Muss Erotik erotisch sein?

In der letzten Zeit ist die Frage nach dem Erotischen in meinen erotischen Texten wieder neu entflammt. Mir ist dabei ein fundamentales Missverständnis deutlich geworden, mit dem einige Leser diesen Texten begegnen. Tatsächlich hat das, was ich schreibe, in den seltensten Fällen etwas mit Blümchen-Sex zu tun. Und sicherlich ist mein Blickwinkel auf die Sexualität ein speziell männlicher – was entscheidend damit zu tun haben dürfte, dass ich ein Mann bin. Das Hauptmissverständnis scheint mir jedoch im Unterschied zwischen "erotisch" und "erotisierend" zu liegen.

An der Frage: „Wie muss jemand beschaffen sein, wenn er das, was er beschreibt, erotisch findet?“ zeigt sich, dass der Ansatz hinter den Texten in vielen Fällen überhaupt nicht transparent geworden ist. Das mag vielfältige Gründe haben. Manche Geschichten sind einfach technisch gesehen nicht gut genug umgesetzt, bei anderen habe ich das Gefühl, die Struktur sei zu visionär, um nachvollzogen werden zu können. Insgesamt ist es jedoch nicht das primäre Ziel meiner Arbeiten, durch die Darstellung zu erotisieren.

So handelt es sich zum Beispiel bei „Svetlana“ (aus: Der Weg der Zähren. éditions ennka, 2004) um ein Übungsstück, wie ich sie manchmal zur Vorbereitung von Romanen anfertige. Ausgangspunkt meiner Überlegungen für diesen Text war eine erste Begegnung mit Leuten, die an SVV (Selbstverletzendem Verhalten) leiden. SVV hat für sich keine erotischen Konnotationen, sondern ist eine Ausdrucksform, unter der die Betroffenen ausnahmslos leiden, auch wenn sie es zuweilen als kleineres Übel ansehen, als der sie verletzenden Umgebung stand zu halten. Auch scheint es gerade bei weiblichen Jugendlichen weiter verbreitet, als ich lange Zeit angenommen habe.
Ich glaube jedoch, dass jeder - gerade auch junge Menschen, die SVV für sich als Ausweg nutzen -, eine tiefe Sehnsucht nach Annahme in sich trägt. Diese Annahme wird in der Geschichte durch Sven verkörpert, wenn er Svetlanas Wunden und ihren Körper schön findet und dies auch klar zum Ausdruck bringt. Gerade in seinen Schwächen angenommen zu werden, ist für mich Zeichen jeder würdigen Sexualität.

Eine Frage, die sich mir dabei aufdrängte, war die nach dem Zusammenhang zwischen verschiedenen Formen der Verdrängung. SVV ist ein Fluchtverhalten, ähnlich wie ich es bei bestimmten Formen, mit Sexualität umzugehen, sehe. Der Zusammenhang mit sexuellem Masochismus verdient da zumindest eines Blicks, wenn ich mir über den Komplex auch durchaus noch nicht völlig im Klaren bin. Wichtig war mir, den verklärenden "Wa(h)re Liebe"-Touch ("Gerade SM braucht ganz besonders viel Vertrauen und ein besonders tiefes Sich-Kennen und ist deshalb eine besonders wahre Form der Körperlichkeit") zu vermeiden, weil ich das zum Teil für eine glatte Lüge halte - gerade angesichts Jacques Dutroux oder jüngst Michel Fourniret halte ich eine derartige Verlogenheit für nicht produktiv.

Meine Art zu schreiben beinhaltet viel stärker ein „Fragenstellen“ als ein „Antwortengeben“. Dies mag einigen Leuten nicht schmecken. Ich behalte mir jedoch meine Skepsis gegenüber allen vor, die auf alle Dinge eine Antwort haben und würde mir wünschen, dass Ihr als Leser mich darauf aufmerksam macht, wenn ich mich langsam in diese Richtung entwickeln würde. Paradigmatisch wird dies bei meinem ersten Roman „Das dritte Prinzip“ deutlich. Auch dieser Roman kreist ja um verschiedene Formen von Sexualität, insbesondere der sexuellen Gewalt. Ich habe darauf keine Antworten, jedenfalls keine allgemeingültigen. Manche Leute kreiden das dem Roman an. Mir hingegen ist wichtig, dass dieses Thema nicht aus dem Blickfeld verloren wird – und wenn es mir gelingt, das ein oder andere Vorurteil dazu aus dem Weg zu räumen oder ab und an einen Leser dazu zu bringen, sich mit seiner eigenen Stellung dazu auseinander zu setzen, ist viel gewonnen.

Sexualität ist mit vielfältigen Problemen behaftet. Daher liegt mir an keiner Literatur, die das verschweigt oder geflissentlich übersieht. In meinen Texten gibt es selten eine heile Welt, weil sie mir auch in der Wirklichkeit nur selten vorhanden zu sein scheint. Muss das thematisiert werden? In meinen Augen schon. Es kann nicht darum gehen, überall da die Augen zuzumachen, wo wir Dinge unangenehm finden. Wenn es mir gelänge, bei der Zielgruppe, den Rezipienten erotischer Literatur, einen Blick für diese Wirklichkeit zu schaffen, wäre viel gewonnen.

Dass Literatur, die sich mit Sexualität auseinandersetzt und diese beschreibt, erotisch genannt wird, ist eine allgemeine Übereinkunft. Mir ist durchaus klar, dass dieses Sujet von Autoren dominiert wurde – und wird, die in erster Linie zwecks sexueller Stimulans schreiben. Ich finde das per se nicht schlimm, solange damit nicht ein Menschenbild transportiert wird, das mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt. Wir sind nun einmal Wesen mit einem Körper, und in irgendeiner Weise gehen wir alle mit diesem Körper um.

Im besten Falle erleben wir diesen Umgang als schön, angenehm und erotisierend. Auch davon soll Erotik handeln, denn unsere Welt ist nun mal nicht nur schwarz oder weiß. In dem insgesamt sehr dunklen Roman „Das dritte Prinzip“ habe ich darum an eine sehr zentrale Stelle die Isabelle-Episode eingebaut, sozusagen als Kontrapunkt in all den kaputten Sex im Umfeld. Auch die meisten anderen Texte haben solche Lichtblicke, solange es das Thema ermöglicht. Andererseits finde ich es auch nicht schlimm, wenn uns Passagen erregen, die eigentlich im Nachgeschmack eher irritieren oder schockieren. Nur wenn wir um die dunklen Seiten in uns wissen, sind wir davor gefeit, andere zu verurteilen. Ich kann den Lesern die Aufgabe nicht abnehmen, dies für sich zu verarbeiten, oder bei Bedarf einfach zu verdrängen. Dahingegen scheint es mir keine Lösung, dieses Dunkel in uns einfach zu leugnen, denn damit betrügen wir uns selbst – und sind uns hilflos ausgeliefert, wenn dieses Dunkel in einem nicht geschützten Rahmen plötzlich ans Licht kommt. Literatur scheint mir ein sehr geschützter Rahmen zu sein.

Muss Erotik erotisch sein? Unbedingt. Wenn sie gut gemacht ist, wird sie etwas in uns zum Schwingen bringen. Wenn sie sehr gut gemacht ist, wird sie uns helfen, uns wieder zu finden oder zu reflektieren, denn dann hat sie etwas mit der Wirklichkeit zu tun. Aber diese Wirklichkeit ist nicht immer hell, darum wird auch das, was ich schreibe, nicht immer hell sein. Aus den gleichen Gründen wird vieles von dem, was ich schreibe, auf den Leser nicht erotisierend wirken, sondern irritierend oder gar erschreckend. Aber vielleicht hilft es uns, die Wirklichkeit ein Stück besser zu verstehen. Das war und ist von jeher das Ziel sämtlicher Literatur, die den Namen verdient.


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