Über das Eigenleben von Figuren

In jedem Roman wird früher oder später der Punkt kommen, wo die Figuren ein Eigenleben entwickeln. Sie weigern sich, so zu handeln, wie der vorbereitete Plot es verlangt. Dies mag für den Autoren zunächst nach einem Sieg aussehen und tatsächlich ist dies das Sprungbrett von der Reisbrettfigur zu einem glaubwürdigen Charakter. Gleichzeitig kann dies jedoch nicht bedeuten, den Charakter nun nach Belieben im Roman herummeandern zu lassen. Das Ziel ist vorgegeben und im besten Fall wird die Selbstständigkeit der Figur dazu führen, dass er auf eine eigene, neue, das heißt nicht vorbereitete Art sein Ziel erreicht.

Genauso gut kann es aber auch passieren, dass die Figur in diesem Augenblick beginnt, das Romanziel zu boykottieren. Dies ist nicht per se ein schlechtes Zeichen. Es bedeutet lediglich, dass die Figur, so wie sie angelegt war, im Rahmen des Romans nicht funktioniert, also in ihrer Vita modifiziert werden muss. Oder aber es bedeutet, dass der Plot, der als Vorlage dient, derart an den Haaren herbeigezogen war, dass er nicht funktionieren konnte. Je nach Gewichtung gilt es nun, entweder den Charakter umzugestalten, oder aber den Plot. Keine Lösung scheint es hingegen, einfach zu beobachten, wie die Hauptfigur von sich aus das Problem löst und dem Ziel entgegenstrebt. Denn ein Roman, jedenfalls der literarische, künstlerische, ist wie ein Schachspiel oder gar ein architektonisches Bauwerk derart angelegt, dass die Veränderung an einer Stelle immer auch eine Veränderung des Gesamtbildes bedarf. Diese formale Strenge wird sich bei der Vollendung des Romans allemal auszahlen, auch wenn dabei ein gerade in Deutschland weit verbreitetes Bild vom romantischen Autoren auf der Strecke bleiben wird.

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