Schwierige Annäherungen

Chris Menges' Adoptionsmelodram "Probezeit"

Eine Weile steht der Mann unruhig vor dem Zaun und sieht den Kinderheimzöglingen bei ihren sorglosen Spielen zu. Plötzlich läuft er zum Eingang, schnappt sich eines der Kinder und zerrt es auf die Rückbank seines bereitstehenden Wagens. Der Coup ist gut vorbereitet: Nach kurzer Fahrt hält der Wagen, und der Junge wird neu eingekleidet, seine eigenen Sachen verbrannt. Die Spuren sind zunächst verwischt.
Wie sich später herausstellt, ist es sein eigener Sohn James, den John Lennard (Keith Allan) aus dem Heim entführt, um mit ihm in den Wäldern zu leben, ihm Survivaltips zu geben – und das Gefühl, geliebt zu werden. James ist zu jung, um diese Flucht in die Wälder, das Leben in Erdlöchern und das ewige Verstecken als Flucht vor den Behörden und der Polizei zu begreifen. Aber es ist eine Zeit, an die er sich später sehnsüchtig erinnert, nachdem er zurück ist im Heim, vor allem an dem Tag, als wieder einmal jemand dort auftaucht, der es sich in den Kopf gesetzt hat, ihn zu adoptieren.

Voller Skepsis begegnet James diesem walisischen Postbeamten, der ein wenig linkisch versucht, sich ihm anzunähern. Graham Holt heißt dieser neue Vaterschaftsanwärter und gespielt wird er von William Hurt, der als rothaariger Krausschopf, als unbeholfener Dörfler so völlig anders wirkt als seinerzeit in „Gottes vergessene Kinder“ oder „Nachrichtenfieber“. In „Probezeit“ spielt er einen 36jährigen Junggesellen, der noch nie eine intensive Beziehung zu einem anderen Menschen gehabt hat, dessen eigene Eltern Nähe nicht aufkommen ließen und der nun beschließt, dieses Manko in seinem Leben durch eine Adoption auszugleichen. Dass er dabei ausgerechnet auf James trifft, macht die Sache nicht einfacher.

Die Vorlage zu diesem Film stammt vom englischen Romancier David Cook. In seinem 1991 veröffentlichten Buch „Der Zweitbeste“ schildert er einfühlsam und mit lakonischem Witz die schwierige Annäherung dieser beiden höchst unterschiedlichen Personen. Cook schrieb auch das ursprüngliche Drehbuch für den Film, welches dann jedoch aus dramaturgischen Gründen von George Akers weiter dramatisiert wurde, notwendigerweise, denn viel von dem, was Cook in seinem Roman schildert, ist innerer Monolog, der erst durch die hinzuerfundene, nach außen gerichtete Handlung für den Zuschauer nachvollziehbar wird.

Ob dies allerdings dem psychologischen Anspruch Cooks gerecht wird, ist fraglich. Er wolle zeigen, wie Verhaltensmuster, die ein Erwachsener auf sein Kind überträgt und die für ein ständig weitergetragenes Elend verantwortlich sind, gebrochen werden könne, erläutert Cook seinen Ansatz. Wie müssen die Brücken beschaffen sein, um den leeren Raum zu überwinden? Im Kontext dieser Frage ist es wenig hilfreich, wenn Akers den Selbstmord der Mutter, im Roman von James nachhaltig verdrängt, in den Mittelpunkt des Film-Geschehens zieht und James an einen Schwur bindet, den es so bei Cook nicht gegeben hat. Denn auf diese Art wird zwar die Handlung dramatischer, gleichzeitig verliert die Geschichte aber auch ihr Identifikationspotential, ihren Modellcharakter.

Trotz allem ist „Probezeit“ von Chris Menges absolut sehenswert. Menges, der schon mit dem preisgekrönten Südafrikadrama „Zwei Welten“ sein besonderes Gespür für die existentiellen Nöte  und Konfusionen besonders seiner jungen Protagonisten bewiesen hat, ist auch hier wieder ein eindringlicher Film gelungen, der nicht durch vordergründige Action, sondern durch glaubwürdige Charakterzeichnungen überzeugt.


© Norbert Krüger; aus: Hamburger Rundschau 18/27. April 1995

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