn für die Idee zu begeistern. Ich wertete das als Teilerfolg.
Wesentlich schwieriger war es, unsere Eltern von der Notwendigkeit eines solchen Projekts zu überzeugen. Heute bin ich sicher, ich habe von den wilden Telefonkonferenzen zwischen den Häusern unserer Eltern nur einen Bruchteil mitbekommen. Allerdings weiß ich nicht, ob die verschiedenen angedachten Sanktionen und pädagogischen Maßnahmen, uns von dem Vorhaben abzubringen, tatsächlich etwas hätten bewirken können angesichts unserer jüngst erstandenen Volljährigkeit.

Ich war überzeugt, dieser Impuls zur Tour war eine direkte Ansprache von Gott. Und so war klar, wem ich im Zweifelsfall mehr gehorchen würde, ihm oder meinen Eltern. Das müssen auch diese gespürt haben, denn schließlich ließen sie uns ziehen. Jugendliche zu erziehen ist schwierig genug. Wenn diese dann auch noch Christen unter höherem Befehl sind, wird es hart. Heute bin ich ihnen dankbar, dass sie uns diese Erfahrungen machen ließen.

Eine Regel war mir bei der Aussendung wichtig, um aus der Erfahrung keinen Abenteuerurlaub à la „Deutschland umsonst“ zu machen: Der Satz aus dem Psalter, „Nie sah ich meine Kinder um Brot bitten“, hieß für mich: ich werde um nichts bitten, sondern einfach das nehmen, was Gott uns in der jeweiligen Situation gibt. Komischerweise kam mir in den Tagen vor unserer Abreise nie der Gedanke, dass dies eventuell zu Komplikationen führen könnte.

De facto kamen wir nach einem etwas zögerlichen Start tatsächlich ohne eine Bitte aus, jedenfalls wenn man unsere standardmäßige Fortbewegungsart, das Trampen, nicht als Bitte im engeren Sinn wertet. Die ganze Geschichte dieser vierzehntägigen Deutschlandtour hier wiederzugeben, würde den Rahmen sprengen. Ich habe damals Tagebuch geführt, und die Erlebnisse, die wir an den verschiedensten Orten mit völlig verschiedenen Leuten machten, füllen etliche Seiten.

Die Zahl der Kranken, die wir in dieser Zeit heilten und der Toten, die durch unsere Intervention auferweckt wurden, hielt sich in durchaus überschaubarem Rahmen. Dafür stießen wir immer wieder auf Christen, die uns von ihren eigenen Erfahrungen und Ideen erzählten, bekamen Tipps, welche Gemeinden zu besuchen uns neue Impulse geben könnten. Zu einigen christlichen Konzerten wurden wir eingeladen, andere Veranstaltungen wie Jugendtage oder außergewöhnliche Gottesdienst-Experimente nahmen wir mit.

Die wichtigste Anregung, die wir in dieser Zeit erhalten haben, ging wohl von der damals gerade sich etablierenden Hauskreis-Bewegung aus. Allerorten wurden solche Hauszellen gegründet, und jeder, der dabei war, schwor, es gebe nichts Besseres für ein gesundes Gemeindewachstum. So funktionierten wir nach unserem Zurückkommen unsere gemeindeinterne Theater-AG zu einem ersten Hauskreis um. Später erwuchs daraus ein christliches Wohnprojekt und eine Kleinkunstbühne.

Sieht man vom ersten Tag ab, in dem wir uns in unsere neue Rolle einzufinden versuchten, hatten wir eine gute, gesegnete Zeit. Unsere „Notgroschen“ – 2,50 DM pro Tag, die wir bei der Reisevorbereitung nach einigem Zögern als „kein Silber“ einstuften -, befanden sich auch am Ende der Reise noch in unseren Taschen, ein wenig mehr sogar, da eine Christin, die wir unterwegs trafen, uns glaubhaft versicherte, sie hätten von Gott die Anweisung erhalten, uns finanziell zu unterstützen.

Im Nachhinein hatte ich das Gefühl, dass Gott mit diesem Trip uns etwas zeigen wollte: dass es möglich ist, auch heute noch auf sein Wort zu vertrauen, für wie verrückt einen die anderen auch halten mögen. Und dass es völlig ausreicht, auf seine Impulse zu reagieren, um den richtigen Weg zu gehen.


[1] Gen. 12,1

[2] Ihr wisst schon: Lernen im Alpha- (oder Halbschlaf-)Zustand wurde Anfang der 80er als eine der effektivsten Lernformen überhaupt gehandelt. Diese Entdeckung ging auf einen bulgarischen Wissenschaftler namens Gheorgi Losanov zurück. Dass ich diese Technik mehr oder weniger erfolglos für den Schulunterricht umzusetzen versuchte, ist eine andere Geschichte.


© Norbert Krüger 2002.

Der kürzeste Weg zu einem tieferen Verständnis der Dinge ist die Neugier. NK