Die Quelle der Emotionen

Wenn die Figuren in einer Geschichte glaubhaft sein sollen, kann es nicht nur darum gehen, sie in jeder Szene mit glaubwürdigen, identifikationsstarken Emotionen auszustatten. Dieser Akt, der an sich bereits eine Steigerung zur rein plotorientierten Erzählform darstellt, steht in Gefahr, Figuren lediglich zu Abziehbildern einer klischeebeladenen Story verkommen zu lassen. Sie müssen dann Emotionen erleben, die zur jeweiligen Szene passen, statt aus sich heraus zu agieren und so im Verlauf des Romans ein Ganzes zu entwickeln. Mit dieser vordergründigen Erzählstruktur läßt sich zunächst keine Tiefendimension erreichen.

Statt dessen kommt es darauf an, die Wurzeln der einzelnen Emotionen zu ergründen, und eine Art Vorgeschichte zu entwickeln, die die bestimmten Emotionen erklärt und in einen textuellen Gesamtzusammenhang stellt. Dieses Erarbeiten der Vorgeschichte kann sich also nicht nur auf bestimmte Eckdaten der Vita der Hauptperson beschränken, wie dies zum Beispiel Linda Seeger fordert, sondern muß, um in den einzelnen Szenen ein glaubwürdiges Gefühlsleben zu behaupten, auch in der emotionalen Konsequenz der Ereignisse realisiert werden.

Mit der Zeit wird diese zu entwickelnde Emotionsstruktur bestimmte Koheränzen aufweisen, die im Zusammenhang mit dem Charakter der Figur stehen, ihn jedoch nicht zur Gänze offenlegen können. So wird zunächst ein Grundcharakter für jede Figur nach einem beliebigen Typen-Muster festgelegt werden müssen, und dies am besten so, dass die einzelnen Charaktere innerhalb eines Romangeflechts sich ergänzen, gegeneinander stehen und sich - zumindest im Rahmen der zentralen Figuren - nicht wiederholen.

Nehmen wir zum Beispiel das Astrologische Typenmodell mit seinen zwölf Grundcharakteren zum Ausgangspunkt - und diese Wahl hat etwas Beliebiges -, ist es für die innere Spannung des Romans sicherlich von Vorteil, wenn zunächst alle zwölf Typen besetzt sind, d.h. jeder Figur ein anderes Tierkreiszeichen beigeordnet wird, die ihre psychologische Grundstruktur mit ihren Stärken und Schwächen aufnimmt. Vor dem Hintergrund dieser Grundgegebenheit macht es dann Sinn, nach den Wurzeln der einzelnen zu verkörpernden Emotionen zu fragen, d. h. nach jenen Schlüsselerlebnissen, die diese Emotionen heraufbeschwören.

Dies ist zunächst eine Arbeit, die der Autor für sich unternimmt, die also nicht zwangsläufig in den Roman einfließen muss, dies jedoch sehr wohl kann. Dabei scheint es sich nicht zu empfehlen, auch das Typenmodell, mit dem er arbeitet, allzu freigiebig offenzulegen. Denn während jeder Leser in der Lage sein wird, einer bestimmten Charakterzeichnung Personen aus dem eigenen Lebensumfeld zuzuordnen und somit die Figur beim Lesen für sich als glaubwürdig zu akzeptieren, schließt ein - genanntes- Modell automatisch jene Leser aus, die entweder keinem oder einem anderen Modell folgen.

Diese Gefahr besteht bei der Nennung eines emotionalen Schlüsselerlebnisses nicht. Aber genau, wie in realita Menschen auf gleiche Erfahrungen unterschiedlich reagieren, muß bei einer Romanfigur die Emotion dem Grundcharakter, also den gegebenen Wesenzügen angepasst werden.

Die Wurzel oder der Kern des Gefühls müssen jedoch so klar herausgearbeitet werden, um sich nicht im Laufe des Romans zu wiedersprechen und somit Charaktere zu entwickeln, die in sich jede Glaubwürdigkeit vermissen lassen. Diese kohärente Emotionalität muss, um den Leser fesseln zu können, möglichst für jede Szene und Einstellung des Romans transparent gemacht werden. Das Erzählen wird so von einem reinen Berichten von Aktion zu einem emotionalen Erlebnis, in dem der Leser eine emotionale Reise durch Höhen und Tiefen nachvollzieht und einer Achterbahnfahrt gleich nach Ende der Lektüre das Gefühl bekommt, stellvertretend gelebt zu haben.

Neben die Koheränz der Figur muß bei einem Roman, zumindest, wenn er dem Leser wie aus einem Guß erscheinen soll, ein zusammenhängendes Thema vorhanden sein, auf das alle Figuren sich beziehen. Jede Figur, die in dem Romankomplex auftritt, muß also in Bezug auf das Grundthema des Romans eine Position vertreten - und auch hier scheint es sinnvoll, dass die Positionen sich zum Einen auf den Grundcharakter der Person rückbeziehen und zum Anderen möglichst breit streuen. Natürlich ist es denkbar, dass in einem Roman zwei Gruppen mit unterschiedlichen, aber gruppenkonformen Wertesystemen gegeneinander antreten. Spannender und nahrhafter wird ein Roman meiner Ansicht nach jedoch dann, wenn nicht nur zwei, sondern möglichst viele verschiedene Positionen ihren Ort im Roman finden.

Das soll und kann nicht heißen, dass zwischen den Handelnden entlose Dialoge über das Grundthema des Romans stattfinden. Dies mag in Filmen wie denen Eric Rohmers funktionieren, doch bezweifle ich, dass sich auf diesem Wege eine breite Publikumsschicht ansprechen ließe. Vielmehr sollte im Rahmen der Romanstruktur Platz sein, an dem die wichtigsten Figuren ihre Position handelnd zeigen. Es bleibt dann dem Leser überlassen, diese Situationen gegeneinander zu stellen und sich eine eigene Position zur Identifikation zu suchen.

Ein gutes Beispiel für diese Arbeitsweise zeigt der Roman „Love Story“ von Eric Segal. Gerade in der Auseinandersetzung zwischen Oliver und seinem Vater zeigt sich, dass beide Positionen durchaus ernst genommen werden. So haben sowohl ältere, bzw. reichere Leser die Möglichkeit, sich innerhalb des Romans mit einer Figur zu identifizieren, als auch junge Leute, die selbst im Ablösungskampf mit ihren Eltern stehen.

Natürlich hat der Romanautor die Möglichkeit, durch das Funktionieren oder Nichtfunktionieren bestimmter Positionen Stellung zu beziehen. Dies wird sich nicht vermeiden lassen. Trotzdem sollte sein oberstes Anliegen sein, jede Position zum Romanthema zunächst ernst zu nehmen und in ihrer Tiefenstruktur zu durchleuchten, damit sie wenigstens in sich koheränt ist. Es besteht immer die Gefahr, eine Position vorschnell zu karikieren und damit ihren fehlenden Wert aufzuzeigen. Dies führt jedoch nicht nur dazu, dass Leser, die diese Position selbst vertreten, sich verärgert von einem Buch abwenden. Das größere Problem dabei ist, dass es sich der Autor erspart, bis in die Tiefenschichten dieser Figur vorzudringen, vor derem Hintergrund aus die Position überhaupt erst Sinn macht. Hat er diese Tiefe erst einmal erreicht, wird ihm an einer Karikatur oder spöttischen Zurschaustellung der Position nicht mehr liegen.

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