Norbert Krüger: Warum ich Erotika schreibe

Ich bin seit Erscheinen dieser Site oft gefragt worden: "Warum schreibst du überhaupt Erotika?" (Merkwürdigerweise wurde ich vor Einrichten der Homepage mit dieser Frage selten konfrontiert. Das mag daran liegen, dass mich meine Freunde zu gut kennen, um sich darüber zu wundern. Oder daran, dass die Anzahl der Geschichten, die für sie zugänglich sind, eine solche Frage überflüssig macht.) Aber da hier scheinbar Diskussionsbedarf besteht, will ich versuchen, drei Antworten anzureißen.

1. Habt ihr euch einmal gefragt, warum so ziemlich jedes zweite in eine Suchmaschine eingegebene Stichwort mit Sexualität und Erotik zu tun hat? Oder warum die "Schmuddelecken" der Videotheken, jene kleinen Nebenzimmer mit dem Erotikangebot, den Läden nahezu 50% des Gesamtumsatzes einbringen? Der Markt für Erotika, auch wenn er im Verborgenen blüht, ist immens groß. Woran liegt das? Einfach daran, dass die Welt schlecht geworden ist und auf direktem Wege auf die Apokalypse zusteuert? Hat die Libertinage überhand genommen und jedes "normale" Gefühl erstickt? Bestimmt. Wenn es einen Apokalyptiker unter den Rationalisten gibt, dann sicher mich. Aber wenn das alles wäre, würde ich mich zurücklehnen und meinen eigenen Weg gehen.
Ich bin jedoch sicher, hinter diesem Markt steht ein immenses Bedürfnis nach Nähe, nach Vertrauen und Geborgenheit. Es ist die selbe Sehnsucht, wegen der andere ohne Ende Romanzen und Liebesgeschichten konsumieren: die Sehnsucht nach einem Menschen, der das Vertrauen in dich setzt, sich dir ganz zu öffnen und zu offenbaren. Und nichts anderes ist Sexualität ja. Unendlich intim, unendlich persönlich und im besten Fall unendlich zärtlich. Ich glaube, diese Sehnsucht ist ein Teil von uns allen. Und je weniger es möglich ist, sie in der Realität zu nähren, desto größer wird das Bedürfnis nach einem Subsitut, nach dem Traum.
Diesen Traum zu sättigen will ich nicht jenen Leuten überlassen, die ihn lediglich finanziell ausbeuten und die sich um die Psyche der Konsumenten nicht scheren. Das Frauenbild, das hinter vielen Erotika steht, ist zum Schreien. Die Psychologie solcher Geschichten lebt von Klischees, die sich aber erschreckend in den Köpfen vieler Konsumenten festsetzen. In meinen Augen wird Erotik nicht dadurch langweiliger, dass sie sich mit ernsten Themen auseinandersetzt. Und damit sind wir bei:

2. In meinen Texten geht es mir insgesamt um die Frage, wie Menschen miteinander zurecht kommen. Was bewegt sie? Was ängstigt sie? Für mich ist die Sexualität die Quintessenz dieser Überlegungen. Nirgendwo sonst werden wir in unserem Miteinander so deutlich auf uns zurückgeworfen wie hier. Nacktheit war von je her ein Synonym für die Preisgabe, für ein Sich-wirklich-zeigen. Aber was passiert in dem Augenblick, wo wir nackt voreinander stehen? Was bleibt? Und wie kommen wir überhaupt dorthin?
In dem gerade angelaufenen Kinofilm "Sweet November" (von Pat O'Connor) beeindruckte mich eine Szene, in der der junge Chazz seine Wohnungsnachbarin Sara, die gerade einen krankheitsbedingten Anfall hatte, in fürsorglicher Selbstverständlichkeit in die Badewanne setzt. Was für eine Vertrautheit! Keine erotische Konnotation, aber eine Intimität, die die Welt ein Stück leichter zu ertragen macht.
Wie gesagt, Sexualität hat viele Gesichter. Lange nicht alles, was ich schreibe, ist Erotik. Mein Roman "Das dritte Prinzip", der ab März 2002 lieferbar sein wird, handelt von einer Frau, die vor etlichen Jahren Opfer sexueller Gewalt wurde und mühsam versucht, damit zurecht zu kommen.
Und er handelt von einem Mann, der, weil er ihr Leid sieht, zu verstehen sucht: Was bringt einen Mann so weit, das Leben einer Frau derart sinnlos zu zerstören?
In der Geschichte "Berührungen" (meine Lieblingsstory aus "Die schönste Sache der Welt") geht es um die Frage, welche Mechanismen eine einst liebevolle Beziehung haben totlaufen lassen. - Und wie sich dies auf das Selbstwertgefühl auswirkt.
Aber ich schrieb auch mit viel Freude an den Geschichten um eine Libertinistin und Hedonistin, die als Single von ihrer Freiheit reichlich Gebrauch macht. Sie ist keine meiner typischen Protagonistinnen. Sie als pars pro toto zu nehmen und zu behaupten, alle Frauen wären wie sie, ist Unsinn. Aber es gibt Frauen wie sie. Sie treiben sich in bestimmten Szenebars herum und versauen den Feministinnen ihre Argumentation. Wahrscheinlich verkörpert diese Frau weit mehr Traum als Realität. Aber das weiß sie.

3. An ihr wird deutlich: Wir leben in einer Zeit, in der die Spannung zwischen offensiv gelebter Libertinage und sexueller Unsicherheit unendlich groß geworden ist. Die Reaktionen auf meine Geschichte  "Angst" (aus: "Der Weg der Zähren") zeigen dies deutlich. Aber genau das wollte "Angst" verdeutlichen: bei der Vorstellung, über die persönlichen Grenzen hinaus mit der eigenen Sexualität konfrontiert zu werden, gelangen viele von uns ins Nichts. Vor uns reißt ein bodenloser Abgrund auf, dem allein sich zu nähern schon Fluchtinstinkte und aggressive Abwehrmechanismen auslöst. Dabei ist der Hintergrund der Geschichte ja durchaus realistisch: kaum eine Theaterproduktion mehr (zumindest in den Großstädten), in der die Akteure nicht weit über ihre eigenen Grenzen gehen, kaum ein Kinofilm, in dem die Protagonistin sich nicht vor der Kamera vollständig entblößen müsste.
Das eigentlich Provokante an der Geschichte ist also nicht die (uns geläufige) Erwartung des Regisseurs, sonder vielmehr die Tatsache, dass wir hier zum ersten Mal hautnah die Angst der Protagonistin vor der Entblößung erleben.
Für manche mag es da hilfreich sein, sich auf die repressive Sexualmoral zurückzuziehen, die von vielen Kirchen gepredigt wird (und ich meine "repressiv" hier durchaus positiv!). Dort entsteht ein Schutzraum, der der Angst wieder einen Platz zuräumt, wo sie existieren darf, ohne hinterfragt zu werden. Und das ist gut so.
Schwierig wird es, wo die Angst zum Normalzustand erklärt wird. Wo wir nicht mehr zu unserer Angst zu stehen brauchen, weil wir so tun, als wäre sie etwas anderes. Zum Beispiel ein heiliger Lebenswandel.
Um nicht falsch verstanden zu werden: natürlich gibt es Leute ohne große sexuelle Bedürfnisse. Das kann ein Zeichen von Heiligung sein. Sobald aber Angst die Wurzel für diesen Lebenswandel ist, geht es nicht mehr um Heiligkeit, sondern um Verdrängung!
Paulus sagt in seiner Radikaltität ja nicht nur: "Es wäre gut, wenn ihr wäret wie ich". Sondern auch: "Der Mann leiste der Frau die Pflicht, ebenso aber auch die Frau dem Mann. Die Frau verfügt nicht über ihren eigenen Leib, sondern der Mann; ebenso aber verfügt auch der Mann nicht über seinen eigenen Leib, sondern die Frau. Entzieht euch einander nicht, es sei denn nach Übereinkunft eine Zeitlang, damit ihr euch dem Gebet widmet und dann wieder zusammen seid, damit der Satan euch nicht versuche, weil ihr euch nicht enthalten könnt." (1. Kor. 7,3-5)
Und damit sind wir wieder beim Ausgangspunkt dieses Themas: Wenn wir wirklich in der Lage wären, einander in unserer Sehnsucht zu begegnen (und damit meine ich nicht nur die Bedüftigkeit der Männer), wären Erotika eigentlich überflüssig. Weil aber die Sehnsucht so groß ist, scheint es mir immens wichtig, mich diesem Thema zu stellen, Fragen aufzuwerfen und mögliche Antworten zu skizzieren. Das verlangt eine enorme Ehrlichkeit im Umgang mit der Sexualität. Berührungsängste verhindern diese Ehrlichkeit allzuleicht. Vielleicht gibt es wirklich eine Zeit, Steine zu schmeissen (Pred. 3,5; Joh. 8,7). Jetzt ist sie sicherlich nicht.
© Norbert Krüger 2005

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