Zeitlose Einsamkeit

"Vanya auf der 42. Straße" von Louis Malle

Dass der Theaterregisseur André Grogory genial ist, hat Louis Malle schon 1982 bewiesen, als er ihn in seinem Film „Mein Essen mit André“ 111 Minuten lang mit dem nicht minder interessanten Autoren Wallace Shawn über Selbstfindung und Psychoanalyse, über spirituelle Reisen und intellektuelle Weltsicht diskutieren ließ.

Mit „Vanya“ filmt Malle nun Gregorys Inszenierung des Tschechow-Stücks „Onkel Wanja“: Professor Cerariakov ist Wissenschaftler, früher der Hoffnungsträger der Familie, schreibt er seit zehn Jahren an einem Buch, von dem jeder weiß, dass es nie fertiggestellt werden wird. Lange Zeit kümmerte sich der Bruder seiner ersten Frau, Wanja, unter größtem Einsatz um das Anwesen des Professors, doch mittlerweile lässt auch er aus Frustration den Landbesitz immer weiter verkommen und stellt stattdessen Cerariakovs zweiter Frau, der jugendlichen Yelena nach, die ihn allerdings nur aus Langeweile an sich heran lässt. Als der Professor verlauten lässt, er habe vor, das Anwesen zu verkaufen, wächst die Spannung im Haus zusehends.

Detailgenau seziert Tschechow kaum kaschierte Langeweile und pseudointellektuellen Habitus als den Abgrund, an dem sich die Gesellschaft seit nunmehr fast hundert Jahren bewegt. Die Einsamkeit, in der die Figuren sich bewegen, ist zeitlos.

Gregory inszenierte das Stück in New York, im „New Amsterdam Theater“ auf der 42. Straße, in dem einst die „Zigfield-Follies“ ihre Triumphe feierten, das nun aber seit bald vierzig Jahren verlassen und dementsprechend baufällig ist. Die Vorführung findet aus Sicherheitsgründen nicht auf der eigentlichen Bühne, sonder überall dort statt, wo gerade Platz für einen Tisch und ein paar Stühle ist – mehr Dekoration braucht das Projekt nicht. Die Zuschauer, meist 20 oder 30 privat eingeladene Gäste, nähmen ihre Stühle mit, wenn von einem in den nächsten Teil des Theaters weitergezogen wird.

Durch die Freundschaft zu Gregory wurde auch Louis Malle auf dieses Projekt aufmerksam. Malle, der sich nie auf einen bestimmten technischen Arbeitsstil festlegte und immer wieder auf innovative Weise mit dem Medium Film experimentierte, was schnell von Stück und Räumlichkeiten begeistert. Was bei seiner Version des „Onkel Wanja“ herauskam, ist cineastisches Schauspiel, nicht Kino, eher geeignet für Theaterfreunde als für Filmliebhaber. Doch all denjeningen, die sonst nie in den Genuß der Gregory-Inszenierung kommen würden, ist „Vanya auf der 42. Straße“ durch seine leichte, überzeugende Interpretation ein Geschenk.


© Norbert Krüger; aus: Hamburger Rundschau 19/04.Mai 1995

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