In eine anderen Welt
Peter Jacksons
Adoleszenztragödie:
"Heavenly Creatures"
Es ist nicht ungewöhnlich, daß pubertierende Jugendliche ihre Zeit
damit zubringen, Gedichte und ganze Romane zu verfassen. Dies ist ein
Versuch, die eigenen Erfahrungen umzusetzen und zu spiegeln. Böse Zungen
reden von Wirklichkeitsflucht.
Nur selten finden diese Ergüsse eine Öffentlichkeit. Auch Regisseur
Peter Jackson hätte sich der Romane der 16jährigen Pauline Parker und der
15jährigen Juliet Hulme nie angenommen, wenn die beiden nicht im Juni 1954
Paulines Mutter vorsätzlich getötet hätten.
Der Mordfall Parker/Hulme erregte damals wegen seiner Grausamkeit ganz
Neuseeland: Pauline (gespielt von Melanie Lynskey) und Juliet (Kate Winslet)
sind zwei Freundinnen, die sich auf der neuseeländischen Christchurch Girl
High School 1952 kennenlernen. Trotz unterschiedlicher Herkunft verbringen
die beiden viel Zeit miteinander. Ihre Freundschaft wird immer enger und
für deren Eltern immer weniger nachvollziehbar. Als der Verdacht aufkommt,
die Mädchen seien lesbisch, will Paulines Mutter den Kontakt ihrer Tochter
zu Juliet einschränken. Um zusammenbleiben zu können, beschließen die
beiden Mädchen, die Mutter zu töten.
Da das Phantasie-Königreich Borovnia ihrer Romane und das ebenso fiktive
Paradies "Vierte Welt" im Leben von Pauline und Juliet einen immer
größeren Platz einnahmen, fühlte sich Jackson bemüßigt, diese Welten
auch filmisch umzusetzen. Dort jedoch, wo Jackson auf "verblüffende
Effekte" setzt, wird aus der Phantasie der Mädchen ein Desaster im
Stil von Petersens "Die unendliche Geschichte".
Die überdimensionalen Schmetterlinge in der "Vierten Welt"
sind ebenso überflüssig und störend wie der in die karge Landschaft
Neuseelands hineingemorphte Schloßpark Borovnias oder die zum Leben
erweckten Tonfiguren, die die beiden Mädchen in Anlehnung an ihre
Romanfiguren herstellen. Denn in ihrer Phantasie leben nicht Tonfiguren,
sonder Menschen, Schauspieler, was nicht zuletzt der Grund dafür ist, daß
die beiden nach Hollywood wollen, damit dort ein Film aus ihren Geschichten
gemacht würde.
Die Vermischung der Wirklichkeitsebenen gelang 1977 Anthony Page ohne den
großen Trickaufwand in seinem "Ich habe dir nie einen Rosengarten
versprochen" wesentlich besser als Jackson. Beides sind
Adoleszenzdramen, Geschichten, in de die Empfindungen ihrer heranwachsenden
Protagonistinnen im Vordergrund stehen.
Der Mord an der Mutter in "Heavenly Creatures" ist nicht
Zentrum, sondern Schlußpunkt einer Entwicklung. "Heavenly Creatures"
nimmt emotional nicht weniger gefangen als der "Rosengarten". Das
ist seine Stärke. Es gelingt Regisseur Peter Jackson mit seinem Film, die
Gefühlswelt der von ihm porträtierten Jugendlichen glaubwürdig zu
vermitteln.
© Norbert Krüger; aus: Hamburger Rundschau 4/19. Januar 1995
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