Krank an der Ungerechtigkeit der Welt


Der Tod Ulrike M. Meinhofs
und die Geschichte vom "Reichen Mann und armen Lazarus"
Luk.16,19-31 in ihrer Relevanz für die Christus-Nachfolge

Der folgende Aufsatz ist im Rahmen der Vorlesung von Rudolf Müller-Schwefe: "Theologische Positionen der Gegenwart" 1984 in Hamburg entstanden. Er orientiert sich am politischen Engagement des Theologen Hellmut Gollwitzers.

Wenn die hier vorliegende Arbeit sich nicht mit dem derzeitigen Themenschwerpunkt der Gollwitzerschen Arbeit auseinandersetzt, sondern mit seiner Einstellung zum Terrorismus, dann liegt das zum einen daran, dass mir durch das Zeitgeschehen (Verhaftungswelle mutmaßlicher RAF-Mitglieder und Sympathisanten sowie die verschärfte Anwendung des § 129a des StGB in BVG-Urteilen) eine erneute theologische Standortbestimmung notwendig erscheint; zum anderen daran, dass sich an Hand dieses Themenkomplexes gut die Einstellung Gollwitzers zur Gewaltproblematik und der gesellschaftlichen Verantwortung der Christen klären läßt.

Am 3./4. Januar 1959 fand in Westberlin der "Studentenkongress gegen Atomrüstung" statt, an dem neben Walter Jens, Robert Jungk und Eugen Kogon auch Hellmut Gollwitzer teilnahm. Auf diesem Kongress lernte Gollwitzer Ulrike Meinhof kennen, die im studentischen Vorbereitungsausschuß aktiv war. Es entwickelte sich ein loser Kontakt zwischen beiden, der abbrach, als Ulrike, bedingt durch ihre Mitgliedschaft bei der "Roten Armee Fraktion" (RAF) in den Untergrund ging. Nach ihrer Gefangennahme 1972 bekam Gollwitzer im August 1973 die Möglichkeit, Ulrike im Gefängnis Kölln-Ossendorf zu einem längeren Gespräch zu besuchen. Über den Inhalt dieses Gesprächs ist durch die noch zur Verfügung stehenden Medien nichts in Erfahrung zu bringen.

In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1976 starb Ulrike. Laut Pressemitteilungen erhängte sie sich in ihrer Zelle, was von linksgerichteten Kreisen aber bezweifelt wird, nicht zuletzt, da die Gefangenen der RAF erst vier Tage zuvor Beweisanträge stellten, an denen Ulrike maßgeblich mitgearbeitet hatte und von denen sie sich eine Prozeßwendung erhofften.

"Die Freundesgruppe, die die Beerdigung vorbereitete, hatte den Wunsch, es möge am Grab neben den anderen Rednern auch jemand sprechen, der in irgendeiner Weise mit Ulrike Meinhof verbunden war und der zugleich als Christ sprechen konnte."1

Die Reaktion der christlichen Presse auf das, was Gollwitzer auf dieser Beerdigung zu sagen wagte, war vorauszusehen: War es für ihn selbstverständlich, daß Ulrike in die Arme Gottes hineinstarb, wurde er, teils verwundert, teils entrüstet gefragt, was ihm zu einer derartigen Behauptung das Recht gäbe.

Tatsächlich wird aus der Grabrede nur unzureichend deutlich, woher Gollwitzer die Gewißheit nimmt, daß Ulrike nicht, wie der reiche Mann im Gleichnis, in der Hölle, sondern bei Gott sei. Doch erklärt es sich andeutungsweise aus der Tatsache, daß er in ihr angesichts ihres Todes nicht mehr die Terroristin, sonder eine Frau, die "krank an der Ungerechtigkeit der Welt" war, sah.

Wörtlich sagt er: "Diesen Menschen mit einem schweren Leben, der sich das Leben dadurch so schwer gemacht hat, daß er das Elend anderer Menschen sich so nahe gehen ließ, diesen Menschen mit seinen Hoffnungen und Kämpfen und Depressionen sehe ich jetzt im Frieden der Liebe Gottes. Sie ist in den Tod gegangen aus Motiven, die sie uns nicht gesagt hat, aber sie ist in Wirklichkeit hineingegangen in die Liebe Gottes. Allen bürgerlichen und christlichen Leuten, die sie verdammen wegen ihres Todes, sage ich: Dieses Kind Ulrike Meinhof ist - unabhängig von allem Richtigen und Falschen in ihrem Wollen und Tun - hinübergegangen in die Arme der ewigen Liebe."2

Allein durch diese Umbestimmung der Bedeutung Ulrikes ließe sich ein 'Freispruch, hinein in die Arme Gottes' nicht erklären. Denn auch angesichts der Tatsache, daß sie sich das Unrecht der Welt so zu Herzen nahm, daß sie aus der Unfähigkeit heraus, auf gewaltfreiem Weg etwas zu ändern, den Weg des Terrorismus eingeschlagen hatte, ist ihr Handeln nicht unbedenklich. Voraussetzung für den von Gollwitzer benutzten Imperativ ist die Beschäftigung mit der Frage der Vergebung, die hier nur kurz angeschnitten sei:

Prinzipiell sind alle Menschen in alle Ewigkeit verloren. In Jesus Christus sind die Menschen zu Gott berufen. Das bedeutet nach Gollwitzer, daß es keinen speziell Verworfenen gibt, sondern alle Menschen in gleicher Weise von der Vergebungstat Jesu Christi abhängig sind. Alle menschliche Übertretung ist in Christus vergebene Übertretung. Durch die Vergebung wird der Täter von der Tat getrennt, er erhält neuen Zugang zu einer Zukunft mit Gott, losgelöst von der Vergangenheit.3

Gollwitzer erklärt, daß er mit Ulrike - auf verschiedenen Wegen - für das gleiche Ziel kämpfte: Für die Befreiung der Menschen von Unterdrückung und Ausbeutung. Obwohl er für sich den gewaltfreien Weg wählte, schließt er die Möglichkeit, daß gewaltsame Systemveränderung ihre Berechtigung haben könne, nicht generell aus. In seinem Vortrag "Zum Problem der Gewalt in der christlichen Ethik" sagt er, daß es die Aufgabe eines jeden Christen sei, politische Weltverantwortung wahrzunehmen, d.h., sich an der politischen Gewalt einschließlich der tötenden Gewalt zu beteiligen. Zwar ist Gewalt für einen Christen an sich schon ein nicht gangbarer Weg, die Gesellschaft zu formen oder gar zu leiten, doch muß man davon ausgehen, daß die Welt in ihrem noch nicht erlösten Zustand der gewaltsamen Leitung bedarf. Das kann nicht heißen, kritiklos die bestehende Ordnung zu unterstützen, da diese ohne das Zutun von Christen an ihren irdischen Verhältnissen erkranken muß, sondern beinhaltet den ständigen Wunsch nach einer sozial-revolutionären Systemveränderung. Das kann nun geschehen durch die Teilnahme an der bestehenden Verwaltung oder dadurch, den bisherigen Machthabern eben diese Gewaltverwaltung zu entreißen. Beide Wege sind, je nach Situation, legitim.4

Die "Teilnahme an Guerilla-Aktionen zum Sturz von Unterdrückern" wird sogar zur Aufgabe der Christen, wenn sie durch die "verantwortliche Liebe zu den leidenden Menschen" begründet ist. An diesem Punkt wird deutlich, daß das Problem der Gewalt nicht isoliert betrachtet werden kann, sondern aus ihrem Kontext, ihrer Entstehungssituation heraus gewertet werden muß.5

F¨ Gollwitzer ist es immanent wichtig, bei der Analyse von Gewalt deren Ursprung zu bedenken. Im Falle Ulrike Meinhofs hieße das, ihre Ziele und ihre Auffassung der bundesdeutschen Politik in Relation zu setzen zu den von ihr angewandten Mitteln.

"Das erbärmliche Niveau, auf das die Gewaltdiskussion in der Bundesrepublik dank der gezielt hochgesteigerten Entrüstung über die Bombenleger herabgesunken ist, zeigt sich daran, daß schon die Frage nach den wahren Ursachen dieses Phänomens als Ausdruck von Sympathie denunziert wird. Rerum cognoscere causas - die Gründe der Dinge erkennen -, das ist noch immer eine unentbehrliche Tugend für Wissenschaft und Demokratie. Ein einst liberaler Bundesinnenminister hat unter dem Beifall einer mit dem Namen "christlich" sich schmückenden Opposition seine Entrüstung kundgetan über 'jene, die für alles eine Erklärung suchen'. Wenn wir keine Erklärungen mehr suchen für die Tatsache, daß junge, vielversprechende Menschen unter uns auf Wahnsinn verfallen, wenn wir nicht mehr nach den Ursachen fragen, warum inmitten äußerer politischer Ruhe bei gutem finanziellen Auskommen in der Psyche ungezählter Menschen die Bereitschaft zur Gewalt sich aufhäuft, dann gute Nacht, Demokratie! Dann gibt es nur noch einsperren und 'Rübe ab'. Andere Mittel sind Hitler auch nicht eingefallen. Wo nicht mehr nach Erklärungen gesucht und an den Ursachen gearbeitet wird, da ist der Totalitarismus der Gewalt unter legaler Maske aufs Neue eingekehrt."6

Für ihn liegt das Problem nicht in der Frage, ob nicht-staatliche Gewalt zu sanktionieren sei, sondern er versucht vielmehr, den positiven Ansatz, der hinter der Anwendung revolutionärer Gewalt steht, in für alle gangbare Bahnen zu lenken.

So sieht er im Fall Ulrike Meinhof die Möglichkeit, daß sie, hätte sie mehr gewaltfreie Mitkämpfer für ihr Ziel gefunden, vielleicht ebenfalls den Weg der Gewaltfreiheit gewählt hätte. Durch die "gezielt hochgesteigerte Entrüstung über die Bombenleger" jedoch sei sie immer mehr in eine System hineingerutscht, daß von "Haß und Gegenhaß" gezeichnet war.

Nachdem sie eine Zeitlang versucht hatte, durch ihre Mitarbeit bei der Zeitschrift "konkret" und in der APO ihrem Verdruß an der Ungerechtigkeit der Welt verbal entgegenzuwirken, ging sie mit anderen ähnlich denkenden jungen Leuten in den militanten Untergrund. Gollwitzer sieht darin aber keine unglückliche Verkettung von Zufällen, die aus ihr eine Person werden ließen, die bereit war, für die Durchsetzung ihrer Ziele auch andere Menschen in Gefahr zu bringen, sondern ist sich klar darüber, daß Ulrike diesen Weg genau so bewußt gewählt hat, wie er den seinen, und daß sie dessen Art des Umgangs mit der Staatsgewalt ebenso ablehnte wie er den ihren.

Inhaltlich richtet sich seine Kritik an der RAF weniger dagegen, daß sie in Extremfällen auch zu töten bereit war, als dagegen, daß sie von der viel größeren Gefahr ablenkte, die die Staatspolitik in sich birgt. Sicherlich ging es ihm nicht darum, qualitativ Menschenleben abzuwägen, doch wird deutlich, daß die Gefahr, die von Ulrike und ihren Genossen ausging, als weitaus harmloser eingeschätzt wird als die der Außenpolitik, die in nicht auszudenkendem Maß Geld in die Aufrüstung steckt, während am anderen Ende der Welt Menschen verhungern. Gollwitzer hält die Angst vor dem Terrorismus für ein gezielt eingesetztes Mittel des Staates, um die Pole, von denen die wirkliche Gefahr für die Bevölkerung ausgeht, nämlich der "unermeßlichen Gewalt der Befehlsapparatur" zu verschleiern.7

Dass Gollwitzer mit dieser These Recht zu haben scheint, unterstützt ein Artikel der Frankfurter Rundschau vom 20.9.75. Die Rundschau bestätigt darin, daß der Staatsschutz seit 1972 verschiedene Projekte nach dem Konzept der CIA-Zentrale entwickelt habe, um künstlich die Angst des Volkes vor linksextremen Gruppen zu steigern. Am 23.9. reagierten die Stammheim-Gefangenen auf diesen Artikel mit einem Brief an die FR, in dem es unter anderem hieß:

"Die politisch-militärische Aktion der Stadtguerilla richtet sich nie gegen das Volk. Die RAF greift den imperialistischen Apparat, seine militärischen, politischen, ökonomischen und kulturellen Institutionen, seine Funktionäre in den repressiven und ideologischen Staatsapparaten gezielt an.(...)
Dagegen ist die nachrichtendienstlich gesteuerte Provokation durch Terror gegen das Volk darauf aus, durch die Erzeugung von Angst und Diffusion im Volk Identifikation mit dem Staat zu erzwingen. Auf dem Hessenforum hat der Präsident des OLG Braunschweig die countertaktik des Staatsschutzes ausgesprochen - wörtlich: man müsse 'beim Gefühl der Unsicherheit des Bürgers ansetzen' und 'vom subjektiven Gefühl der Angst ausgehen'."

Gollwitzer warnt davor, in Zeiten der Unruhe sofort nach einem "starken Staat" oder sogar einem "starken Mann" zu rufen. Egal, ob diese Unruhe nun vom Volk ausginge oder staatlich initiiert seien, in jedem Fall würde der Ruf nach machtvollem Auftreten nur eine Ausbreitung der Staatskompetenzen zur Folge haben; statt sie, wie es sinnvoller wäre, auf das Notwendigste einzuschränken.

Noch einmal: Wenn es nicht darum ginge, revolutionäre Fehlentwicklungen mit Strafe zu sanktionieren, sondern ihnen zuvorzuwirken, indem man gegen die sie auslösenden Unterdrückung mit einer gewaltfreien Aktionsweise anging, ließe sich der bewaffnete Konflikt umgehen. Der Ausbau der staatlichen Gewalt steht also notwendig in Relation zu der Passivität der Bürger in Fragen von Unrecht und Unterdrückung.

Es ist an diesem Punkt dringende Aufgabe der Christen, neue Konzepte des gewaltfreien Widerstandes gegen staatliche Fehlentwicklungen zu entwerfen. Das Ziel des politischen Handelns muß die gewaltlose Gesellschaft sein. Solange aber die Existenz gewaltfreier Gruppen als Korrektiv und Warner vor den Versuchungen und Brutalitäten des Gewaltgeistes des Staates wie des Volkes nicht gesichert ist, muß mit Gruppen gerechnet werden, die aus ihrem Ohnmachtsgefühl gegenüber der Ungerechtigkeit des Staates ebenfalls Gewalt anwenden, wie eben die Gruppe um Ulrike Meinhof.

An diesem Punkt kann der Verdacht entstehen, Gollwitzer würde den Staat als das Negative an sich klassifizieren, wie es ihm die "Berliner Rundschau" nach der Ermordung des Kammergerichtspräsidenten Drenckmann nachsagte.8 Richtiger wäre es wohl, die heutigen Staatsformen als notwendiges Übel zu betrachten, in denen, wie es im 5. Artikel der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 heißt, der Mensch "nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen" hat. Da aber der Versuch einer gewaltsamen Ordnung des Staats menschlich ist, bedarf er der ständigen Kontrolle der Christen. In diesem Sinn ist es zu verstehen, wenn Gollwitzer die Notwendigkeit eines Korrektivs unterstreicht: er schürt nicht den Haß gegen das bestehende System, sondern fordert die Christen auf, ihre politische Verantwortung wahrzunehmen. Die "Revolution von unten" ist strukturell nicht Gegengewalt gegen die Herrschenden, sondern positive Unterstützung des eigentlichen Staatsinteresses, nämlich der Aufrechterhaltung des Rechtsfriedens für alle.

Dabei weist er immer wieder auf die Gruppen hin, die durch ihre bloße Existenz die Christen in ihre Verantwortung hinweisen, ob im Hitler-Deutschland die Juden, im Nachkriegsdeutschland die Rüstungsgegner, später die Armen oder eben die Terroristen. Nach der Weltkirchenkonferenz 1968 in Uppsala erscheint von ihm ein Buch, in dem er erstmals die Parallele zwischen einer dieser Gruppen, nämlich den Menschen in der Dritten Welt und dem Gleichnis vom "Reichen Mann und armen Lazarus" zieht.

Hierbei übernimmt er zunächst die im Gleichnis gegebene Situation, indem er das Verhalten des Reiches auf die Menschen in den Industrienationen projiziert. Dazu betont er, daß das Drittel der Menschheit, "das mit Entfettungskuren beschäftigt ist, während die anderen zwei Drittel mit Hunger und Verhungern beschäftigt sind", zum größten Teil aus getauften Christen bestehe.

Skopus dieses Gleichnisses ist nicht die Vertröstung des Armen auf ein Jenseits, in dem es zu einer Wiedergutmachung für den erlittenen Hunger kommt. Vielmehr wird der Reiche vor der Verwerfung gewarnt und zu diesseitigem Handeln und Tun angeregt. Der Arme steht nicht in erster Linie als Sinnbild des Opfers, sondern als derjenige, der unser Verhalten in Frage stellt und es von einer neuen Perspektive aus beleuchtet.

An ihm selbst können wir nicht mehr handeln, gleichwie es für eine Unterstützung der Terroristen - nicht des Terrorismus! - wohl zu spät ist. Dafür werden wir uns für die Kluft verantworten müssen, die wir haben zwischen uns und sie kommen lassen, und die nun im Nachhinein nicht mehr zu überbrücken ist.

Wir, die wir mit dem, was wir irgend bekommen können, ein glückliches und unbeschwertes Leben zu führen versuchen, müssen uns das von den "Heiligen Vätern" anrechnen lassen. Unser unpolitisches Verhalten war und ist im höchsten Maße politisch, da die bestehenden Verhältnisse manifestierend. Aus dem Passiv des sich nicht um die Gewaltfrage Kümmerns, - und auch das Zulassen des Wohlstandsgefälles zwischen Industrienationen und Ländern der Dritten Welt ist eine Form von Gewaltakzeptanz -, wird so ein Aktiv des antichristlichen Verhaltens.

Was dem Reichen zur Last gelegt wird, drückt sich im Gleichnis nicht im Aktiv aus, sondern - in Bezug auf Lazarus - in seiner Passivität. Christus wird nicht verhindern, daß die Menschen, die es wollen, mit ihrem Besitz, - auch dem Besitz an Zeit, die sie für Vorbereitung und Realisierung einer politisch-sozialen Reform nutzen könnten -, gedankenlos und egoistisch umgehen. Wir müssen uns aber darüber im Klaren sein, daß wir mit einem derartigen Verhalten an Gott vorbei leben.

Das Gleichnis zeigt weiter, daß derartiger Egoismus nicht nur in Einzelfällen existiert, sondern weit verbreitet ist. Der Reiche redet von seinen fünf Brüdern, die ebenfalls diesen Lebensstil angenommen haben. Diese Brüder hatten durchaus die Möglichkeit, anhand der Schrift zu erkennen, wie weit sie sich durch ihre Taten von Gott entfernen. Der selbstverständliche Verweis Abrahams auf Moses und die Propheten deutet darauf hin. Trotzdem ist der Reiche davon überzeugt, daß dieses Wissen die Menschen nicht zu einer Lebensumstellung bewegen würde.

Seine Hoffnung, es möge helfen, wenn einer von den Toten auferstünde und zu den Menschen ginge, wird von Abraham zerstört: Sie werden auch dann nicht glauben, heißt es am Ende des Gleichnisses, wodurch Jesus gleichzeitig die zu erwartende Reaktion der Menschen auf seinen eigenen Tod und die darauf folgende Auferstehung relativiert. Wie Recht er damit hat, wird daran deutlich, daß zwar von den Reichen offen die Totenauferstehung bekannt wird, sich damit aber bei den meisten von ihnen keine weitreichenderen Konsequenzen für ihr Handeln verbinden.

Hier zeigt sich, daß das Gleichnis in seiner Zielsetzung nicht nur materielle Ungleichheit angreift, sondern diesen Rahmen sprengt. Abraham weist auf Gesetz und Propheten hin, wodurch auch Lazarus seiner Funktion als Symbol der Armut enthoben und in einen gesamtchristlichen Rahmen gestellt wird. Er, Lazarus, wird nicht nur dem Reichen zum Verhängnis, sondern steht für das gesamte Gesetz, welches Jesus mit den Worten zusammenfasst: "Alles, was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut auch ihnen. Das ist das Gesetz und die Propheten."9

Wenn es zunächst auch so aussieht, als ob hier eine allgemeine Wahrheit ausgesprochen würde, die schon lange vor Christus und in völlig anderen Kulturkreisen existierte, läßt sich in diesem Satz doch die ganze Problematik von Terrorismus und politischer Verantwortung in der Jesus-Nachfolge zusammenfassen. Zwar ist ersichtlich, daß diese Aussage Jesu an sich kein Novum darstellt, doch bringt er vor dem Hintergrund des göttlichen Handelns in der Welt sowie der von Jesus verbreiteten Ethik ein völlig neues Element. Stellt das konfuzianische "Was du nicht willst, das man dir tut, das füge auch keinem Anderen zu" etwa noch einen Passiv dar, der einem ermöglicht, mit der Welt in Frieden auszukommen, und der, nach dem Motto "Wie man in den Wald hineinschreit, so kommt es heraus" versucht, Haß und Unheil von sich selbst abzuwenden, appelliert Jesus mit seinem Satz an Liebe und Selbstlosigkeit der Christen. Kernaussage ist bei ihm "...tue dem Anderen...", und er proklamiert damit nicht nur eine neue Moral, sondern zeigt die ganze Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen an.

"Gott will, daß Menschen sich opfern für Gottes Sache. Darum opfert sich Gott in Jesu Kreuz für des Menschen Sache. Gott will, daß von uns Menschen nicht ein Geist des Hasses und der Bitterkeit und der Angst ausgeht, sondern ein Geist der Freude und der Liebe; darum macht sich Gott auf und läßt von ihm aus durch die Botschaft Jesu einen Geist der Freude und der Liebe ausgehen. Gott will, daß keiner von uns wartet, bis die anderen ihn lieben, sondern er macht sich auf und macht selbst den Anfang und kommt uns zuvor und setzt sich für uns ein und geht auf uns zu und dringt bei uns ein durch seinen Geist und kämpft in unserm Herzen mit dem alten Geist. Das ist das Kommen des Reiches Gottes jetzt schon herein in diese verlorene, alte, falsch lebende Welt. Und dies also ist Reich Gottes, so wird es gelebt: Einmal, jeder fängt bei sich selbst an, und zweitens, jeder ist dem Andern der Mensch, von dem er möchte, daß der Andere ihm ein solcher Mensch ist."10

Indem wir bei uns merken, wo unsere eigene Not liegt, erkennen wir die Not bei unserer Umwelt und können auf sie eingehen. Dies gilt genauso in unserer nächsten Umgebung wie für den weltpolitischen Zusammenhang: Indem wir die Unzulänglichkeiten des freiheitlichen Rechtsstaates erkennen, verstehen wir die Not der Völker, in denen Andersdenkende noch gefoltert und zum Tode verurteilt werden; indem wir erkennen, wie wichtig uns die Befriedigung unserer Grundbedürfnisse ist, bekommen wir einen Blick für den Mangel in der Dritten Welt.

Das heißt aber auch: Indem wir sehen, wie wichtig uns ein Arbeitsplatz ist, in dem unser Denken nicht zwangsläufig abstumpft, müssen wir unsere Solidarität zur arbeitnehmenden Bevölkerung unter Beweis stellen. Indem wir erkennen, wie wichtig uns die Möglichkeit der freien Entfaltung unserer Persönlichkeit ist, werden wir uns gegen die Unterdrückung anderer Menschen, sei es auf Grund von politischer oder religiöser Einstellung, des Geschlechts oder der Hautfarbe, engagieren müssen. Indem wir erkennen, wie sehr wir in diesem Gesellschaftssystem zum Funktionieren eben dieses Systems eingesetzt werden, wir also zum Objekt des Handels werden, werden wir uns für die Humanisierung und gegen die Ausbeutung einsetzen.

Der Christ bekommt auch eine neue Einschätzung der ihm zur Verfügung stehenden Mittel: Gewalt kann nur dann angewandt werden, wenn derjenige, der sie anwendet, bereit wäre, sie gegen sich selbst anzuwenden, stände er in der betreffenden Situation. Anders gesagt: jede Anwendung von Gewalt muß einen Christen so tief zuwider sein, als würde er sie gegen sich selbst richten; sie muß ihm so tief treffen, als wäre er das Opfer.

Nur die Befreiung von unseren partikulären Interessen kann langfristig gesehen zu einer herrschafts- und somit gewaltfreien Gesellschaft ohne Unterdrückung und Ausbeutung führen. Erst wenn sich bei uns eine Wandlung vom nehmenden zum gebenden Menschen vollzieht, können wir mit dem Bewußtsein leben, Jesus wirklich nachzufolgen. Gollwitzer bezeichnet diese Wandlung als die stärkste Revolution überhaupt, Jesus selbst bezeichnet es als eine zweite Geburt des Einzelnen.11

Es liegt nun an uns, Christus in Wort und Tat als unseren Herrn anzuerkennen und uns an einer Veränderung des Diesseits zu beteiligen. Auf diese und nur auf diese Art können wir unsere Glaubwürdigkeit bewahren und verdeutlichen, daß das Christentum nicht nur eine Religion, sondern vor allem auch gesellschaftsbildende Kraft ist.



Anmerkungen

1. aus: Junge Kirche 37/1976 Heft 6, S.318 Die Grabrede Gollwitzers wurde später für sein Buch "Nachrufe" übernommen.
2. ebd. S. 319
3. aus: Kommentar und Kritik zu Karl Barths Äußerungen über Gefangenenseelsorge, abgedruckt in U. Kleinert (Hg.) "Strafvollzug" München: Christian Kaiser Verlag, 1972
4.
in: Zum Problem der Gewalt in der christlichen Ethik werden die hier angerissenen Themen weiter ausgeführt. Gollw. geht in dem Vortrag zunächst auf die genauere Definition uns Abgrenzung von "Gewalt" ein, gibt dann einen kirchenhistorischen Überblick über die Einstellung der Christen zur Staatsgewalt, um dann unter Hinweis auf die derzeitige weltpolitische Lage "Christen und Sozialisten" zum Abbau der Klassenherrschaft aufzufordern.
Dieser Vortrag wurde am 8.7.1972 vom Bayrischen Rundfunk gesendet und in überarbeiteter Form von Hans-Georg Geyer im Chr. Kaiser Verlag München 1973 veröffentlicht.
5.
nach: H. Gollwitzer Die reichen Christen und der arme Lazarus München: Christian Kaiser Verlag, 1969. S. 77-79
6. Freispruch und Freiheit. aaO. S. 164f
7. ebd. S. 163f

8. Neben Gollwitzer besuchten auch andere Theologen wie Kurt Scharf Ulrike Meinhof. nachdem der Verdacht entstand, daß über kirchliche Mitarbeiter von den RAF-Gefangenen die Vorbereitung des Drenckmannmordes aus dem Gefängnis herausgeschleust wurde, schrieb eine Dr. Ursula Besser in der Berliner Rundschau vom 5.12.1974 einen Artikel über die 'Kirche im Zwielicht', in dem es unter anderem heißt:
"Die Besuche bei Ulrike Meinhof und ihren Haftgefährten stehen unter einem besonders ungünstigen Stern, weil sie offenbar zu einem Glied in einer Kette von Aktionen geworden sind, die durch die Häftlinge selbst angeleitet und von Anarchisten und deren Sympathiesanten entfesselt, die Öffentlichkeit seit Monaten immer wieder aufschrecken.
Manche Geistliche und Mitarbeiter der Kirchen haben sich mit ihrem bischof allem Anschein nach in ein Muser einbauen lassen, das allein darauf angelegt ist, diesen Staat zu verderben und zugleich die Kirche zu zerstören.(...) Hinter diesem gestörten Verhältnis der Kirche zum Staat steht die Gollwitzersche Revolutionstheologie, die Revolution von oben - des Kapitalismus und Imperialismus - und einer Revolution von unten - der Gegengewalt gegen die Herrschenden - vorstellen kann. Mit Gollwitzer scheinen Teile der Berliner evangelischen Kirche den Staat als das Böse an sich zu sehen."
Der Artikel wurde in dem Band Pfarrer, die dem Terror dienen, rororo aktuell Bd.1885 abgedruckt, der auch die Rede Parteilichkeit für die Opfer der Macht Gollwitzers enthält, die in der hier vorliegenden Arbeit jedoch nicht berücksichtigt wurde. 9. Matth. 7,12 Eine Predigt, die Gollwitzer zu diesem Bibelvers gehalten hat, ist in dem Predigtenband Veränderungen im Diesseits, München: Chr. Kaiser Verlag, 1973, enthalten. Die im Text folgenden Ausführungen beziehen sich zum größten Teil auf diese Predigt.
10. ebd S.54f 11. Joh. 3,3


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Auf der Suche nach einer lebbaren Ethik werden wir immer wieder über uns selbst stolpern. Vielleicht hatte Kant doch recht? NK