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Zeit

Beinahe wäre ich in den Stromschnellen der Zeit gekentert. Ich bewundere jene Abenteurer, die sich einen Spaß daraus machen, mit ihren Kajaks durch die Felsen ihrer Agenda zu gleiten, die jede freie Minute nutzen, hinauszufahren an den Fluss, um mit ihren kleinen Paddeln das Gleichgewicht zu suchen, sich ins Getümmel ihrer Termine zu stürzen, sich an den Elementen zu messen. Bin ich zu alt geworden dafür? War mein Boot zu groß?

Für einen Moment nur, einen kurzen Augenblick, habe ich ruhigere Wasser erreicht. Die Uhr tickt nicht mehr so laut, doch noch immer rasen die Stunden vorbei. Kaum bin ich aufgestanden, glänzt die Sonne bereits wieder im Abendrot. Ich träume mich an einen einsamen See, an dem die Zeit stillsteht, an dem mein ächzendes Boot unabhängig von Strömung und Tide vom Wind gestreichelt wird. Baut Wehren, Freunde! Errichtet Staudämme mit mir gegen den Wahnsinn des ständig talwärts schießenden Wassers, gegen den ewigen Kreislauf, der mich nur an einen Punkt bringt, den tiefsten, den traurigsten: den Punkt des Abschieds, an dem das Leben sich zu einer neuen Runde bereit macht.

Warum muss ich plötzlich an ein Passagierflugzeug denken? Die Warterei am Flughafen, der Check-in, die Erklärungen der Stewardess. Anschnallen. Geschehen lassen. Alles dauert mir viel zu lang. Ich will nicht von A nach B, ich will in B weitermachen, will beamen statt fliegen, will da sein, nicht ankommen. Aber kaum hebt das Flugzeug ab, reckt es seine Nase in die Höhe und drückt mich in den Sitz, sehe ich jene alten Männer, die mir mit weisem Lächeln erklären, der Weg sei das Ziel. Jeder Schritt, den ich gehe, ist Gegenwart, meine einzige Gegenwart. Niemand weiß, ob es ein Morgen gibt, gerade Japan hat mir dies neu ins Bewusstsein geführt. Ein Fingerschnips des Zufalls und die Illusion des Morgens löst sich auf. Zeit ist ein Flugzeug, und meine latente Angst vor einem Absturz, einem Anschlag führt mir neu vor Augen, wie wichtig, wie elementar der Augenblick ist. Lebe ich, oder habe ich vor zu leben?

Vor dem Fenster meines Arbeitszimmers treibt der Pflaumenbaum neu aus. Er lebt die Zeiten, er zeigt mir, wie es geht. Den Winter über war er wie tot. Alle Blätter hat er abgeworfen, nichts zeugte von Leben an ihm. Er ruhte sich aus für eine neue Runde im Spiel der Jahreszeiten. Er braucht die Ruhe, dies ist seine Strategie gegen die Kälte des Winters. Begreife ich, was er mir zu sagen versucht? Halte ich es aus, in die Stille zu gehen? Ich sehe seine Triebe, die sich im Laufe der kommenden Wochen in Blüten verwandeln werden, ahne um die Früchte, die er im Herbst tragen wird. Und doch will ich sie nicht, diese Stunden des Winters in meinem Leben, in denen alles mich zur Ruhe drängt, in denen ich mich auflehne gegen die Zeit, gegen den Stillstand und mich so völlig unnütz verausgabe, leerlaufe, ausbrenne. Ich will zu meinem See, denn wenn schon neue Kraft schöpfen, dann in der Sonne, dort, wo sie mich wärmt und wo ich einen Ruhepol finde. Doch ich ahne, dass mein Boot ohne mein Eingreifen mit der Strömung gerissen wird, dem Meer entgegen. Der See ist eine Illusion, der Winter währt drei Monde.


Frühjahr 2011, © Norbert Krüger