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Leseprobe: Das Ende der Leichtigkeit

Kapitel 1

1

Jener Sommer auf Korfu hatte Suzannes Leben radikal verändert. Etwas war dort geschehen, dessen war Stephan sicher. Er verteilte die Fotos von ihr und der Insel auf dem Wohnzimmertisch. Kurz betrachtete er den verspielten Schnappschuss ihrer nackten Füße im Sand. Auf mehreren Bildern war eine alte Kirche inmitten eines Olivenhains zu sehen. Dann fand er die Großaufnahme eines überfahrenen Hasen.

Auf seine Bitte hin hatte Suzanne die Abzüge am vorigen Nachmittag mitgebracht. Statt sich die Bilder gemeinsam anzusehen, waren sie an der Elbe spazieren gegangen. Suzanne machte sich nicht viel aus Fotos. Sagte sie.
Eine Weile ließ er nun das Kaleidoskop von Urlaubsimpressionen auf sich wirken, das ausgebreitet zwischen einem vollen Aschenbecher und zwei leeren Rotweingläsern vor ihm lag.

Auch ein paar Kinderbilder befanden sich darunter, sowie eine ganze Reihe Aufnahmen von ihr als Twen: Suzanne am Strand. Suzanne am Schreibtisch, rauchend zwischen Stapeln von Büchern. Suzanne in Großaufnahme. Immer wieder dieses abenteuerlustige, unendlich schöne Gesicht. Die leuchtenden Augen, in denen sich das Leben spiegelte. Der volle, rosige Mund, immer zu einem Lachen aufgelegt. Das lange, braune Haar, mal straff zurückgekämmt, mal, wie auf dem Foto am Strand, vom Wind in alle Himmelsrichtungen zerzaust.
Und dann die anderen, neueren Bilder. Diejenigen, die nach dem Griechenlandurlaub entstanden waren. Das verschlossene Gesicht. Die adrette, aber langweilige Kleidung. Die steifen Gesten ohne jeden Hauch von Lebensfreude.

2

Kennengelernt hatte er sie auf einer Fahrt nach Paris. In der Avenue Junot am Montmartre hatte er sich eine kleine Wohnung gemietet: Ein Arbeitsraum und ein Schlafzimmer befanden sich darin. Da er ansonsten nicht viel Geld ausgab, konnte er sich in Hamburg eine zweite Bleibe leisten. In der Genossenschaftswohnung in der Nähe des Fischmarkts hatte er schon als Philosophiestudent gehaust, lange bevor er anfing, für verschiedene Zeitschriften zu arbeiten.

Suzanne hatte seine Telefonnummer von einer Mitfahrzentrale erhalten. An einem Donnerstagabend im April rief sie bei ihm an. Sie wollte am nächsten Morgen möglichst früh nach Paris aufbrechen, eine Vorstellung, die ihm aufs Äußerste missfiel. Er war ein Nachtmensch, dem es nichts ausmachte, bis morgens um sieben über ein Manuskript gebeugt am Schreibtisch zu sitzen, daraufhin die Morgenröte mit einer Schale Milchkaffee zu begrüßen und sich ins Bett zu begeben. Treffen vor elf Uhr waren ihm ein Gräuel. Leute, die solche Termine vorschlugen, ebenso.

Ihre Stimme am Telefon jedoch versöhnte ihn. Suzanne hatte einen leichten Akzent, der sie als Französin entlarvte. Sie sprach in einem ruhigen, fließenden Tonfall mit einem Anflug jener sympathischen Unsicherheit, die seinen Beschützerinstinkt aktivierte und ihn schließlich dazu brachte, sich für sieben Uhr morgens am Altonaer Bahnhof mit ihr zu verabreden.

An jenem Tag, als er sie zum ersten Mal sah, trug sie leicht verwaschene Jeans, dazu eine teuer wirkende brombeerfarbene Baumwollbluse und eine graublaue Weste. Vor allem aber trug sie ein halb eingefrorenes Ich-bin-ein-umgänglicher-Mensch-Lächeln, welches ihm von je her einen Schauer über den Rücken jagte. Ein Lächeln, zugleich fehlendes Selbstbewusstsein und gut gemeinte Kommunikationsbereitschaft plakativ ins Gesicht schreibend, sodass er für die Fahrt das Schlimmste befürchtete.

Diese Prognose schien sich zu bestätigen, als Suzanne, bald einen Smalltalk der unangenehmsten Art mit ihm begann. Sie wiederholte für ihn die Radionachrichten, erwähnte nebenbei die wichtigsten Ausstellungen, die in Paris zu sehen waren, gab eine kurze Wettervorhersage und erörterte schließlich eifrig die französische Lebenskunst.

Stephan brummelte eintönige Antworten, in der stillen Hoffnung, sie dadurch in ihrem Redefluss bremsen zu können. Diese Taktik verfehlte jedoch ihr Ziel: Er schien sie lediglich in ihrem Gefühl zu bestätigen, für eine lockere Unterhaltung sorgen zu müssen.

Das Problem löste sich, als er hinter Bremen von der Autobahn abbog, um bis Nordhorn über die Bundesstraße zu fahren. Er konnte damit den Winkel abkürzen, in dem die A30 nach Holland auf die Nord-Süd-Trasse traf. Suzanne verstummte, gab keinen Ton mehr von sich, sodass schlagartig das monotone Motorbrummen seines alten Renault Dauphines zum einzig vernehmbaren Geräusch im Wagen wurde. Kreidebleich und zur völligen Bewegungslosigkeit erstarrt klammerte sie sich an den Haltegriff.

Irritiert versuchte Stephan ihr munteres Geplapper der letzten Minuten zu rekapitulieren. Er konnte sich beim besten Willen nicht erklären, welche ihrer Ausführungen eine derart bedrückende Assoziation bei ihr ausgelöst haben mochte, dass es zu einem solchen Stimmungsumschwung kam.

„Wohin fährst du?“, fragte sie trocken.

Die Frage überraschte ihn. Seit er die Pariser Wohnung besaß, nahm Stephan für gewöhnlich dieselbe Strecke, die sich laut Landkarte als die kürzeste auszeichnete. Das Emsland, Geldern, Brabant und die Picardie waren ihm über die Jahre so vertraut geworden, dass er schon lange keinen Autoatlas mehr mitführte.

Neugierig sah er Suzanne an. Sie schwitzte, versuchte aber, bewusst gleichgültig zu wirken. Ohne eine Miene zu verziehen starrte sie auf die an ihnen vorbeihuschenden Kuhweiden. Ihr Atem ging schwer und ungleichmäßig. Erst jetzt begriff Stephan: Diese Veränderung hatte bei ihr genau in dem Augenblick eingesetzt, als er die Autobahn verließ.

Er erklärte seine Reiseroute.
„Hast du eine Karte?“, fragte sie.

Stephan gab zu, der Atlas schlummere friedlich zu Hause auf seinem Schreibtisch in der Avenue Junot. Ihm war klar, dass das nach einer Ausrede klang und keineswegs dazu geeignet war, in ihr neues Vertrauen zu wecken.

Ohne ihn anzusehen, nickte sie und bat um einen kurzen Stopp in der nächsten Stadt. Die wenigen Minuten Fahrt entlang der Wiesen und Äcker bis zur Ortschaft zogen sich schier endlos hin. Durch den Lüftungsschacht drang der Gestank von Gülle und Kunstdünger. Ein Gewitter lag in der Luft.

Natürlich erfuhr sie in Ahlhorn, seine Reiseroute sei nicht völlig abwegig und setzte sich wieder, eine konfuse Entschuldigung murmelnd, auf den Beifahrersitz.

Der bewölkte Himmel verdichtete sich zu einer schwarzen Unwetterfront, und kaum hatten sie die holländische Grenze passiert, fing es an, wie aus Eimern zu schütten. Der Regen verursachte ein bizarres Geräusch auf dem Wagendach. Dicke Tropfen vereinten sich vor der Windschutzscheibe zu einem undurchsichtigen Film, der es unmöglich machte, auch nur zwanzig Meter vor ihnen fahrende Fahrzeuge zu erkennen. Die Landschaft verschwand hinter einem Gazeschleier aus herabdrängendem Wasser und selbst die Leitplanken schienen sich langsam aufzulösen. Inständig hoffte Stephan, die Reise möge sich aufgrund dieser offensichtlichen Bosheit der Natur nicht noch zusätzlich in die Länge ziehen.

Die Straße war durch den plötzlich einsetzenden Regen spiegelglatt geworden. Suzanne schaute ihn an; er bemerkte es aus den Augenwinkeln, während er mühsam versuchte, nicht von der Fahrbahn abzukommen oder seinem Vordermann auf die Stoßstange zu setzen. Vielleicht ahnte sie, wie sehr er sich konzentrieren musste; durch ihre wachsende Unruhe jedoch machte sie deutlich, dass ihr irgendetwas auf dem Herzen lag.

Eine Zeit lang waren nur das dumpfe Geprassel des Regens und das rachitische Aufkrächzen der überarbeiteten Scheibenwischer zu hören, wohltuend gleichförmige Geräusche. Es war warm im Wagen und so langsam gewöhnte sich Stephan an die Fahrverhältnisse. Suzanne war weiterhin intensiv damit beschäftigt, ihn verlegen anzusehen. Jedes Mal jedoch, wenn er seinen Blick von der Straße auf sie richtete, heftete sie die Augen auf die Fahrbahn - ein Spiel, welches ihm zu einer anderen Zeit mit einem entspannteren Gegenüber eine gewisse Freude hätte bereiten können, unter den gegebenen Umständen allerdings nicht zur Verbesserung seiner Stimmung beitrug. Schließlich brach sie das Schweigen.


„Kann ich mir eine Zigarette anstecken?“

Ihre Bitte kam eigenartig hervorgepresst, ruckartig, sie stotterte, als habe sie sich den optimalen Wortlaut lange zurechtgelegt, und dadurch ihre Nervosität soweit gesteigert, dass jegliche Normalität aus ihrer Stimme gewichen war.


„Hast du mich deswegen die ganze Zeit über gemustert?“
„Ich war mir nicht sicher, ob du nicht zu den militanten Nichtrauchern gehörst. Die sind mir nämlich zu anstrengend.“

Ihre Sorge war unbegründet. Zigaretten belustigten ihn eher, als dass sie ihn störten. Er war Pfeifenraucher und zog eine raffinierte Blend jedem dieser in seinen Augen albernen Siebeneinhalb-Minuten-Röllchen vor.

Während sie sich erleichtert eine Filterzigarette in den Mund steckte, grübelte er über die Unruhe nach, die sie auf der Bundesstraße befallen hatte.

„Sag mal: Ist dir schon einmal ein Typ beim Trampen dumm gekommen?“, fragte er in die Stille hinein.

Suzannes Gesicht lief rot an. Mit leerem Blick zog sie an ihrer Zigarette. „Einmal“, sagte sie zögernd. „Ich war damals neunzehn und habe noch auf dem Land gewohnt. An einem Freitagabend wollte ich zu Freunden nach Paris und habe mich an die Straße gestellt. Das ist bei uns in der Kleinstadt, wo jeder jeden kennt, normalerweise kein Problem. Gerade am Wochenende findet man da immer einen Lift in die Stadt. Ein Mittvierziger in Anzug und Krawatte, den ich in der Gegend noch nie gesehen hatte, nahm mich mit. Irgendwo auf halber Strecke, fernab jeglicher Zivilisation, hielt er plötzlich an und erklärte mir, dass ich es jetzt entweder mit ihm machen oder zu Fuß weitergehen könne. Ich war so verdutzt, dass ich zuerst gar nicht begriff, was der Kerl von mir wollte. Dann aber, als er mit seinem schmierigen Blick deutlicher wurde, bin ich ausgestiegen. Es hat Stunden gedauert, bis ich von dort wegkam. Damals habe ich mir geschworen, nie wieder per Daumen zu fahren.“

Er nickte. Lange schwiegen sie. Stephan ahnte, dass Suzanne mit ihren Erinnerungen beschäftigt war und wagte nicht, sie mit weiteren Fragen zu behelligen.

Um die Stille zu übertönen, suchte er im Radio nach etwas Musik. Überall lief dieselbe eintönige Unterhaltungsberieselung. Endlich fand er einen Sender, der Oldies spielte, Screamin‘ Jay Hawkins, Tom Waits und andere raukehlige Sänger, die ihn an durchzechte Nächte seiner Studentenzeit erinnerten.

Zunächst tat Suzanne, als interessiere sie nicht, was sie hörte. Gedankenverloren starrte sie aus dem Fenster. Plötzlich aber, die Doors empfahlen gerade, sich einen langen Urlaub zu gönnen und die Kinder spielen zu lassen, schaltete sie mit einer Entschlossenheit, die er ihr nie zugetraut hätte, das Radio ab.

Er sagte nichts dazu. Aus den Augenwinkeln schaute er sich einen Moment ihr Gesicht näher an. Es war recht hübsch, hatte regelmäßige feine Züge, gekrönt von einer leichten Stupsnase und braungrünen Augen. Ihr volles Haar hatte sie straff zu einem Knoten hochgesteckt, ihr langer Hals war von der Frühlingssonne leicht gebräunt. Sein Blick glitt weiter abwärts und für einen Moment war er mit seinem Schicksal versöhnt.
„Was hörst du denn normalerweise?“, wollte er wissen.
Sie kramte in ihrer Tasche und zog eine Kassette heraus.
„Funktioniert dein Tapedeck?“
Er nickte und steckte ihr Band in den Rekorder.

Bis sie Frankreichs Grenze erreichten, hatten sie ihr gesamtes Kassettenrepertoire einmal durchgehört. Stephan begriff, dass sie rigoros alles mochte, was neu auf dem Markt war und mindestens eine Platzierung in den Top Ten hatte. Musik, die älter als fünf Jahre war, empfand sie als völlig unhörbar und über seine Stones-Aufnahmen, die er als eiserne Reserve mitgenommen hatte, konnte sie nur grinsen. Das ärgerte ihn, weil es genau der Sound war, den er beim Autofahren liebte.

So waren seine Gefühle recht gemischt, als sie spätabends auf der Pariser Ringautobahn ankamen. Auf ihre Bitte hin fuhr er sie zum Pont Neuf, Rive Gauche, wo er sie absetzte. Sie stellte ihr Gepäck auf den Bürgersteig und beugte sich noch einmal in den Wagen hinein, um sich zu verabschieden. Unsicher lächelnd streckte sie ihm ihre Hand entgegen, besann sich dann aber eines Besseren und gab ihm einen flüchtigen Kuss auf beide Wangen. Verwirrt und ein wenig wehmütig sah er ihr nach, während sie den Quai überquerte und in der Rue Dauphine verschwand.


 aus: Norbert Krüger, Das Ende der Leichtigkeit, Hassloch: Freunscht Media, 2012


 

Mehr über den Roman unter http://www.das-ende-der-leichtigkeit.de

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