Lange war die Homepage gerade in diesem Bereich verwaist. Ich bin in diesem Jahr so gut wie gar nicht dazu gekommen, neue Kurzgeschichten zu verfassen. Damit Sie einen kleinen Einblick bekommen, woran ich derzeit arbeite, stelle ich daher an dieser Stelle - sukzessive - die Rohfassung meines aktuellen Romanprojekts ein.
Kommentare sind wie immer willkommen, am einfachsten über das Kontaktformular meines Buchladens.


Tod in Ottensen

Die Blutspur führte zur Straße, verlor sich dort aber. Keine Hinweise, keine Zeichen. Der Verkehr wälzte sich von Altona in Richtung Elbvororte wie an jedem anderen Abend. Passanten gingen vorbei, ohne sich für das Blut auf dem Pflaster zu interessieren. Auch Robert hätte an einem anderen Tag keinen Blick darauf verschwendet.

Stundenlang hatte er durch den verglasten Mauerdurchbruch auf den Besucherparkplatz des angrenzenden Supermarkts gestarrt. Vor seinem Fenster kamen und gingen die Menschen, Fahrzeuge kämpften hupend um die Parkplätze, Kleindealer drückten sich in einem kaum einsehbaren Winkel herum und verschoben mit verhuschten Gesten ihre Beutelchen.

Mittlerweile war der Parkplatz leer, die Schranken herunter gelassen. Der Kaffee in der Bol war kalt geworden. Robert wollte sich gerade wieder dem Skript auf seinem Monitor zuwenden, als Fred auf dem Parkplatz erschien. Fred gehörte nicht hierher, er lebte in Eidelstedt. Robert versuchte sich zu erinnern. Nein, verabredet waren sie nicht. Ohnehin gab es vom Parkplatz aus keinen Zugang zu seinem Loft.

Für einen kurzen Moment schien es, als ob Fred zu ihm hochblickte. Dann tauchten drei junge Männer auf. Sie redeten auf Fred ein, fingen an, ihn zu berühren, zu schupsen. Robert sah, wie sie Fred in die Mangel nahmen, seinen Kopf gegen die weiß getünchte Mauer schlugen und schließlich auf ihn eintraten. Fred wehrte sich nicht. Er war schon immer zu weich gewesen. So lag er im letzten Licht der Abendsonne zusammengekrümmt am Boden und blutete. Robert verstand nichts von dem, was er sah, aber zum ersten Mal seit Monaten hatte er das Gefühl, gebraucht zu werden.

Mühsam richtete er sich auf und machte sich auf den Weg, durchs Treppenhaus hinunter, einmal um den halben Block. Er ging langsam, denn ihm fehlte jede Neigung, Freds Angreifern in die Arme zu laufen. Da er vergessen hatte, sich eine Jacke überzuziehen, biss ihm die kühle Herbstluft in die Arme. Ein feuchter, fauliger Geruch lag in der Luft.

Um etwas zu tun, zog er sein Handy aus der Westentasche und rief die Polizei an. Er musste eine Menge dummer Fragen beantworten und hatte nicht das Gefühl, ernst genommen zu werden. Sie würden eine Streife vorbeischicken, versprach die Stimme am Ende der Leitung.

Als er beim Supermarkt ankam, leuchtete ihm ein rotes Minus von der weißen Mauer entgegen. Vielleicht einen Meter lang, etwa auf Bauchhöhe. Es sah aus, als hätten sie Freds Wange an der rauen Mauer entlang geschmirgelt. Robert fühlte den Schmerz, den Fred gespürt haben mochte, an seiner eigenen Wange nach. Auf dem Asphalt, wo Fred gelegen hatte, zeugte eine Blutlache von der Niederlage seines Freundes. Aber der Parkplatz war leer.

Ratlos betrachtete Robert die roten Tropfen auf den grauen Gehwegplatten. Fred musste den Parkplatz sehr eilig verlassen haben, was ihm nicht zu verdenken war. Er folgte der Spur, bis sie sich an der Kreuzung verlor. Mehrmals überquerte er die Ampel in beide Richtungen, sein Blick gen Asphalt gerichtet. Doch konnte er nichts erkennen, was ihm den Weg seines Freundes verraten hätte.

Einen Moment lehnte er sich an den Ampelmast und atmete schwer. Sein Blick suchte die Straßen ab, die hier aufeinander trafen. Vor ihm die „Fabrik“, das größte Veranstaltungszentrum Ottensens, in schmutzigem Rosa. Auf der anderen Straßenseite ein Sonnenstudio im Erdgeschoss eines grauen Neubaus, dahinter mehrstöckige Wohnhäuser im großbürgerlichem Backsteindesign mit Ziergiebeln und Erkerfenstern. Dort konnte Fred nicht längs gelaufen sein, zumindest nicht, wenn er nicht jemanden dort besuchte. Die Straße war weithin einsehbar, und so groß war sein Vorsprung nicht.

Auf der Straße zur Rechten war es voller. Hier reihten sich die Imbisse aneinander, dazwischen kleine Lädchen, in denen man Handys kaufen oder um die Welt telefonieren konnte. Hier hatte er mehrere Möglichkeiten zu verschwinden. Nicht zuletzt, wenn er gleich wieder ins Osterkirchenviertel abbog, in Richtung Bahnhof.

Auf die nächst liegenden Ideen kam Robert zuletzt. Falls Fred zu ihm gewollt und den Weg anders herum um den Block genommen hatte, stand er jetzt vor verschlossener Tür. Und falls er sein Handy dabei hatte, wäre es ein leichtes herauszufinden, wo er steckte. Robert wählte Freds Nummer und wartete auf dessen Stimme. Endlich klickte es in der Leitung. Aber lediglich die Mailbox schaltete sich ein. Er steckte den Apparat wieder ein und sah sich ein letztes Mal um. Auch von der Polizei keine Spur.
Er lief los, zurück zu seiner Wohnung. Noch immer suchte er die Gehwegplatten nach Blutspuren ab.
(Fortsetzung folgt...)

© Norbert Krüger

 



Neugier ist die Kunst, die Welt zu begreifen! NK