Kehrseite des Traums
Jenseits des Mainstram:
Anthoy Drazans "Unsere Welt war eine schöne Lüge"
Was kann man über einen ambitionierten Film sagen,
dessen Macher über nur wenige Erfahrungen in ihrem Metier verfügen? Dass er
bewundernswerte sozialkritische Absichten hat? Dass das Zeitkolorit der
späten Fünfziger mit liebenswerter Detailgenauigkeit getroffen wurde? Dass
die Jungmimen ihr Bestes geben?
Macht es Sinn, darauf hinzuweisen, dass das Drehbuch
ein bisschen konfus daherkommt? Dass die Kamera zeitweise Probleme mit der
Tiefenschärfe hat? Dass es den jungen Akteuren nicht gelingt, neben dem
Schlachtroß Harvey Keitel zu bestehen, der alle anderen mit einem
verschmitzten Lächeln an die Wand spielt?
„Unsere Welt war eine schöne Lüge“ ist eine
schonungslose Abrechnung mit dem amerikanischen Traum: Ray Weiler (gespielt
von Harvey Keitel) glaubt tatsächlich daran, dass er mit ein wenig
Genialität, mit der nötigen finanziellen Starthilfe und notfalls ein paar
kleinen Tricks am großen Geld partizipieren könnte. Aber was er auch
unternimmt, er bleibt ein Verlierer, dessen Weg von Gläubigern gepflastert
ist. Seine Töchter lernen früh, ihn am Telefon und an der Haustür zu
verleugnen. Geschildert wird diese Geschichte aus der Sicht der ältren
Tochter Sonya (Fairuza Balk), die schon in jungen Jahren für ihre kleine
Schwester verantwortlich ist, weil die Mutter früh verstarb und der Vater,
ständig außer Haus, unfähig ist, den Kindern die Liebe und das
Einfühlungsvermögen entgegenzubringen, das sie bräuchten.
Der deutsche Verleihtitel führt in die Irre. Denn schön ist die Lebenslüge
des Ray Weiler in keinem Augenblick. Die Fahrt durch das Herbstlaub, der
Spaziergang in den Mountains und andere Landschaftsaufnahmen schaffen es
nicht, die Atmosphäre des Films aufzulockern. Er zeigt mit brutaler Härte
die Sinnlosigkeit aller Aufstiegsversuche, solange nicht wenigstens ein
Minimum an sozialer Sicherheit gewährleistet ist.
Amerikanische Filme dieses Schlages finden selten den
Weg bis zu uns: hier wird keine fünf Minuten mit dem „American way of life“
geliebäugelt, werden keine romantischen Märchen aufgetischt. Deshalb ist
dieser kleine, mitunter etwas diffuse, aber in jeder Sequenz ehrliche und
idealistische Film dringend nötig. Für den Verleih ist er ein Wagnis, denn
trotz Harvey Keitel und einiger hochrangig besetzter Nebenrollen bietet er
nur wenig dessen, was in der buntschillernden Welt des Kino-Mainstreams für
volle Kassen sorgt. Es bleibt dennoch zu hoffen, dass dem Regisseur die
Chance gelassen wird, seine Technik weiterzuentwickeln. Denn neben der
perfekt umgesetzten Fließbandware der amerikanischen Traumfabriken wirt
„Unsere Welt“ wie ein neuer Aufbruch.
© Norbert Krüger; aus: Hamburger Rundschau 21/18.Mai 1995
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