Abtauchen in die Welt der Romane
Im luftleeren Raum:
Christopher Lloyds "Der Pagemaster"
Jeder kann sich die Unmengen an Informationen und
Geschichten vorstellen, die friedlich nebeneinander in Bibliotheken
schlummern. Von Anthropologie bis Zoologie, von Ivar Aasen bis Marina
Zwetajewa reicht das Spektrum; und jeder Band ist eine kleine Welt für sich.
Die Vorstellung, eine Bibliothek zu verfilmen, ist absurd.
Genau dies aber versucht „Der Pagemaster“: Ein kleiner, überängstlicher
Junge (Macaulay Culkin) verirrt sich in die örtliche Bücherei, wird dort von
mehreren Büchern bedrängt, sie mitzunehmen und taucht mit ihnen zusammen in
die Welt der Abenteuer-, Grusel- und Fantasieromane ein. Dort begegnet er
den Figuren von Carroll, Melville, Stevenson und anderen Literaten.
Der Film besteht aus zwei Teilen, der Rahmenhandlung, die als Realfilm den
kleinen Richie mit seinen Alltagsängsten beobachtet, und der Kernhandlung,
jener Reise durch die Welt der klassischen Literatur, die als
Zeichentrickfilm umgesetzt ist. Real- und Zeichentrickfilm überlagern sich
nur an den Übergängen von der einen in die andere Welt; lediglich jene
Szene, in der die Deckengemälde der Bibliothek zu schmelzen beginnen und
ihre Farben auf den Boden tropfen, um zur Flutwelle angestiegen Richie zu
verfolgen, ist tricktechnisch erwähnenswert.
Fast zwangsläufig kommen dem nicht gänzlich unbeleckten Zuschauer Bilder aus
den teilweise grandiosen Verfilmungen der Stoffe in Erinnerung. Ob Gregory
Peck, als Kapitän Ahab am Bug seine Schiffes mit erhobener Hand der Gischt
trotzend, Robert Newton, als frechdreister Long John Silver über den Strand
humpelnd, oder Spencer Tracy als Dr. Jeckyll, zweifelgeplagt über seine
Reagenzgläser gebeugt, - der „Pagemaster“ muß an diesen Verfilmungen
gemessen werden; denn er ist im Grunde, auch wenn er das nicht beabsichtigt,
ein (Zeichentrick-)Remake jener Streifen.
Selbst jene Literatur-Verfilmungen, die bisher lediglich als
Zeichentrickfilm wirklich funktionierten, „Gullivers Reisen“ etwa oder das
nur kurz zitierte „Alice im Wunderland“, wirken im Original spannender. Dies
liegt zum Teil natürlich daran, dass sich in den wenigen Minuten, die Lloyd
jeder Episode Zeit gibt, sich zu entwickeln, Emotionen nicht aufgebaut
werden können. Die Figuren, so grimmig und gemein sie auch agieren, spielen
im luftleeren Raum, sind Bilder, die vorüber-, nicht aber mitziehen.
So bleibt dem Zuschauer lediglich der Spaß des Ratens, welche Geschichte nun
gerade gemeint ist und aus welchem Buch die Figuren, die teilweise recht
willkürlich die Leinwand kreuzen, denn nun stammen. Fördert das die Lust
auf’s Selberlesen? Schon möglich. Mehr Sinn macht es allemal, die Zeit für
diesen Kinobesuch zu sparen und stattdessen gleich Stevenson oder Melville
aus dem Bücherregal zu ziehen.
© Norbert Krüger; aus: Hamburger Rundschau 6/2. Februar 1995
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