Christliche Ethik - eine Einführung

"Alle Ethik beginnt damit, dass der Mensch sich selbst als Aufgabe versteht" heißt es irgendwo bei Wolfgang Trillhaas. Mit diesen Worten leitet auch Trutz Rendtorff seine Einführung in die Ethik ein. Frei übersetzt bedeutet der Satz: Ethik entsteht in dem Augenblick, wo zwei Leute aufeinandertreffen und meinen, sie könnten sich vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen hätten.

Seit Calixt (gest. 1656) haben sich Theologen einen Spaß daraus gemacht, genau dies als eigenständige Disziplin zu kultivieren. Von den Zehn Geboten bis hin zu der populären Aufteilung der Ethik in Pflichten gegen Gott, sich selbst und den Nächsten wird deutlich, dass (jüdisch-)christliche Ethik vor allem präskriptiv, vorschreibend ist. Der Fachterminus für diese Form von Ethik nennt sich Deontologie, oder auf gut Deutsch Pflichtenethik. Das bekannteste Beispiel für eine solche Ethik lieferte Kant mit seinem berühmt gewordenen Kategorischen Imperativ.

"Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte", ein Satz, den auswendig zu beherrschen für Seminar und Prüfung sich lohnt, auch wenn kaum einer mehr registriert, was er bedeutet. Die normale Auslegung besagt, dass du nur die Dinge tun solltest, von denen es dich nicht stören würde, wenn jeder andere sie auch täte.

Fromme Geister seien hier an die berühmte "Goldene Regel" (Mt. 7,12) erinnert, die immerhin ein paar Jahre älter ist und letztlich auch nichts anderes sagt.

Mit den letzten beiden Beispielen begeben wir uns aber auf gefährlichen Boden, alldieweil hier der Ermessensspielraum des Einzelnen sich zunehmend vergrößert. Das Vertrackte an der deont(olog)ischen Ethik besteht aber gerade darin, dass sie in vieler Hinsicht feste Regeln aufstellt, was denn sittlich Gut sei und was nicht. Dies heißt aber letztlich nur, dass sie dem Einzelnen das Denken abnimmt. Indem bestimmte Handlungsweisen als Gut klassifiziert werden (zum Beispiel unter Berufung auf christliche Gebote), wird dem Individuum ein Leitfaden in die Hand gedrückt, nach dem er sich zu verhalten hat.

Damit qualifiziert sich das deontische Modell zur Ethik der Zukunft. In Phasen der Selbstsicherheit und der sozialen Erträglichkeit (um nicht vom sozialen Wohlstand zu reden) kann das Individuum seine Freiheit genießen und empfindet präskriptive Vorschriften als lästig. Erfahrungsgemäß wird aber in Zeiten der Unsicherheit und der wirtschaftlichen Regression der Ruf nach einer "starken Hand", nach einer funktionierenden Hierarchie, und schließlich nach verbindlichen Handlungsnormen deutlich. Der verunsicherte Mensch ist eher bereit, sich von außen sein Verhalten diktieren zu lassen, da er in diesem Diktum eine neue Form von Sicherheit findet.

Dies ist auch der Grund, warum in der wieder aufschwappenden Neofaschismusszene die "alten Werte" so hoch gehalten werden können: der/die Einzelne braucht nicht selbst zu denken, sondern kann nach den gruppeninternen präskriptiven Regeln sein Handeln bestimmen.

Das Gegenstück zu dieser Form von Ethik wäre die Teleologie, die "Güterethik". Der Mensch handelt nach nicht mehr nach bestimmten Imperativen, sondern läßt sich von bestimmten Zielen leiten. Die berühmteste Ausprägung des teleologischen Ansatzes ist der Utilarismus. In der klassischen Form, wie sie im letzten Jahrhundert von Bentham und Mills formuliert wurde, hieße das, jedes Individuum solle so handeln, dass es für die größte Zahl von Menschen den größten Nutzen erreiche. Die moralische Qualität einer Handlung wird allein durch ihre Ergebnisse bestimmt (z.B. Mk 9,38ff).

Dieser Ansatz ist genauso fragwürdig, da "Nutzen" ein sehr subjektiver Begriff ist, je nach zugrunde liegender Weltanschauung brauchbar. So waren aus nutztechnischen Erwägungen für ihre Verfechter die Kreuzzüge sinnvoll und sittlich gut, da es deren erklärtes Ziel war, die "Heiden" zu bekehren. Und genau unter diesem Aspekt ist auch für jene Verfechter, die auf dem Boden des einen wahren bekennenden Christentums stehen, die "Judenmission" nach wie vor sinnvoll und sittlich gut.

Selbst die Morde von Mölln (1993) liessen sich utilitaristisch als sittlich gut begreifen, vorausgesetzt, die Reinigung Deutschlands von Ausländern würde als anzustrebendes Ziel betrachtet (armes Deutschland).

Beide Systeme, Teleologie und Utilitarismus, haben ihre Pferdefüße, und es nimmt nicht wunder, dass im Augenblick die Ethik in einer mittelschweren Krise steckt.

Es wird deutlich, dass beide Modelle nur im Kontext einer konkreten Weltanschauung überhaupt zu konkreten Ergebnissen kommen können. Damit sind sie aber notwendig subjektiv: erkennt jemand eine Anschauung nicht an, ist die spezielle Ethik für ihn unrelevant.

Dostojewski hat die letzte Konsequenz dieses Verhältnisses zur Ethik in Bezug auf das Christentum so ausgedrückt: "Wenn Gott tot ist, ist alles erlaubt", schreibt er in seinen Brüdern Karamasow. Jede Ethik, egal ob deontologisch oder teleologisch, braucht eine Grundvoraussetzung, ein Axiom, um sinnvoll zu werden. Dostojewski sagt mit seinem Satz, das Axiom jeder christlichen Handlungsbasis sei Gott. Aber spätestens seit Auschwitz und den Deutschen Christen muss klar sein, dass selbst dieses Axiom als Handlungsgrundlage nicht mehr tragfähig ist. Denn zwischen Gott und den Menschen hat der Teufel ("das Böse, von dem wir alle doch schon immer gewußt haben") die Systematik gesetzt.

Wenn aber Gott als direkte Voraussetzung ethischen Handelns nicht mehr greifbar ist, sondern nur mittelbar über systematisch-ethische Entwürfe angedacht werden kann, ist christliche Ethik im Sumpf subjektivistischer Handlungsnormen untergegangen. Mit dem von Nietzsche heraufbeschworenen Nachtwächter, der den Tod Gottes verkündigt, ist der alltägliche Terror von Rechts, wie er nach 1933 und auch heute (ansatzweise) wieder erlebbar ist, eine systemimmanente Notwendigkeit.

Eine Alternative wäre der Rückzug auf die Insel, auf Deutsch: das Kuschelgefühl innerhalb der Kleingemeinde, in der bestimmte Axiome als Mindestvoraussetzung für Ethik außer Frage stehen. Dann wird Mission allerdings zu einer dringlichen Aufgabe, wenn es nicht im Affentempo den deutschen Berg runter gehen soll.

Will die christliche Ethik dem Phänomen der Ethikkrise jedoch ernsthaft begegnen, kann sie sich nicht auf ihre eigenen subjektiven Axiome beziehen, sondern muss sich auf die Suche nach allgemeingültigen Antworten machen. Das bedeutet den Abschied vom liebgewordenen Agapismus, jener Liebesethik, die aus Versatzstücken der Teleologie und der Deontologie zu einer spezifisch christlichen Ethik verbraten wurde, und eine Hinkehr zu einer praxisorientierten Suche nach neuen Möglichkeiten für eine Moral. Jedes Beharren auf dem Agapismus oder einer anderen Form einer spezifisch protestantischen Ethik muss derzeit in Deutschland notwendig in die Ghettoisierung, das heißt ins gesellschaftsrelevante Aus führen.

©2002 Norbert Krüger (aus: achamoth 16/1993 S.20-22)


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