Retter aus dem Radiomythos

Russel Mulcanys "Shadow - der Fluch des Khan"

Sie sind alle da, die Ingredienzen des guten alten Kinos. Die schmutzigen Bürogebäude, die Geheimtüren, die irrsinnig lachenden Bösewichte, die gerne die ganze Welt in die Luft sprengen würden, wenn sie dafür nur ein wenig an der Macht partizipieren dürften. Der ein wenig schusselige Wissenschaftler, der zwar die erste Atombombe bauen, rot und grün aber nicht auseinanderhalten kann. Und natürlich die blauäugige Blondine mit dem weiten Dekolleté (Margo Laine, gespielt von Penelope Ann Miller), die kurzfristig die Sinne des Protagonisten Lamont Cranston (Alec Baldwin) alias Shadow vernebelt.

"Shadow" kommt nicht so laut und schrill daher wie seinerzeit "Dick Tracy". Er spiegelt das Zeitkolorit der dreißiger Jahre mit einer Liebe, die einem stellenweise das Gefühl vermittelt, in diese Zeit zurückversetzt zu sein. Es sind die von Woody Allen beschriebenen "Radio Days", Shadow ist "Der maskierte Rächer", der allwöchentlich die Kids vor den Radios zum Träumen brachte, und der Ring, das geheime Erkennungszeichen der Gruppe um Shadow, ist jener Ring, den sich Allens alter ego Little Joe vom "für einen neuen Staat in Palästina" gesammelten Geld kaufen wollte.

In diesem Film von Russel Mulcany tritt Shadow gegen den nach der Weltherrschaft greifenden Shiwan Khan, Urahnen des berühmten Dschingis Khan, an. Aber das ist beinahe nebensächlich. Denn es ist der ewige Kampf zwischen Gut und Böse, dem wir zusehen, es ist nur eine von unzähligen Episoden jenes legendären Radiomythos, die hier verfilmt wurde.

Erst auf den zweiten Blick wird klar, daß Mulcany mit diesem Krimimärchen schüchtern eine Botschaft zu transportieren versucht: "Mein Gott, er hat sie alle hypnotisiert", stöhnt Lamont Cranston, als er plötzlich auf einem vermeintlich leeren Baugrundstück das Hauptquartier des Khan entdeckt: einen riesigen Hotelpalast, in dem es schließlich zum Showdown kommt. Und mit "alle" meint er die gesamte New Yorker Bevölkerung, die nur noch sieht, was sie sehen soll.

Mulcany spielt in diesem Film mit den Möglichkeiten seines Computers wie Spielberg in "Jurassic Park", oder zuletzt und wesentlich brisanter, weil zum ersten Mal optisch perfekt Zeitgeschichte verfälschend, Zemeckis in "Forrest Gump". Die Bilder, die wir sehen (oder nicht sehen), sind virtuell. Es ist nicht mehr erkennbar, ob oder wann wir manipuliert werden. Und in dieser Manipulierbarkeit gehen wir dem Desaster entgegen. Dem persönlichen (im Film ein Taxifahrer, der mit seinem Fahrzeug gegen einen Tankwagen rast oder ein Matrose, der sich vom Empire State Building stürzt), wie dem globalen (verkörpert durch die drohende Atomexplosion). Was wir bräuchten, wäre ein Lamont Cranston, der diesen ganzen Irrsinn stoppt. Aber Helden sind rar geworden.

© Norbert Krüger; aus: Hamburger Rundschau Nr.44/27.10.1994

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