Zurückgeworfen auf die eigene Wahrnehmung

Atom Egoyans "Exotica"

Nicht viele werden mit dem Namen des jungen kanadischen Filmemachers Atom Egoyan etwas anfangen können. Zu sehr von einer mitunter irritierenden Experimentierfreude geprägt waren seine früheren Spielfilme, als daß er damit ein breites Publikum hätte ansprechen können.

Mit Exotica legt er nun einen Film vor, der durch seine gelungene Personen- und Bildführung auch weniger avantgardistisch interessierte Kinobesucher in seinen Bann ziehen wird. Exotica ist, wie die Arbeiten vorher, eine Reflexion über die menschliche Identität, über die Abgründe der scheinbaren Normalität. Kunstvoll verwebt er die Geschichten seiner Akteure, die auf den ersten Blick nur wenig miteinander zu tun haben: Christina (Mia Kirshner) ist Studentin. Ihren Lebensunterhalt verdient sie sich als Tänzerin im Nachtclub Exotica. Sie kämpft mit Bildern aus ihrer Vergangenheit, und um diese zu bannen, steigt die 21jährige Abend für Abend in einer Schulmädchenuniform auf die Bühne.

Es mag Zufall gewesen sein, daß Francis (Bruce Greenwood) sie mit ihrem ungewöhnlichen Kostüm im Club entdeckte. Aber seine Entscheidung, nun regelmäßig ins Exotica zu gehen, hängt mit seiner eigenen Vergangenheit zusammen; der Besuch wird gleichsam Ritual, um mit dem fertig zu werden, was zu bearbeiten er nie imstande war.

Nur allmählich enthüllt sich der Lebenskontext der Protagonisten; die kleinen Hinweise, die Egoyan gibt, fordern zum Mitdenken auf, ohne jedoch notwendig zum Ziel zu führen: Erst mit den letzten Einstellungen des Films wird das treibende Hanlungsmotiv der Beteiligten wirklich deutlich. Nicht umsonst sind Einwegspiegel ein Leitsymbol: Wir scheinen zu sehen, werden aber in unserer Interpretation immer wieder auf uns selbst zurückgeworfen; die Sicherheit, in der wir uns als Agierende wähnen, beruht auf unserer subjektiven Wahrnehmung. Egoyans Kunststück besteht darin, diese Grunderfahrung der handelnden Charaktere durch die Struckturierung des Plots auch auf die Zuschauer zu übertragen.

Niemand in diesem Film kann wirklich mit Sicherheit sagen, ob er selbst andere benutzt oder nicht vielmehr nur Spielball der eigenen Neurosen und der Interessen anderer ist. Dies gilt für Christina und Francis ebenso wie für Zoé, die Leiterin des Clubs, die sich gegen Barzahlung schwängern läßt, weil sie zwar ein Kind, aber keinen Mann will. Und dies gilt auch für Thomas, den schwulen Inhaber eines Ladens für exotische Tiere, der mittels eines ungewöhnlichen Tricks seine Einsamkeit bekämpft.

"Wir alle legen uns bestimmte Verhaltensweisen zu, um mit unseren Neurosen umzugehen. Aber indem wir dies tun, schaffen wir uns gleichzeitig neue Probleme, unser Zustand verschlechtert sich", sagte Egoyan anläßlich eines Interviews in Cannes, wo er für seinen Film den Internationalen Kritikerpreis '94 verliehen bekam. Nur wenigen gelingt es, Neurosen auf intelligente, unterhalsame Art auf die Leinwand zu bringen. Atom Egoyan ist einer von ihnen.

© Norbert Krüger; aus: Hamburger Rundschau Nr.52/22.12.1994

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