Schmerzhafte Heilungsprozesse

Eindringlich und sensitiv zugleich:
Michael Apteds "Nell"

In der Einsamkeit der Blue Ridge Mountains, North Carolina, lebt in einer abgelegenen kleinen Hütte am See Nell (Jodie Foster) mit ihrer Mutter. Die Mutter stirbt, und ihre Leiche wird vom Lebensmittellieferanten entdeckt. Damit ist die Idylle zunächst getrübt. Denn in Form des Sheriffs, des Landarztes Dr. Lovell und anderer sozialpflegerischer hauptamtlicher dringt die Zivilisation, vor der die Mutter Nell hermetisch abgeschirmt hatte, in die kleine Welt ein. Sie entdecken in Nell eine junge Frau, die sich ihre eigene Sprache angeeignet hat, und die in ihrer Angst, besonders vor Männern, leicht autistisch wirkt.

Dr. Lovell (gespielt von Schindler-Darsteller Liam Neeson) beobachtet heimlich dieses Wesen und stellt fest, dass Nell, sobald sie sich allein glaubt, völlig anders agiert: die Art, wie sie ihr Leben gestaltet, zeugt zwar von einer zivilisationsfremden romantischen Verklärtheit, ist aber alles andere als unpatent.

Als die ehrgeizige Psychologin Paula Olsen (Natasha Richardson) von dem Fall erfährt, will sie Nell zu Beobachtungszwecken in die Klinik einweisen lassen. Das Gerangel um Nell führt dazu, dass beide, Lovell und Olsen, in Nells Nähe ziehen: Lovell in ein kleines Zelt, Olsen in ein komfortabel eingerichtetes Hausboot. Beide wollen Nell beobachten, um nach einer Frist von drei Monaten über deren weiteres Schicksal zu entscheiden.

Natürlich: Der Vergleich zu Truffauts „Wolfjungen“ oder den Kaspar-Hauser-Verfilmungen von Werner Herzog und Peter Sehr bietet sich an, ist aber nichts desto weniger unsinnig. Denn „Nell“ ist alles andere als eine Sozialisationsgeschichte. Zwar gibt es im letzten Drittel einige Sequenzen, in denen Lovell und Olsen versuchen, Nell mit der Zivilisation bekanntzumachen, doch liegt in ihnen nicht der Kern der Story: Früh begreift zumindest Lovell, dass er in Nell ein gleichwertiges Gegenüber vor sich hat, und er versucht, ihre Welt kennenzulernen. Wenn man hier überhaupt von „Zähmung“ reden kann, dann höchstens im Sinne Saint-Exupérys: Lovell und Nell machen sich vertraut miteinander, und ganz allmählich gerät auch Paula Olsen in den Sog dieses Prozesses, in dem es vorrangig um das gegenseitige Begreifen, das Sich-Erleben geht. Nell reflektiert ungeahnt wach die Aggressionen zwischen den beiden Ärzten und sorgt letztlich dafür, dass sie lernen, zu ihrer jeweils eigenen Geschichte zu stehen und sie und sich anzunehmen.

Dabei ist „Nell“ ein ungeheur eindringlicher Film, weil er sich nicht mit vordergründigen Antworten zufrieden gibt, sondern einen durchaus zuweilen schmerzlichen Heilungsprozeß dreier autonomer Individuen nachverfolgt, die sich durch ihre selbstgewählte Einsamkeit vor den möglichen Schlägen, die die „Realität“ für sie bereit hält, zu schützen versuchen.

Selbst wenn Jody Foster die Rolle der Nell ein wenig zu selbstverliebt interpretiert, ist dies ein leiser Film, in dem jeder Blick eines Schauspielers schon zu viel sein kann. In seiner Emotionalität schafft er ein Bedürfnis nach neuen, einfühlsamen Formen des Aufeinander-Zugehens. Und diese sind nicht nur Wolfskindern vorbehalten.


© Norbert Krüger; aus: Hamburger Rundschau 9/23. Februar 1995

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