Gefallene Engel
"Not Angels but Angels":
Wiktor Grodeckis Portrait der Prager Stricher-Szene
Kieslowski habe ihn seinerzeit an die
Filmhochschule in Lodz gebracht; Kieslowski war es auch, der ihn aus
Hollywood wieder nach Hause schickte: Dort gehöre er nicht hin, soll der
Meister seinem polnischen Landsmann Wiktor Grodecki gesagt haben. Und
dieser fuhr zurück, auch wenn er nicht so genau wusste, was er mit
seinem Talent in der alten Heimat so anstellen sollte.
Zwei Spiel- und zwei Dokumentarfilme sind in seiner
Hollywoodzeit entstanden, - unbekannte Filme hierzulande. Seine neue
Dokumentation „Not Angels but Angels“ entstand am Prager Bahnhof. Seine
Interviewpartner heißen Radek, Robert oder „Miss Jackson“, sind Stricher an
diesem zentralen Anlaufpunkt für den neuen Sextourismus, ein Anlaufpunkt für
all jene, die glauben, vom günstigen Umtauschkurs profitieren zu können.
Offen reden die meist minderjährigen Interviewten von Preisen, Szenetreffs
und ihrem speziellen Angebot, von angenehmen und weniger angenehmen
Erfahrungen. Viele von ihnen sind Heteros.
Gelegentlich erliegt Grodecki der Versuchung, auf
Kosten seiner Interviewpartner Betroffenheit zu filmen. Erbarmungslos hält
er die Kamera auf die Gesichter, während sie vom Verlust von Freunden durch
Aids, von fehlenden Perspektiven und ihrer Hoffnungslosigkeit erzählen.
Manche der Kids sind zu naiv, um sich das Filmen zu verbitten, wenn eine
Frage sie zu sehr schockt. Andere tun es, ohne dass Kameramann Vladimir
Holomek sich groß darum kümmern würde.
Wirklich klar wird nicht, was Grodecki mit diesem Film
auszudrücken versucht. Sollen Bachs Matthäus-Passion und Mozarts Requiem,
mit denen er Teile der Interviews unterlegt, kontrapunktisch wirken, oder
glaubt er an die unschuldige Passion seiner gefallenen Engel? Deutlich wird
lediglich: Wer sich für diese Szene interessiert, erhält mit „Not Angels but
Angels“ ein sehr persönliches Portrait ihrer Protagonisten.
© Norbert Krüger; aus: Hamburger Rundschau 16/13. April 1995
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