Tanz zum Sonnenaufgang

Kabarettistischer Neorealismus:
Paul Harathers Film "Indien"

Wer bei dem Titel an Bilder aus einer fernen Kultur oder an Armut und Elend denkt, liegt beim neuen Film des österreichischen Regisseurs Paul Harather völlig falsch. „Indien“ spielt in Österreich, in Gasthäusern, auf der Straße und im Krankenhaus: Zwei Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, Bösel (Josef Hader), ein kleinbürgerlicher Spießer ohne Karriereambitionen, und Fellner (Alfred Dorfler), ein Yuppie, für den Indien das Land seiner Träume darstellt, reisen per Auto durch das trostlose Marchfeld zwischen Wien und Budapest, um Hotels und Gaststätten zu inspizieren.

An genretypischen Klischees fehlt es nicht, an rasanten Verbalattacken, an alkoholbedingten Lebensbeichten und schließlich jenen klassisch schönen Aufnahmen vom Sonnenuntergang, vor dem die zwei Männer selbstvergessen miteinander tanzen.

Aber dieser selbstvergessene Tanz leitet den Übergang im Film ein, den zweiten Akt, in dem aus dem dialogstarken, aber nur wenig originellen Buddy- und Roadmovie eine sehr persönliche Beziehungsgeschichte wird. Denn Fellner ist krank, krebskrank. Und bis zum Ende des Films wird er aus dem Krankenhaus nicht mehr herauskommen. Bösel weiß das, und der Zuschauer weiß es auch.

Tragik und Humor liegen hier dicht beieinander, dies ist die Philosophie, die hinter dem ganzen Projekt steht, eine Art österreichisches Yin und Yang. „Im wirklichen Leben gibt es ja auch nicht nur Lustiges oder nur Ernstes“, sagt Josef Hader, der auch Ko-Autor des Drehbuchs ist. „Alles ist irgendwie vermengt. Warum also nicht einen lustigen Film über das Thema Tod drehen? – Außerdem muß man sich dann weniger Pointen ausdenken.“

Durch diesen Ansatz hat „Indien“ trotz aller Komik, eine lebensnahe Ausstrahlung; es bleibt kein Raum zur Wirklichkeitsflucht. Hier wird nicht beschönigt, sondern werden Schwächen und Lebenslügen in bester kabarettistischer Manier aufgedeckt, hier wird der Raubbau an der Natur unbarmherzig vorgeführt. Und das kann anstrengend sein. Der Film fordert viel von seinen Zuschauern. Am liebsten würde man sich ein paar der zahllosen Ölpumpen und Hochspannungsmasten wegwünschen, die das Marchfeld durchziehen und die der Regisseur bewusst ins Bild gesetzt hat, um sich vom Kitsch der Heimatfilme der fünfziger Jahre, von den sonnenumfluteten Bergkuppen und lieblichen Almen, abzusetzen: Es gibt nur beides zusammen, das Schöne und das Hässliche, das Komische und das Arge, das Yin und das Yang. Paul Harather hat damit so etwas wie einen österreichischen Neorealismus in Szene gesetzt. Einen kabarettistischen Neorealismus, und das ist allemal sehenswert.



© Norbert Krüger; aus: Hamburger Rundschau 8/16. Februar 1995

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