Kaleidoskop rauher Erinnerungen

Lasse Hallströms "Schiffsmeldungen"

Quoyle mag vielleicht sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein, als sein Vater ihm das Schwimmen beibrachte. Manchmal erinnert er sich in Träumen an jenen Sommer, wacht schweißgebadet auf und fühlt sich, als würde er erneut ertrinken. Und sein Alltag als Erwachsener hat viel von der Lethargie, die oft auf solche Todesnaherfahrungen folgt. Quoyle (Kevin Spacey) hat gerade seine Eltern verloren, als ihn seine Frau mitsamt Tochter verläßt und bei einem Autounfall stirbt. Da ist es fast ein Glück, dass sie zuvor die Tocher einem Kinderhändler verschachert hat und die Polizei das kleine Mädchen Bunny dort unversehrt befreit.

Zusammen mit Bunny und seiner Tante Agnis (Judi Dench) fährt Quoyle nach Neufundland zum Haus ihrer Vorfahren, um sich und seiner Tochter ein neues Leben aufzubauen. Und dort, in dem kleinen Nest namens Quoyles Point, findet unser Antiheld Zugang zu seinen Wurzeln, eine neue Berufung und eine neue Liebe.

Der Film ist vollgestopft mit Erinnerungen, die die Lebensgeschichten der einzelnen Figuren beleuchten. So entsteht ein buntes Kaleidoskop vor dem Hintergrund der rauhen neufundländischen Küste. Doch über diesen Erinnerungen gerät die Zukunft der Figuren weitestgehend aus dem Blick. Ihnen fehlt ein Ziel, auf das sie zugehen könnten und wenn Tante Agnis ihren Neffen auffordert, nicht zurückzusehen, wünscht man sich ein wenig dieser Weisheit auch für Lasse Hallström, den Regisseur. In der letzten Szene des Films schippert Quoyle, der seit seinen ersten Schwimmversuchen Wasser gegenüber seine Vorbehalte hat, selbstzufrieden übers Meer und der Kommentar im Off erklärt, dass Quoyle nun etwas weniger gebrochen ist. Dies scheint eine brauchbare Lösung zu sein, nur - das Problem wurde wärend des zwei Stunden langen Films nie wirklich thematisiert. Denn Quoyle wirkt so, als habe er sich mit seinem Schicksal schon vor langer Zeit arrangiert.

So verblüfft "Schiffsmeldungen" zwar mit seinen vielen Anekdoten, verliert dabei jedoch seine Hauptcharaktere weitestgehend aus dem Blick. Schlimmer noch, es bleibt Hallström überhaupt keine Zeit, Sympathien für seine Figuren zu wecken. Zu viele sind es, die sich mit ihrer Vergangenheit in den Vordergrund drängeln. Diesem Film hätte eine dritte Stunde Dauer sicher bekommen.

Gerade gegenüber Chocolat, der letzten Zusammenarbeit des Teams Halleström (Regie)/Jacobs (Drehbuch), fällt "Schiffsmeldungen" so deutlich ab. Hinter den Bildern schimmert jedoch eine große, phantasiereiche Geschichte durch und macht neugierig auf die pulitzerpreisgekrönte, gleichnamige Romanvorlage von E. Annie Proulx. Und für den Preis einer Kinokarte ist die Taschenbuchausgabe des Romans ja fast schon zu haben.

© Norbert Krüger 2002

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