Das Ende des christlichen Abendlandes


von Norbert Krüger


Hamburg, 02.03.2002

Und wieder ist genau dies passiert. Ich könnte einen Abzählreim starten. Ene, mene, Maus, und du bist raus. Einfach nur, um einen Blick für die Relationen zurückzugewinnen. Jede dritte Frau macht in ihrem Leben die Erfahrung sexueller Gewalt. Gerade bin ich wieder einer von ihnen begegnet. Und ich spüre noch immer dieselbe Ohnmacht in mir, dieselbe Wut, wie beim ersten Mal, als mir eine Frau davon erzählte, sie sei jahrelang von ihrem Vater missbraucht worden.

Das wäre ein guter Grund, den Glauben an die Menschheit zu verlieren. Oder das Matriarchat auszurufen. Wenn nicht mittlerweile hinlänglich Fälle bekannt wären, in denen Frauen und Mütter diesen Missbrauch entweder stillschweigend dulden, ihre Söhne als (auch sexuellen) Partnerersatz benutzen oder im Kinderpornogeschäft verhökern. Also können wir wohl nur das Ende des christlichen Abendlandes ausrufen. Wenn das noch irgend etwas nützen würde.

Selbstjustiz? Würde sicher für den Moment das eigene Gemüt beruhigen. Wenn wir aber hochrechnen, wie viele Männer beteiligt sein müssen, wenn jede dritte Frau diese Erfahrung traumatischer Erniedrigung macht, würde das Ausmaß dieser Vergeltungsaktion bei weitem den Horror des dritten Reiches übersteigen. Mal ganz abgesehen davon, dass derartige Vergeltungsmaßnahmen schnell auch Unschuldige zu Opfern werden lassen. Nein, Selbstjustiz ist sicher keine Lösung, auch wenn sie sich anzubieten scheint.

Bereits seit dem 11. September werden ja immer wieder Stimmen laut, wir bräuchten eine neue Werteordnung, die wir dem Islam entgegenstellen können. Auch da ist sicherlich etwas dran. Aber es ist schwer, eine Werteordnung auf dem totalen Nichts aufzubauen, und da wir in mühevoller Kleinarbeit gelernt haben, alle Werte für uns über Bord zu schmeißen, sobald es um den persönlichen Profit geht, gibt es wenig, was wir als Fundament benutzen könnten. Alle Konstruktionen, die wir auffahren, um doch noch einen Sinn hinter all unserer Egozentrik zu entdecken, erweisen sich schon bei etwas eingehenderer Betrachtung als zutiefst subjektiv, idealistisch und daher nur bedingt brauchbar.

Gandhi hat einmal gesagt, er wäre sicher Christ geworden, wenn er nicht ständig das negative Vorbild der Christen vor Augen gehabt hätte. Und es ist nicht nur der Blick in die Kirchengeschichte, der deutlich macht, dass auch innerhalb der christlichen Kirchen die progressiven Kräfte, die Vorbilder, immer in der Minderheit waren und nicht selten für ihr Denken verfolgt und getötet wurden. Auch wenn wir heute Gemeinde begegnen, stellen wir in erster Linie fest, wie sehr es dort menschelt und wie wenig Gottes Geist wirklich Raum zum Wirken hat.

Nein, eine Lösung für das ethische Dilemma unserer Tage lässt sich nicht in unserem Umfeld finden. Dem islamischen einen abendländischen Fundamentalismus entgegenzusetzen wird uns keinen Schritt weiter bringen. Spiritualität? Für viele, die in ihren Teenager-Jahren eine Phase des christlichen Idealismus hinter sich gebracht haben, um sich dann enttäuscht von der Kirche abzukehren, scheint dies ein brauchbarer Ausweg. Aber letztlich ist es unglaublich schwer, das in uns tobende Chaos aus Stimmen unseres Über-Ichs, des Es und des Ideal-Ichs von denen Gottes zu unterscheiden. Und ohne Korrektiv von außen sind wir da sehr schnell auf dem Weg in einen neuen Ego-Trip. Aber woher ein überzeugendes Korrektiv nehmen?

Ich muss an Richard Bachs "Möwe Jonathan" denken: Irgendwie sind die Idealisten, diejenigen, die mehr wollen als ihre Umgebung, immer in der Minderzahl. Und nur, wenn wir bereit sind, diesen Weg bis zum (bitteren) Ende zu gehen, haben wir eine Chance, auf Verbündete zu treffen, auf Leute, die ähnlich gestrickt sind wie wir. Dieses Wissen macht einsam. Es gibt viel mehr Menschen, die bereit sind, vom Guten zu reden, als das Gute zu tun. Und immer wieder kommt uns unser eigenes Ego in die Quere, dass auch uns selbst davon abhält, das Gute, das wir tun wollen, auch tatsächlich zu tun. Wir menscheln. Wahrscheinlich ist das unsere Bestimmung.

Den einzigen Ausweg, den ich sehe, hat René Descartes einmal in seinem "Diskurs" formuliert: sein "drittes Prinzip" war, "stets zu versuchen, lieber mich zu besiegen als das Schicksal und lieber meine Wünsche als die Ordnung der Welt zu ändern und ganz allgemein mich an die Überzeugung zu gewöhnen, dass nichts gänzlich in unserer Macht steht als unsere Gedanken. Haben wir also betreffs der Dinge, die außer uns sind, einmal unser Bestes getan, so ist alles, was uns an dem vollständigen Gelingen mangelt, für uns unbedingt unmöglich."

Vielleicht ist es wirklich das einzig brauchbare Mittel, dem Untergang des Abendlandes vorzubeugen, wenn wir zunächst unsere Selbstgerechtigkeit sterben lassen. Dazu gehört, mit den eigenen Lebenslügen aufzuräumen. Die Arbeit an sich selbst zu forcieren. Mut zu haben, der einzige zu sein, der eine Fahne hochhält. Das ist unangenehm unspektakulär. Ein ungeheuer langwieriger Prozess, der nicht mehr bewirkt wie ein Tropfen in der Wüste. Aber wir brauchen diesen Regen so dringend.




Backgroundthema: Christliche Ethik - eine Einfürung

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