Freundinnen fürs Überleben

Film über das Füreinander-Dasein an sich:
"Kaffee, Milch und Zucker" von Herbert Ross

Das Grundkonzept dieser heiter-melancholischen Beziehungskomödie ist simpel. Drei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, treffen aufeinander; drei Frauen wie Kaffee, Milch und Zucker; grundverschieden von sozialer Herkunft, ethnischem Background und ihrer Einstellung zum Leben: Da ist die lesbische Jane (Whoopy Goldberg), eine Nightclub-Sängerin, die gerade Job und Freundin verlor, die von New York die Nase voll hat und die es jetzt an die Westküste zieht. Da ist die AIDS-kranke Immobilienmaklerin Robin (Mary-Louise Parker), patent, konservativ, zerbrechlich, die sich, des Single-Lebens im Big Apple überdrüssig, auf die Spuren einer Reise durch die Staaten begibt, die sie als Kind zusammen mit Mutter und Bruder unternommen hat. Jane begleitet sie auf dieser Fahr. Nicht zuletzt ist da Holly (Drew Barrymore), eine alte Freundin von Jane, die die beiden unterwegs mitnehmen; mit einem gewalttätigen Freund; schwanger, ohne zu wissen von wem; auf der Flucht vor der Polizei wegen eines Verbrechens, das sie nicht begangen hat.

Sidney Pollack hat 1973 einmal eine ähnlich diametrale Ausgangsposition gewählt, als er Robert Redford und Barbara Streisand in seinem „Cherie Bitter – So wie wir waren“ aufeinander treffen ließ. Auch dort war es die gefühlsmäßige Bindung zueinander, die allen weltanschaulichen und sozialen Hindernissen zum Trotz die Protagonisten zusammenhielt. Herbert Ross, der Regisseur von „Kaffee, Milch und Zucker“ zitiert Pollack unverhohlen bereits am Anfang seines Filmes – dennoch ist er alles andere als ein Neuaufguss. Denn bei der Freundschaft zwischen Robin, Jane und Holly geht es nicht um die alles überbrückende Liebe, sondern um den Wert des Füreinander-Daseins an sich. Überhaupt spielt die Story in diesem Streifen keine übermäßig große Rolle. Es sind die drei Charaktere, die hier aufeinanderprallen, sich streiten und sich gegenseitig zur Seite stehen. Handlung entsteht da, wo sich die drei mit ihren Eigenarten, ihren Schwächen und Verletzlichkeiten begegnen, fernab aller aufgesetzten Verwicklungen.

So präsentiert uns der Film ein Stück verdichtetes Leben. Mit viel Witz und Wärme interpretieren die drei Hauptakteure ihre Charaktere, legen ihre Rollen mit für Hollywood ungewohnter Vielschichtigkeit an und liefern somit ein Modell dafür, was Kino leisten kann, wenn Filmemacher und Schauspieler ihr Handwerk verstehen. Di an und für sich nicht neue Aussage, die hinter dem Projekt steht, wird so eindringlich transportiert: Wohl dem, der Freunde hat. Oder, wie es Produzent Arnon Milchan formuliert: „Jeder braucht intimen menschlichen Kontakt, jemanden, mit dem man den Urlaub verbringen kann, den man um Hilfe bitten kann und der einen pflegt, wenn man krank ist.“ „Kaffee, Milch und Zucker“ erzählt die Geschichte dreier Frauen, die sich aus eben diesen Gründen zusammentun, Freundinnen werden und immer füreinander da sind.


© Norbert Krüger; aus: Hamburger Rundschau 13/23. März 1995

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