Inside Vineyard
- Kolumne -


von Norbert Krüger


Hamburg, 15.09.2002

"Gehet aber hin und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Macht die Kranken gesund, reinigt die Aussätzigen, weckt die Toten auf, treibt die Dämonen aus." Matth. 10,7.8
Als Teenager gierten wir nach lebbaren Idealen. Als Twen prüften wir sie auf ihre Alltagstauglichkeit. Jetzt, als thirty-something, versuchen wir andere von ihrem Wert zu überzeugen und drücken uns so um unsere eigenen Zweifel. Die passenden Sätze haben wir seit langem parat. Sie klingen hohl, aber sie sind unangreifbar, weil seit Jahren als wahr bewährt. Wenn wir uns ihrer bedienen, stehen wir auf der richtigen Seite. Und das ist ja auch schon ein gutes Gefühl.

Nicht zuletzt wegen dieser Ideale sind die meisten Gemeinden voll von Jugendlichen, die ihre Konfirmation gerade hinter sich haben. Was Jesus an Werten vermittelt, wird ja selbst von denjenigen anerkannt, die sonst mit Religion nicht viel am Hut haben. Komischerweise sind die Jugendlichen aber mit Eintritt in die Volljährigkeit auch meist wieder draußen aus der Kirche.

In der landeskirchlichen Gemeinde, aus der ich komme, war das nicht viel anders. Wir hatten eine rege Jugendarbeit und waren Feuer und Flamme für Jesus. Unser Pastor hatte Mühe, uns zu vermitteln, dass nicht jeder automatisch Theologie studieren muss. Auch in anderen Berufssparten würden Christen gebraucht. Unseren Enthusiasmus hat das allerdings kaum geschmälert: was gibt es besseres als einen vollzeitlichen Dienst für den Herrn?

Ich habe mal in meinem jetzigen Hauskreis die Frage gestellt, welches die intensivste Erlebnisse war, die jeder mit Gott gemacht hat. Nun ist es bei uns ja so, dass wir - weil wir an einen persönlichen Gott glauben - mehr oder weniger täglich mit ihm reden und so unsere Erfahrungen mit Gebetserhörungen etc. sammeln. Beim Rückblick auf die klarste und eindrücklichste Erfahrung jedoch gingen die Gedanken vieler von uns zurück in die Teenagerjahre.

Hand aufs Herz: die Erfahrung der ersten Liebe zu Gott, der großen Intensität und Ideale, liegt die auch bei Dir in der Zeit der Pubertät? Wenn Du Dich zurückerinnerst an die Male, wo Gott am deutlichsten mit Dir geredet, Dir die klarste Weisungen gegeben hat, landest Du nicht auch in Deiner Jugend?

Mir kommt der Verdacht, dies könne mit einer gewissen Abgeklärtheit zu tun haben. Einem Verlust an Idealen, oder so. Auch in den charismatischsten Gemeinden gibt es eine nicht zu übersehende Kluft zwischen dem, das wir wollen und dem, wie wir wirklich sind. In diesem Niemandsland der Diskrepanz hat sich der Spruch etabliert: "Wir sind nicht besser, aber besser dran." Das beruhigt schon ein wenig, wenn wir von außen darauf angesprochen werden, dass sich unser Lebensstil nicht sonderlich von dem unserer nichtgläubigen Nachbarn unterscheidet. Aber eigentlich, wenn wir wirklich ehrlich mit uns umgehen, ist das nur eine Notlösung.

Eine der beliebtesten und bekanntesten Geschichten um John Wimber, den Gründer der Vineyard, kreist um seinen ersten Kontakt mit einer christlichen Gemeinde. Direkt nach seiner Bekehrung begann er, intensiv die Bibel zu studieren und war daher enorm gespannt auf seinen ersten Gottesdienst. Geduldig hörte er sich die Predigt an, sang die Gemeindelieder mit und wartete darauf, dass nun endlich das ganze Zeug passiere, von dem er gelesen hatte: das die Gemeinde anfinge, einander die Hände aufzulegen und Kranke zu heilen oder rauszugehen und Jünger zu machen. So ein Zeug eben.

Nun muss ich ja zugeben: das letzte Mal, dass ich versucht habe, einen Dämonen auszutreiben, ist mittlerweile auch schon etliche Jährchen her - deutlich vor meiner Zeit bei Vineyard. Die Gruppe, zu der ich damals gehörte, hatte ganz guten Kontakt zu Leuten von Jugend mit einer Mission, und wenn es Schwierigkeiten mit okkult Belasteten gab, haben wir meist die zu Rate gezogen. Irgendwann war unsere Kontaktperson aber so genervt, dass sie meinte, wir sollten die Probleme endlich selbst in den Griff kriegen. Die Aktion verlief nicht sonderlich erfolgreich. Dem Typen, der sich bei uns über den regelmäßigen nächtlichen Besuch von Zwergen und Kobolden beklagte, ging es nachher nicht viel besser als vorher. Die Kobolde schienen unsere Gebete ziemlich gelassen hinzunehmen. Damals hatte ich beschlossen, das Dämonenaustreibung eher nicht zu meinem Gabenkatalog gehöre.

Und die anderen Themen? Krankenheilung usw.? Jaaa... Schon besser. Da gibt es in meinem Vineyard-Hauskreis doch Diverses zu berichten. Meist aus der Zeit in Malaysia, wo einige von uns während eines Einsatzes unterwegs waren. Ich selbst bin durch das Gebet eines Freundes vom Heuschnupfen kuriert worden. Und dafür bin ich durchaus dankbar, denn er (der Heuschnupfen!) nervte mich seit Jahren und wurde immer aggressiver. Das hat allerdings im Gegenzug nicht dazu geführt, dass ich jetzt regelmäßiger als früher für andere Kranke beten würde.

Dabei ist der Aussendungsbefehl in seiner Sprache relativ deutlich. "Gehet aber hin und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Macht die Kranken gesund, reinigt die Aussätzigen, weckt die Toten auf, treibt die Dämonen aus." Wimber nannte das "Doing the stuff". Er glaubte daran und setzte es radikal um. Das war die Stärke von Vineyard. Dinge passierten und es gab viel zu erleben und zu erzählen. Und vielleicht ist das auch der Grund, warum heute Vineyard nicht mehr wirklich "in" ist. Warum Leute, wenn sie vom Wirken des Heiligen Geistes reden, eher Pensacola und ihre Ablegergemeinden im Blick haben.

Manchmal sind wir noch dabei, "das Zeug zu tun". Aber eigentlich sind wir vor allem am "Menscheln". Wir haben unsere eigenen Probleme, unsere Gruppendynamik und all das Zeug eben, was jeder Gemeinde zu schaffen macht. Die Ideale sind noch da, sicher. Aber irgendwie haben sie sich mit dem Älterwerden verändert. Vielleicht ist das der Anpassungseffekt, von dem ich Eingangs geredet habe. Wir machen unsere Erfahrungen und ziehen unsere Schlüsse daraus. Wir lächeln verschmitzt, wenn wir jungen Heißspünden begegnen, und fühlen uns versetzt in unsere eigene Zeit der ersten Liebe. Aber irgendwie wissen wir auch ganz genau, dass dieses Tempo für uns ein wenig zu schnell geworden ist. Das wir realistisch sein müssen mit unseren Erwartungen. Wir legen die Hände auf und beten um Heilung. Aber heimlich sind wir doch überrascht, wenn Gott dann wirklich heilt. Schade eigentlich.



© Norbert Krüger 2002. Der Autor war lange, vielleicht zu lange Webmaster der Vineyard Hamburg-Altona.

Der kürzeste Weg zu einem tieferen Verständnis der Dinge ist die Neugier. NK