New York und die Folgen


von Norbert Krüger


Hamburg, 18.09.2001

Zugegeben: Auch ich war entsetzt und hatte das Gefühl, in einem schlechten Kinofilm gelandet zu sein, als ich die Lifemitschnitte der beiden Flugzeuge sah, die (für uns Zuschauer) lautlos elegant in das New Yorker World Trade Center glitten.
Wie alle anderen auch saß ich bis spät abends vor dem Fernseher, bis ich begreifen musste, dass die Amerikaner längst eine Informationssperre erlassen hatten und keine Bilder mehr das Land verlassen durften.
Und ich verstehe gut jene Leute, die Tage gebraucht haben, bis das Entsetzen zu ihnen durchdrang und sie aus ihrem ersten Schock erwachten. Ich brauche keine Freunde, die Freunde kannten, die Bekannte in New York hatten, die eventuell...
Aber bereits nach wenigen Tagen wurde ich angesichts der allgegenwärtigen Betroffenheitskundgebungen unruhig. Der Anschlag auf das World Trade Center ist ja nichts anderes als eine konsequente Weiterentwicklung jener Anschlagspotenz, die 1980 für die Toten beim Münchner Oktoberfest oder, 1995, die Explosionsopfer im Regierungsverwaltungsgebäude in Oklahoma City gesorgt hatten. So fiese es klingt: dass die Technik der Anschläge immer perfider würde, war zu erwarten.
Die Aum-Sekte hatte mit ihren Giftgas-Anschlägen auf die Tokioter U-Bahn 1995 neue Dimensionen eingeläutet und was die islamischen Fundamentalisten da in New York angestellt haben, war letztlich ein Überfall mit einfachsten Mitteln: ca. drei Leute pro Flugzeug, bewaffnet lediglich mit Teppichschneidern und kleinen Messern. Das ist nicht wirklich das, was viele jetzt gern als logistische Hochleistung darstellen, um die Gefahr einer Wiederholung damit klein zu reden.
Wir leben in einer Zeit der Informationstechnologie. Und das heißt wohl auch, dass es immer leichter wird, an die Informationen heranzukommen, die es braucht, sich gegenseitig das Leben schwer zu machen. Die Vorstellung einer Autobombe und ihrer Auswirkung ist da vergleichsweise naiv, wenn Terroristen heute mit Atommüll und bakteriellen Giften herumspielen können. Und das ein vollgetanktes Flugzeug eine beachtliche Explosion zustande bringen kann, wenn es zerschellt, war wohl nie ein großes Geheimnis.
Die Frage ist also nicht: "was machen wir mit unserer Betroffenheit", sondern: "wie gehen wir auf die Zukunft zu?" Denn ohne Frage werden die kleinen Attentate für überzeugte Fundamentalisten, egal welcher Couleur, immer uninteressanter angesichts der unendlichen Möglichkeiten, für Chaos zu sorgen.
Ich merke, dass sich in mir eine Einstellung breit macht, der ich schon lange nachstrebe, die ich aber ohne den politischen Druck von außen nicht habe umsetzen können: Ich beginne, viele Augenblicke so zu erleben, als könnten es die letzten Augenblick vor dem hiesigen Chaos sein. Was ist, wenn morgen Hamburg so aussieht wie heute Manhattan? Dann sind diese Momente jetzt die letzten, die ich wirklich genießen kann. Die alte Weisheit: "Lebe jeden Tag, als ob's der Letzte wär" bekommt angesichts der prognostizierten Welle der Gewalt eine neue Dimension.
Und das heißt nicht, dass ab letztem Dienstag jeder Tag bei mir voll gewesen wäre mit Angst. So paradox das klingt: ich beginne derzeit wieder ganz neu, mein Leben hier zu genießen. Ich sammle Augenblicke, an die ich mich später gern zurückerinnern möchte, wenn das Chaos Hamburg erreicht hat.
In der Psycho-Szene kursiert eine Frage, mit der die Patienten in Schock versetzt werden sollen: "Was würdest du gern auf deinem Grabstein geschrieben sehen?" Dienstag, der 11. September 2001 hat mich dieser Frage ein Stück näher gebracht. Ich würde bis dahin gern eine Weile gelebt haben.


© Norbert Krüger 2002

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