Teuer bezahlte Menschwerdung

Action mit humanistischen Untertönen: 
"Léon - der Profi" von Luc Besson

Es ist nicht das erste Mal, daß Luc Besson den Nebenstrang eines seiner Filme einer Zweitauswertung unterzieht. Schon nach "Im Rausch der Tiefe - The Big Blue"  war er von seinen Tiefseeaufnahmen so beeindruckt, daß er den Unterwasserfilm "Atlantis" hinterherschob, der durch das Fehlen jeglichen Plots imponierte.

"Léon - der Profi" basiert auf einer Nebenfigur aus "Nikita" - der des "Reinigungsmanns" Victor. Besson war von dieser Figur und ihrem Interpreten Jean Reno so angetan, daß er um sie herum einen eigenen Film aufbaute, - mit einem Drehbuch, das er in nur zwanzig Tagen zusammenschusterte.

Jean Reno spielt auch in "Léon" wieder den Cleaner, einen Auftragskiller, der überall dort aufräumt, wo der Mafioso Tony (Danny Aiello) gerade Hilfe braucht. Er ist zuverlässig, präzise wie ein Uhrwerk, lautlos und schnell. Er lebt für die Arbeit, eine Existenz neben dem Job kennt er nicht.

Das ändert sich, als er durch den Spion seiner Wohngstür sieht, wie in der Nachbarwohnung eine Familie durch den skrupellosen Polizisten Stansfield und seine Leute niedergemetzelt wird. Lediglich die zwölfjährige Tochter Mathilda (Nathalie Portman), die zum Zeitpunkt des Massakers gerade einkaufen war, entgeht dem Anschlag. Sie flüchtet sich zu Léon und nistet sich bei ihm ein.

Man merkt, wie Besson über fünfzehn Drehbuchseiten hinweg nach einem Handlungsmotiv für seinen Protagonisten suchte und in diesem Moment gefunden hat. Mathilda ist der schwache Punkt in der Vita des Superhelden Léon, sie ist das berüchtigte Sandkorn im Getriebe. Sie ist der Antipode, an dem Léon sich entwickeln kann. Doch da Léon als Cleaner nur funktioniert, nicht aber eigentlich lebt, kann diese Entwicklung nur einen Verlust an Funktionsfähigkeit bedeuten.

Man könnte die Geschichte als Parabel für den zusehends unmenschlicher werdenden Berufsalltag verstehen, in dem die Persönlichkeit des Arbeitnehmers hinter seiner Funktionalität immer stärker zurücktritt. Die Botschaft Bessons ist vernichtend. Für seine Menschwerdung muß Léon, der Profi, teuer bezahlen: Es ist nicht möglich, gleichzeitig "der Beste" in seinem Beruf und Privatmensch zu sein.

Auch eine andere Lesart des Films ist denkbar: Léon, der die freie Wahl hat, sich für Mathilda einzusetzen oder nicht, kann dies nicht halbherzig tun. Nur die völlige altruistische Selbstaufgabe macht es möglich, daß das Mädchen aus dessen kaputten Verhältnissen herauskommt und einen Neuanfang starten kann. Mitmenschlichkeit "so nebenbei" funktioniert nicht.

Leider hat Besson gemerkt, daß mit Actionfilmen mehr Geld zu machen ist als mit leisen Geschichten. So bleibt zu befürchten, daß sein humanistische Ansatz im Lärm der Maschinenpistolen untergeht.

© Norbert Krüger; aus: Hamburger Rundschau 4/19. Januar 1995

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