Impressionistisches Mosaik
Laues Theaterdrama:
Mike Newells "Eine sachliche Romanze"
Als Hugh Grant Anfang dieses Jahres den Golden Globe
für seine Rolle in Mike Newells Komödie „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“
entgegennahm, sagte er ein wenig blasiert, er habe natürlich mit diesem
Preis gerechnet, sei jedoch unangenehm berührt, dass auch andere
Schauspieler nominiert worden seien. Wer ihn nicht privat kannte, konnte
einen Moment ins Zweifeln kommen, ob der nette, junge Mann aus dem
britischen Erfolgsstreifen nicht in Wirklichkeit ein ziemlich arroganter
Klotz sein.
Im Nachhinein scheint es, dass Grant sich in seiner
Dankesrede stark an seiner folgenden Filmrolle orientierte. In Newells neuem
Film „Eine sachliche Romanze“ spielt er den zynischen, schwulen Direktor
einer Liverpooler Theatertruppe, der seine Mitarbeiter skrupellos
schikaniert, um mit ihnen in kürzester Zeit drei Stücke aus dem Boden zu
stampfen.
Jeder Vergleich zu „Vier Hochzeiten“ geht ins Leere.
Denn „Eine sachliche Romanze“ hat zwar komische Momente, ist aber alles
andere als eine Komödie. Detailgenau und mit einigem Tiefgang beschreibt
Newell die Stimmung an einem britischen Repertoire-Theater in den frühen
fünfziger Jahren. Er tut dies aus der Sicht der 16jährigen
bühnenbegeisterten Stella (Georgina Cates), die in der Hoffnung auf eine
Rolle beim Theater anheuert, den Sprung aus der Requisite jedoch kaum
schafft. In ihrer Naivität wird sie zum Spielball sowohl des Direktors als
auch einer der Starschauspieler des Theaters: PL O’Hara (Alan Rickman). Doch
O’Hara, der Stella in die Kunst der Liebe einführt, weiß nicht, wen er vor
sich hat…
Leider ist das Drehbuch alles andere als inspiriert.
Autor Charles Wood, der seinerzeit für Richard Lester das Script zum
Beatles-Film „Hi- Hi- Hilfe“ schrieb, orientierte sich bei seinem neuen
Drehbuch an einem Roman der britischen Autorin Beryl Bainbridge, die selbst
einige Zeit am Theater verbracht hat. Was im Roman funktionieren mag, weil
hier die persönliche Erfahrung der Autorin den Kontext bildet, zerbricht im
Film in ein impressionistisches Mosaik der Theaterwelt, das sämtlichen
Regeln der Dramaturgie trotzt: Hauptfiguren werden erst in der zweiten
Hälfte des Films eingeführt, Nebenhandlungen nicht wieder aufgenommen und
Fäden nicht konsequent weitergesponnen. Die Figuren bleiben statisch, selbst
wenn sie ihre Erfahrungen mit der Theaterwelt machen.
Auch mit „Vier Hochzeiten“ wollte Newell niemanden zum
Nachdenken bringen, niemanden in eine neue Welt einführen. Doch was bei
einer Komödie normal ist, wird bei einem Melodram vom Schlage „Eine
sachliche Romanze“ problematisch: Nichts zu sagen zu haben ist nicht immer
das beste Rezept für einen Erfolg.
© Norbert Krüger; aus: Hamburger Rundschau 20/11.Mai 1995
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