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Sechszehn Erlebnisrouten für Radfahrer hat die Nordfriesland-Tourismus GmbH in Zusammenarbeit mit zahlreichen Tourismusbüros der Region Mittleres Nordfriesland und Südtondern auf den Weg gebracht. Alle Touren sind als Rundkurse angelegt und zwischen 14 und 43 Kilometer lang. Sie sind auf der „Rad- und Freizeitkarte Nordfriesland Nord“ eingetragen, die ich mir vom Nordfriesland-Tourismus habe kostenlos zuschicken lassen.

Das Angebot klingt verlockend. Die Routen sollen mit entsprechenden Symbolen gut ausgeschildert sein. Außerdem gibt es zu jedem Rundkurs noch einen eigenen Flyer, der neben einer Karte interessante Informationen zu den einzelnen Stationen enthält. Und wer will, kann sich sogar die gpx-Daten aus dem Netz herunter- und auf sein Fahrradnavi heraufladen.

Leider verschluckte sich mein Falk Outdoor IBEX 32 an den gpx-Daten und zeigte lediglich an, dass es diese nicht anzeigen könne. Ein kleiner Wermutstropfen. Aber ich habe ja die Karte. Und die Zusicherung der Nordfriesland Tourismus GmbH, die Route sei gut ausgeschildert.

Nur wenige Meter weiter die Hauptstraße entlang finde ich das erste Hinweisschild auf die Geestroute: ein kleines blaues Symbol mit zwei Tannen am Geesthang, gleich neben dem blauen Piktogramm eines stilisierten Ochsenkopfes, dem Wegweiser für die Ochsenwegroute.

Leider gibt meine Handkamera schon jetzt ihren Geist auf. Einen Moment überlege ich, ob sie kaputt sei. Dann fällt mir ein, dass sie wohl länger nicht am Netz war. Man kann nicht an alles denken. Mir bleibt die Fahrradcam, die zwar über keine so hohe Auflösung verfügt, deren Akkus ich aber erst am Morgen ausgetauscht habe. Dadurch gibt es zwar Videos von der Strecke. Was fehlt, sind die Bilder von Details am Wegrand. Dafür taugt die Fahrradcam mit ihrer relativ kleinen Auflösung einfach nicht.

Entlang der B199, der Flensburger Straße, geht es zunächst in Richtung Südosten. Eine kleine Brücke führt über die Lecker Au. Früher, als die Nordsee noch weiter ins Land hineinreichte, war sie ein schiffbares Flüsschen und Leck hatte einen eigenen Hafen, als Umschlagplatz für Waren. Heute erinnert sie eher an einen Bach, der an vielen Stellen gerade mal einen Meter tief ist.

Linker Hand der B199 fahre ich am Langenberger Forst vorbei. Dass hier ein Waldgebiet existiert, wo früher lediglich ausgedehnte Sand- und Heideflächen waren, verdankt der Landstrich dem Forstdirektor Carl Emeis. Er erhielt 1878 von der damaligen Provinz Schleswig-Holstein den Auftrag, den Nordwesten des Landes aufzuforsten. So entstand eines der größten Gehölze der Region, durchzogen von zahlreichen ausgeschilderten Wanderrouten.

Daher scheint es mir ein wenig phantasielos von den Entwicklern der Erlebnis-Radrouten, die Tour statt durch den Forst entlang der vielbefahrenen Bundesstraße zu beginnen. Immerhin: Der Weg führt vorbei am Zentrum für Niederdeutsch (Flensburger Str. 18), über das ich sonst sicher nicht so schnell gestolpert wäre. Wer sich für Plattdeutsch interessiert, findet hier Informationen zur niederdeutschen Sprache, Literatur und Kultur. Nicht zu verwechseln ist das Zentrum übrigens mit dem Nordfriisk Instituut in Bredstedt, das sich um die friesische Sprache bemüht.

Wenig später sehe ich auf der linken Seite das Transparent des Klettergartens Filu. Ein Abstecher lohnt sich für alle, die ihre Höhentauglichkeit unter Beweis stellen wollen. Geöffnet hat er freitags bis sonntags zwischen 13 Uhr bis 18 Uhr. Ich habe auf Youtube einen schönen Film mit Impressionen der einzelnen Hochparcours gefunden. Und auf Sat1 gab es seinerzeit einen Bericht über die besondere Spezialität des Hochgartens: Er ist rollstuhltauglich.

Der Himmel verdunkelt sich. Die Autofahrer, die mir entgegen kommen, habe trotz der Mittagszeit ihr Licht an. Auf der Haut spüre ich erste kleine Tropfen. Aber der erwartete Regen bleibt aus.

Nach zwei weiteren Kilometern an der Bundesstraße entlang irritiert mich ein Hinweisschild beim Vorüberfahren. „Heuherberge Hedwigsruh“ ist dort zu lesen. Ich kann mir zunächst nichts darunter vorstellen und google die Heuherberge später im Internet: die Eheleute Gisela und Volker Clausen-Hansen bieten dort rustikale Übernachtungen auf einem ehemaligen Heuboden für 30 Personen in 6 Heukojen. Ich erinnere mich noch gut an meine eigenen Nächte in einem Heuschober in Småland und werde bei dem Gedanken an den Geruch, an das pikende Stroh und die Heuschlachten ein klein wenig melancholisch.

Insgesamt ist mir der Weg an der Bundesstraße entlang zu weit. Zu viele Autos kommen mir entgegen, als dass ich die etwas mehr als vier Kilometer lange Strecke vom Ortsausgang Leck bis zur ersten Abbiegung wirklich genießen könnte. Immer wieder wandert mein Blick nach rechts, in Richtung Forst. Hätte man nicht mit kleinem Mehraufwand nur wenige Meter von der Straße einen hübschen Waldweg für die Gest-Fahrradroute befestigen können? Durch die Bäume ein wenig abgeschirmt vom Benzingestank und dem Motorenlärm? Immerhin: Der Radweg ist in gutem Zustand.

Endlich führt der Wegweiser der Geestroute von der Hauptstraße weg. Nach einer kurzen Strecke durch den Wald, vorbei an aufgestapelten Festmetern Waldholz, komme ich zum Gelände des Golfclubs Hof Berg e.V. Links und rechts der Straße sehe ich einen Teil des Par 73 Meisterschaftsplatzes. Hatte nicht ein Freund mir seinerzeit eine Runde auf einem Golfplatz eigener Wahl zum Geburtstag geschenkt? Das wäre doch eine gute Gelegenheit, das Geschenk einmal einzulösen. Für Urlauber gibt es hier auch Schnupperkurse und Golfstarterkurse.

Vorbei geht es am Gut Fresenhagen. Berühmt ist es als ehemaliger Wohnsitz des „Königs von Deutschland“, Rio Reiser. Reisers Rock-Band „Ton Steine Scherben“ hatte 1975 den Hof gekauft. Die Musiker lebten dort als Künstler-Kommune zusammen und produzierten im dort eingerichteten Tonstudio ihre Alben. Mit dabei auch die noch recht junge Claudia Roth, die damals als Managerin der Band aktiv war. Nach der Auflösung der Gruppe blieb Reiser bis zu seinem Tod auf Gut. Er starb 1996 im Alter von nur 46 Jahren an Kreislaufversagen aufgrund innerer Blutungen. Durch eine Sondergenehmigung konnte Reiser auf dem Privatgrundstück Fresenhagen 11 beigesetzt werden. Das Grab wurde zur Pilgerstätte. Sein Haus diente ein paar Jahre als Tagungsort und Tonstudio. Nach dem Verkauf des Hofes wurde der Leichnam Reisers auf den St.-Matthäus-Kirchhof Berlin umgebettet. Das alte Grab in Fresenhagen wurde eingeebnet.

War ich bis jetzt mit der Ausschilderung des Radwegs absolut zufrieden, treffe ich nun, etwa einen Kilometer hinter dem Gut Fresenhagen, auf das erste Problem. Ich komme auf dem Schottenburger Weg an eine Kreuzung, und das Piktogramm der Geestroute ist an dem Wegweiser gleich in drei Richtungen angebracht: Die, aus der ich gekommen bin, dann geradeaus in Fahrtrichtung und einmal rechtsab. Irgendjemand blufft hier.

Irritiert hole ich die Radkarte heraus, kann aber keinen Hinweis auf eine alternative Routenführung entdecken. So fahre ich zunächst geradeaus weiter bis zur nächsten Hauptstraße. Und, als ich dort nirgendwo ein Hinweisschild auf die Geestroute finden kann, wieder zurück zur Abzweigung. Diesmal mache ich mir die Mühe zu schauen, welche Orte am Wegweiser angegeben sind. Da ich weder nach Stadum noch nach Hörup will, wende ich schließlich und radele zum zweiten Mal den Kilometer bis zur nächsten größeren Quertrasse.

Zugegebenermaßen habe ich inzwischen die Orientierung verloren. Ist das jetzt die Norderheide oder schon die Stadumer Straße? Mit anderen Worten: Muss ich geradeaus oder links abbiegen? Ich entscheide mich für die einladendere Route und fahre durch einen kleinen Ort, auf einer Strecke, die allerdings ganz gegen meine Absicht schon bald in Richtung Süden führt, während ich doch eigentlich nach Norden will. Später werde ich herausfinden, dass ich gerade eine Extraschleife durch Freienwill gedreht habe.

Richtig wäre es gewesen, an der Stadumer Straße links abzubiegen. Um der Wahrheit Ehre zu geben: An der Kreuzung befand sich ein kleines, grünes Fahrradroutenschild, das ich jedoch nicht ernst genommen habe, da es eben nicht das Geestrouten-Piktogramm enthielt. Und Fahrradwege gibt es hier in der Karrharde zuhauf. Aber davon später mehr.

Ich folge der Stadumer Straße bis Sandacker. Wieder kein Hinweis auf die Geestroute, obwohl ich laut Karte eigentlich auf dem richtigen Weg sein musste. Mittlerweile zweifle ich an allem. An meiner Fähigkeit, Landkarten zu lesen; an den Ausschilderungen des Tourismusverbandes; und an der Existenz der Fahrradroute. Der Wegweiser an der Straße, auf die ich stoße, zeigt Fahrrad-Wanderwege sowohl nach links wie auch nach rechts.

Da die Geestroute über Sprakebüll führen soll, folge ich einfach den Ortshinweisen und fahre die Hauptstraße L300 entlang. In der Ortsmitte von Sprakebüll weist ein kleines grünes Schild darauf hin, dass der Fahrradwanderweg nach links abbiegt. Das ist der Moment, an dem ich die Taktik ändere: Leider habe ich an meinem Rad keinen Kartenhalter, so dass ich alle 500 Meter meine Fahrradkarte aus der Hosentasche ziehen muss, um mich neu zu orientieren. Nun verlege ich mich auf das Fahrradnavi, das mir bisher aufgrund der zu kleinen Kartenausschnitte keine große Hilfe war, und gebe einfach als Zielort das nächste Dorf ein, durch das ich laut Karte kommen soll. Mittlerweile ist es mir relativ egal, ob ich dabei genau auf der offiziellen Geestroute bin, die ohnehin nicht mehr ausgewiesen wird.

Im Sprakebüll kreuzt übrigens hinter der Abzweigung in den Ortskern die Draisinenstrecke, die laut Flyer eines der Highlights der Route darstellt. In Leck gibt es einen Draisinenverleih für eine Draisinentour, die über eine stillgelegte Eisenbahnstrecke 24 km nach Osten bis Unaften führt. Gefahren wird auf Fahrraddraisinen, was wesentlich entspannender ist, als mit den Handhebeldraisinen, die auf anderen Routen benutzt werden. Man sieht mehr von der Gegend und kommt weniger ins Schwitzen.

Mein Navi führt mich weiter über den Achtruper Weg und die Sprakebüller Straße nach Achtrupfeld. Linksab geht es in die Lütjenhorner und später die Lecker Straße nach Achtrup. Carolin, meine freundliche Mitreisende aus dem Navi, versucht mich mitten durch den Ort Achtrup zu dirigieren. Ich bleibe standhaft, ignoriere meine Beifahrerin, woraufhin sie mich höflich, aber bestimmt bittet zu wenden. Als ich nicht reagiere, verstummt sie. Ich hingegen habe einen meiner hellere Augenblicke. Die auf der Fahrradkarte eingezeichnete Kirche habe ich entdeckt, und ich weiß, dass die Geestroute etwa in der Dorfmitte nach rechts ab an dem Gotteshaus vorbeiführt.

Später, wieder zuhause, zeigt mir der Track, dass ich mich bis zu diesem Moment eigentlich ganz wunderbar geschlagen habe. Sieht man einmal von kleinen Hin-und-Zurücks ab, wie sie für eine Schnitzeljagd üblich sind, und vergisst man die Ehrenrunde durch Freienwill, entsprechen meine Tourdaten ziemlich genau der offiziellen Streckenführung. Das klappt auch noch bis Boverstedt, das ich als nächstes Etappenziel in mein Navi eingebe. Ich fahre also auf der Ladelunder Straße durch Achtrup und biege kurz hinter dem Ortsausgang auf die Tettwanger Straße, der ich durchs Hollbeckwadt und durch Tettwang folge, bis mich das Navi auf einen Waldweg nach Boverstedt führt.

Von hier aus wird es konfus. Wer sich für die Geestroute interessiert, für den werde ich an anderer Stelle noch einmal die Etappe von Boverstedt über Bramstedtlund und Ladelund, zurück über das Karlumfeld nach Leck beschreiben. Vielleicht bin ich an diesem Punkt bereits ein klein wenig ausgelaugt. Ich biege falsch ab, lande zwischenzeitlich, wie mir der Track später verrät, in Ladelund. Von dort aus lotst mich das Navi gen Osten nach Bramstedtlund - quasi in umgekehrter Richtung, und anschließend über Klint noch einmal nach Ladelund. Dort besichtige ich die KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte, seh mir die Stele und den nachgebildeten Panzergraben an, find nach einigem Suchen auch den Gedenkstein und das Mahnmal.

Aber statt über Karlumfeld an den Hünengräbern vorbei durch den Wald zu fahren, folge ich den verkehrten Hinweisen des Navis und den einladenden Schildern des Radwegenetzes. Ich lande über Tinningstedt in Klixbüll, das ein wenig jenseits der geplanten Route lag. Von meinem Fahrradcomputer erfahre ich, die Geestroute, die laut Karte 39 km lang sein sollte, habe ich durch den Schnitzeljagdeffekt und durch Navi-bedingte Umwege auf 58 km verlängert. Das Piktogramm mit den beiden Tannen am Geestrand habe ich auf der gesamten Strecke übrigens gerade noch zwei Mal zu sehen bekommen. Als Orientierungshilfe scheint mir das eher etwas dürftig.