Erotik - eine Gabe Gottes ?


von Norbert Krüger


Hamburg, 05.07.2002

Ich kann sie doch hören, die wütenden Rufe der Moralapostel und Ordnungshüter unserer Gesellschaft, die am liebsten so tun würden, als sei Sexualität lediglich eine Erfindung, die der Vermehrung dienen sollte. Und dann die etwas zaghafteren, ernstgemeinten Anklagen: Wie kann einer, der so etwas schreibt wie Erotika, Christ sein? Wie kann er es fertig bringen, gleichzeitig Texte zu verfassen, die sich ganz explizit um die Sexualität drehen und auf seiner Homepage einen Link auf eine freie Gemeinde setzen? Kommt da nicht die ganze Scheinheiligkeit bei ihm durch, die die Kirche von je her unglaubwürdig gemacht hat? Sollte man nicht ernsthaft überlegen, ihn aus der Gemeinde auszuschließen - zumindest so lange, bis er die Sündhaftigkeit seines Tuns begriffen und Reue gezeigt hat?
Zunächst einmal: Der Duden beschreibt Eros als das "der geschlechtlichen Liebe innewohnende Prinzip ästhetisch-sinnlicher Anziehung". Diese Anziehung erleben Christen wie Nichtchristen gleich. Erotik ist kein Spezialgebiet derjenigen, die Gott nicht kennen. Diese mystische Anziehung zwischen den Geschlechtern, diesen Wunsch, schön gefunden zu werden, Zärtlichkeit zu erleben, fühlen auch unzählige Menschen, die ernsthaft versuchen, ihr Leben mit Gott zu leben. Wäre das anders, würden Christen nicht genauso auf Partnersuche gehen und - teilweise - unter ihrem Alleinsein nicht genauso leiden. Wäre das anders, hätte Paulus nicht sagen können: "Es ist gut, wenn sie so bleiben wie ich. Wenn sie aber nicht enthaltsam leben können, sollen sie heiraten. Es ist besser zu heiraten, als sich in Begierde zu verzehren." (1. Kor. 7,8f)
Aber wecken Erotika nicht erst jene Begierde, die vorher gar nicht oder zumindest nur latent vorhanden war? Ja, das kann passieren. Sicherlich. Zumindest, wenn sie gut gemacht sind. Ich glaube, gut gemachte Erotika haben genau diese Kraft der Verführung, die überhaupt erst jenen Reiz erzeugt, der uns letztlich fortbestehen läßt. Gut gemachte Erotik - egal ob als Foto, als Film oder Text - wird immer eine Seite in uns zum Schwingen bringen, die in unser Herz eingepflanzt ist. Wäre sie es nicht, könnten wir sie nicht hören. Nennen wir es eine Ursehnsucht. Eine Sehnsucht nach Anerkennung unserer Selbst, auch unserer Körperlichkeit.
Machen wir uns klar, dass wir von der Schöpfung her nicht mit dicker Unterwäsche und alle Formen verhüllenden Kleidungsstücken geschaffen waren. Hätte Gott sicher hinbekommen, wenn er gewollt hätte. Aber wozu? Er hat uns nackt in den Garten Eden gesetzt. Und er sah sich seine nackte Schöpfung voller Wohlgefallen an und siehe, er fand sie sehr schön. Wir sind schön, auch ohne retuschierende Kleider und Make-up. Amen! Wer das bezweifelt, jubelt Gott einen Fehler bei der Schöpfung unter - oder unterstellt ihm zumindest irgendwelche unanständigen Absichten.
Beginnt da nicht die Blasphemie? Die Sünde wider den Heiligen Geist? Wie kann jemand behaupten, Gott hätte Spaß daran gehabt, sich seine ersten beiden Menschen nackt anzusehen und sich an ihren Formen zu erfreuen?
Irgendwo in der Moralgeschichte muß es einen Bruch gegeben haben. Denn die Bibel sagt es noch ganz klar: "Siehe, es war sehr gut" (Gen. 1,31) Warum können wir das heute nicht mehr zulassen - oder wenn, dann nur ganz heimlich, wenn uns keiner dabei zusieht? Wann ist die Verlogenheit in unser Moralsystem gekommen?
Ich glaube, mit der Begierde. Denn was wir verurteilen, ist ja nicht die Vorstellung, Gott könne seine Freude an der Schöpfung gehabt haben, sondern die dahinter liegende Angst, die Erkenntnis der Körperlichkeit sei von je her gleichzusetzen mit dem Wunsch, besitzen zu wollen - sexuell besitzen zu wollen. Das Leid, das viele von je her erleben, resultiert ja gerade aus dieser Erfahrung, dass manche Menschen, die nicht wissen, wohin mit ihren Bedürfnissen, diese um jeden Preis befriedigen.
Willkommen in der gefallenen Welt. Jeder, der selbst die Erfahrung sexuellen Mißbrauchs hinter sich hat, wird nur wenig anfangen können mit dem Hohelied auf die Körperlichkeit. Und auch jeder, der seine eigene Sehnsucht kaum in den Griff bekommt - weil er keinen Partner findet, oder der Partner mit seinen Bedürfnissen nicht umgehen kann - wird verzweifeln an der Vorstellung, Erotik könne etwas Wunderbares sein. Aber damit wird nicht die Erotik in Frage gestellt, sondern unsere gefallene Welt. Und bei der ergeben sich in der Tat eine Menge Fragen.
Mir ist wichtig klarzustellen, dass nicht wir krank sind, wenn wir unsere Sehnsucht erleben, sondern das die ganze Gesellschaft an einem absoluten Defizit an Liebe leidet - und das viele längst verlernt haben, mit ihrer Sehnsucht sinnvoll umzugehen. Der Ausweg kann aber nicht sein, die Augen vor dem Thema zuzumachen. Auf diese Weise ließ sich noch nie lernen. Erst, wenn wir uns unserer eigenen Sehnsucht stellen und sie nicht mehr kaschieren sondern laut herausschreien, haben wir die Chance, wieder in die richtige Richtung zu gehen. Nicht indem wir Teile unserer Selbst verleugnen, sondern indem wir sie spüren und uns mit ihnen auseinandersetzen, können wir die Grenzen der Scheinheiligkeit überwinden und uns von Gott verändern lassen.
Endlich: Also erkennt er doch an, dass Sexualität (außerhalb der Ehe) eine Sünde ist, die Gott verändern möchte. Ja, ohne Zweifel. Viel Leid ist auf die Menschen gekommen, weil sie nicht gelernt haben zu warten. Schwangere Teenager, Abtreibungen, gebrochene Herzen. Immer wieder auch die Erfahrung, dass die Herzen an denen hängen blieben, mit denen die sexuelle Beziehung schon längst beendet ist. Das ist echtes Leid, und sich darüber zu mokieren ist kein Zeichen von Weltgewandtheit, sondern von fehlendem Mitgefühl.
Hier gilt es, wieder in den Blick zu bekommen, was Sünde vom Kern her bedeutet. Die Bibel sagt, Sünde sei das, was uns trennt (Jes. 59,2). Darum lassen sich sämtliche Gebote der Heiligen Schrift in zwei Sätzen zusammenfassen: „Du sollst Gott, deinen Herren, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte lieben." und "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." (Matth. 22,36-40). Wenn wir das begriffen haben, bekommt die ganze Diskussion um die Sündhaftigkeit der Sexualität eine völlig neue Dimension: die Geisteshaltung, mit der wir liebende Christen verurteilen, kann genauso Zeichen der Trennung, der Sünde, sein, wie der egoistische Umgang mit dem oder der Nächsten. Letztlich können wir kaum für andere und schon gar nicht für Gott entscheiden, an welchem Punkt er Veränderung beginnen läßt.
Richtig ist: allein durch Jesus Christus kann der Mensch die Trennung von Gott und Nächsten überwinden. Er ist der Heiler, der aus unseren Herzen alles Kaputte herausnehmen möchte, um uns so zu machen, wie wir gedacht waren: individuell und einzigartig. Er allein sieht, ob wir dazu in der Lage sind, allein zu leben oder mit einem Partner. Er sieht unsere Sehnsucht, unser Verlangen. Und er kann uns die Liebe schenken, die uns reif für einen Partner macht.
Erotik ist keine Sünde - aber solange wir uns von Gott nicht heilen lassen, werden wir diese Gabe Gottes kaum wirklich genießen können.



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