Seltsamer als Phantasie

Patricia Rozemas "When night is falling"

Petra ist Performancekünstlerin in einem Avantgardezirkus. Sie tanzt ihre Weltsicht, sie jongliert mit Licht statt mit Bällen, sie lebt von der Magie des inszenierten Traums. Camille ist Dozentin für klassische Mythologie an einem protestantischen College. Sie hat die Möglichkeit, gemeinsam mit ihrem Freund die Leitung dieses Hauses zu übernehmen. Dafür müsste sie ihr Verhältnis zu ihm legalisieren, ihn ehelichen. Ihr Weg innerhalb dieser traditionellen Welt mit seinen engen Grenzen und konservativen Wertmaßstäben ist weithin absehbar, überraschungsfrei und illusionslos.

Für die in ihrem Alltag gefangene Camille muß Petra wie ein Wesen aus einer anderen Welt erscheinen. Dies ist die Grundmetapher des Films. Es geht der Regisseurin Patrizia Rozema nicht darum, eine Dreiecksgeschichte zu erzählen. Ihre Verweise auf die griechische Mythologie, insbesondere auf das Märchen von Amor und Psyche dienen einem anderen Zweck. Sie will, wie seinerzeit Nietzsche, neue Mythen schaffen, Mythen, die sie aus den Versatzstücken der alten Göttersagen sammelt und für den Hausgebrauch neu zusammenstellt. Sie versucht nicht, Realität aufzuzeigen, sondern durch ihre Bilder und Geschichten Mut zur Veränderung, zur Verwandlung zu machen.

Dabei ist es sekundär, ob diese Bilder noch dechiffrierbar sind, einzuordnen und wiederzuerkennen. Wenn erst Camilles Hund sterben muß (das Alte, an dem sie hängt), damit in ihrem Leben Platz für etwas Neues ist; wenn sie diesem Wesen aus der für sie anderen Welt, Petra, durch den Kontakt mit dem toten Hund verunreinigt nur nach einer Katharsis begegnen kann - bei Rozema im Waschcenter als zeitgemäßer Variante öffentlicher Reinigung; wenn sie letztlich erst auf Cupidos Schwingen Zugang zu dieser neuen Welt findet, dann sind dies Allegorien, die zwar der griechischen Mythologie entlehnt sind, die Rozema aber so geschickt und leichtfüßig einsetzt, daß diemand sie verstehen muß, um Gefallen an dem Film zu finden.

Denn auch Apuleius, durch den das Märchen von Amor und Psyche überliefert ist, wollte mit seinen Metamorphosen nicht belehren oder an den Intellekt appellieren, sondern in erster Linie unterhalten. Rozema geht es da nicht anders. So wundert es nicht, daß viele durchaus wohlwollende Kritiker an dem Film besonders seine ästethischen Bilder und visuellen Einfälle hervorheben, den Allegorien jedoch hilflos bis skeptisch gegenüberstehen. Sie verwechseln Phantasie und Leben, sie verstehen letztlich nicht das Motto des Zirkus, in dem Petra auftritt: "Seltsamer als Phantasie, wahrer als das Leben", das gleichzeitig das Motto des Films ist.

Wer in "When night is falling" eine Auseinandersetzung mit dem Thema Homosexualität erwartet, ähnlich wie in Antonia Birds "Der Priester" gar aus christlicher Perspektive, wird enttäuscht sein. Es ist keine realistische Geschichte über Lesben, sondern eine bildstarke Phantasie über die Liebe selbst, über die Freiheit, die zum Leben verführt und über den Mut, sich auf neue Welten einzulassen.

© Norbert Krüger; aus: Hamburger Rundschau 27/29. Juni 1995

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