Nichtalternde Kreaturen unter sich

Neil Jordans "Interview mit einem Vampir"

Es ist eine illustre Truppe, die Neil Jordan ("Die Zeit der Wölfe", "The Crying Game") um sich versammelt hat. An die Kamera holte er sich Philippe Rousselot, der einst mit Rohmer arbeitete und später unter anderem Beineix' "Diva" aufnahm. Für die Ausstattung ist Dante Ferretti verantwortlich, der lange mit Pasolini, Fellini und Zeffirelli gearbeitet hat, und dessen Design-Zeichnungen demnächst im Louvre zu sehen sein werden. Und als Kostümdesignerin ist Sandy Powell dabei, die für die stilgerechte Kleidung in Derek Jarmans "Caravaggio", "The last of England" und "Edward II" zuständig war.

Trotzdem bleibt die in der letzten Zeit heißdiskutierte Frage, ob mit Tom Cruise und Brad Pitt als Vampire die Hauptrollen nicht genial fehlbesetzt sind. Gewiß, ihr Anblick entspricht nicht den Sehgewohnheiten; sie sind weder Bela Lugosi noch Christopher Lee. Aber die Idee, junge, smarte Mimen an dieses Rollen zu lassen, war so dumm nun wieder nicht, denn Vampire sind Anne Rices (Dreh-)Buch zufolge Verkörperungen der ewigen Jugend, nichtalternde Kreaturen, blutsaugende Don Juans und Supermänner zugleich.

Die Geschichte wird aus der Sicht eines solchen Vampirs erzählt, eines gutherzigen immerhin, der es ablehnt, Menschenblut zu trinken und sich statt dessen lieber von Ratten, Tauben und bestenfalls Pudeln ernährt: Louis (Brad Pitt) ist ein angepaßter Zeitgenosse, der seine Nächte im Kino verbringt und nach einigem Zögern dem aufdringlichen Reporter Malloy (Christian Slater) ein Interview gewährt. Und da Louis mittlerweile über 200 Jahre alt ist, gerät diese auf Tonband festgehaltene Lebensbeichte entsprechend umfangreich. In Rückblenden erzählt der Film vom New Orleans des ausgehenden 18. Jahrhunderts, dem Paris der Décadence und schließlich dem heutigen San Francisco.

Es ist eine Geschichte, die beinahe ausschließlich unter Vampiren spielt. Menschen sind, anders als bei Bram Stoker, keine ernstzunehmende Gefahr, sie dienen lediglich als Nahrungsquelle. Nur selten treten sie in diesem Film gehäuft auf: In New Orleans versuchen sie, mit Vodoo-Zauber den Bann des Bösen zu brechen; und in Paris sind sie Zuschauer im "Théatre des Vampires", in dem die Vampire auf offener Bühne eine junge Frau verspeisen. Beide Male begreifen sie wenig von dem, was wirklich passiert. Und so bleibt den Vampiren nichts übrig, als sich gegenseitig das Leben schwer zu machen.

Es ist dennoch ein sehr menschlicher Film geworden, voller Intrigen und Emotionen. Und er ist wunderbar photographiert: Allein für die Bilder des alten New Orleans und der Pariser Katakomben lohnt sich der Gang ins Kino. Spätestens nach zehn Minuten sind die Vorbehalte vergessen, die einem beim Ansehen des Trailers notwendig kamen: Die Geschichte läßt keine Zeit für Fragen, und wem das Genre nicht völlig zuwider ist, der wird 120 Minuten oppulente Filmkunst genießen können.

© Norbert Krüger; aus: Hamburger Rundschau Nr.49/01.12.1994

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