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Charles Baudelaire - Mensch und Meer

Wohl immer wirst du, freier Mensch,
das Meer in seiner Rauheit lieben
Denn als ein Spiegel zeigt es dir
dein Herz in seinem wilden Stieben
Fern in dem unentwegten Rollen
der Wellen spürst du eignes Grollen
In deinem Geiste klaffen Tiefen,
die nicht minder bitter riefen.

Du liebst, dich völlig hinzugeben
in des Ebenbildes Schoß
Du streichelst es mit Aug’ und Armen,
und fast scheint mir, du lenktest bloß
dich von jener Aufruhr ab,
in die dein Herz sich jüngst begab
im Lärmen dieser Meeresklage,
unzähmbar, wild und groß.

Ihr beide seid euch allzu gleich,
seid beide finster und diskret
Mensch, niemand hat je in den Grund
deiner grundlosen Tiefen gespäht
O Meer, auch deine intimen Schätze
kennt niemand, noch ahnt er verborg’ne Plätze
So eifersüchtig hindert ihr,
dass jemand euch zu nahe kommt

So kämpft seit unendlichen Zeiten
ihr mitleidlos hart immer wieder
und streckt dabei, als wär’ es ein Spiel,
auch eure Gewissen bald nieder
Auch wenn ihr selbst gar nicht bedroht
liebt ihr das Blutbad und den Tod
o ewige Ringer seid ihr beide,
gleich wie erbarmungslose Brüder

© Übs.: Norbert Krüger