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An der Lecker Au

Da laut Wetterbericht der Vormittag halbwegs trocken bleiben soll, beschließe ich spontan eine Radtour an der Lecker Au zu machen. Das Flüsschen entstand aus dem Schmelzwasser der eiszeitlichen Gletscher, die sich vom Nordosten her bis zum Geestrücken vorgeschoben hatten. Bis ins Mittelalter hinein war die Au schiffbar. Leck verfügte damals über einen eigenen Hafen und galt als wichtiger Warenumschlagplatz für die Region. Mit den Jahren versandete der Fluss immer mehr, so dass er durch die Eindeichung zwar noch auf eine Breite von sechs Metern kommt, an den meisten Stellen aber nicht tiefer als einen Meter ist. Im Sommer paddeln hier viele Kanuten. Der Bootsverleih ist allerdings ein paar Kilometer entfernt in Dagebüll ansässig, dort, wo die Lecker und die Soholmer Au zusammenfließen.

Lecker Au, östlich der B199

Laut meinem Navi soll es einen Fußweg geben, der von der Flensburger Straße, der B199, aus entlang des Flusses stadtauswärts verläuft. Leider ist Falk schlecht informiert. Der Weg ist zwar sehr schön gesäumt von hohen Laubbäumen und in gutem Zustand, führt jedoch bereits nach ein paar hundert Metern von der Au weg hoch zur Osterstraße.

Ich unterhalte mich mit einer Anwohnerin, über ihren Gartenzaun hinweg. Sie erzählt mir, dass es einen Fußpfad auf der anderen Seite der Flensburger Straße gibt, der einmal quer durch den Ort am Audeich entlang führt. Allerdings warnt sie mich, der Weg sei bei diesem Wetter vielleicht ein wenig matschig. Als ich sie frage, ob es hier erlaubt sei, direkt über den Deich zu laufen, lächelt sie nur. Sicherlich würde niemand etwas sagen, solange ich den Schafen nichts antue.

Die Lecker Au im Kokkedahl

Das von ihr beschriebene Teilstück am Südufer der Au, das durch das Lecker Kokkedahl führt, scheint ein beliebtes Naherholungsziel für die Lecker Bevölkerung zu sein. Mir kommen mehrere Hundebesitzer mit ihren Vierbeinern entgegen. Ein Vater sitzt mit seinem kleinen Sohn am Ufer und angelt. Die Strecke ist vor allem empfehlenswert, wenn man zu Fuß unterwegs ist und über den Deich gehen kann. Für eine Fahrradtour ist der Weg zu kurz. Er endet etwa einem Kilometer weiter an der Kokkedahler Brücke.

Aus Sandra Dünschedes Roman »Friesenkinder« weiß ich, dass es einen Radweg entlang der Lecker Au geben muss, der bis nach Lindholm führt. Einer der Protagonisten des Romans, Haie Ketelsen, radelt ihn regelmäßig, um nach Leck zu kommen. Ich finde den namenlosen Weg, als ich auf der Birkstraße, der K115, gen Westen radle. Die erste Abbiegung links hinter der Karrharder Straße gehört zu einem wenig befahrenen Weg an der ehemaligen Bahnstrecke Flensburg-Lindholm, zwischen Schienen und Deich. Die Gleise sind zum Teil bereits überwuchert. Gras wächst zwischen den Bohlen. Eine Weide streckt ihre Zweige wie selbstverständlich über die Strecke. Etwas weiter hat es sich ein Wachholder direkt auf dem Bahndamm gemütlich gemacht.

Schafe an der Lecker Au, Höhe Leckeng

Von der Au sehe ich kaum mehr als die Eindeichung. Schafe grasen gedankenverloren auf dem Deichrücken. Als ich versuche, ein Foto von ihnen zu machen, schrecke ich sie auf. Sie schauen mich interessiert an, nehmen aber vorsichtshalber Sicherheitsabstand. Da ich nicht nur ihre Hintern aufs Bild bekommen will, hocke ich mich hin und gebe so zu verstehen, dass von mir keine Gefahr ausgeht. Zögernd akzeptieren sie meine Körpersprache.

Hinter den Bahnschienen drehen sich die Blätter der Windkraftanlage Leckeng. Der Himmel hat sich zugezogen und ich rechne jeden Augenblick damit, dass es anfängt, in Strömen zu gießen. Fast erwarte ich, dass aufgrund der witterungsbedingt einbrechenden Dunkelheit die roten Blinklichter oben an den Anlagen angehen. Nachts bilden diese Lichtblitze zusammen mit denen der anderen Energieanlagen der Region eine hübsche Lightshow am Horizont. Ich bezweifle jedoch, dass die Anwohner des Wohngebiets Westerholz in unmittelbarer Nähe der Windräder das genauso sehen.

Holzbrücke über die Lecker Au

Ich kehre Leckeng den Rücken zu und fahre auf einem kleinen Fußpfad zu einer Holzbrücke über die Au. In der Ferne ist jenseits Wolkenbergen noch der blaue Himmel zu sehen. Kurios, wie schnell das Wetter sich hier ändert, wo der Wind die Wolken vom Meer ins Land bläst.

Auf der anderen Seite der Brücke habe ich eine kleine Wehle erspäht, einen wohl durch Deichbruch entstandener Teich. Die Ufer sind mit Binsen, Rohrkolben und Schilf bewachsen, dahinter befindet sich niederes Buschwerk. Ob die Bäume in zweiter Reihe ebenfalls auf natürlichem Weg hierhergefunden haben oder von Menschen als Knick gepflanzt wurden, ist mir nicht ganz klar. Überhaupt merke ich, dass mir für die naturkundlichen Zusammenhänge hier in der Region noch das Gespür fehlt.

Die Wehle, die ich entdeckt habe, heißt laut Straßenkarte Godbersengraben. Das hängt allerdings nicht mit dem Bredstedter Mittelschullehrer Emil Godbersen zusammen, der von den Nationalsozialisten des Amtes enthoben und dem zu Ehren später in Bredstedt eine Straße benannt wurde. In Oster-Schnatebüll lebt ein Bauer dieses Namens. Wahrscheinlich befindet sich der Teich einfach auf seinem Grund.

Ich beende die Radtour und fliehe vor dem drohenden Unwetter zurück zur alten Schule. Der Koogsweg, der direkt hinter der kleinen Holzbrücke beginnt, führt direkt zur Dorfstraße zurück, an der mein derzeitiges Domizil liegt.

Der Bergweg im Langenberger Forst

Der Bergweg im Langenberger Forst hat das Eichhörnchensymbol

Am späten Nachmittag mache ich mich noch einmal auf in den Langenberger Forst. Ziel ist der »Bergweg«, den ich bereits bei der ersten Tour gekreuzt habe. Ich beginne meine Wanderung an der Stelle, an der der »Ochsenweg« den »Bergweg« kreuzt. Der offizielle Startpunkt ist ein Parkplatz an der B199. Der 5,5 km lange Wanderweg mit dem Eichhörnchen als Symbol ist jedoch als Rundweg angelegt, so dass es relativ egal ist, wo man ihn betritt.

Das erste Foto schieße ich talwärts Richtung Norden, weil dort der »Ochsenweg« am stärksten an die alten Zeiten erinnert, als er durch eine karge Heidelandschaft führte. Die Enttäuschung vom Vortag, als ich unwissentlich ein Stück des historischen Weges gelaufen war, ihn aber nicht von einem normalen Forstweg unterscheiden konnte, hat mich im Griff. 

Der historische Ochsenweg an der Kreuzung der Wanderwege 'Klintumer Weg' und 'Bergweg' im Langenberger Forst

Ebenso wie der "Klintumer Weg" ist der "Bergweg" nur in eine Richtung, gegen den Uhrzeigersinn, ausgeschildert. Ich wende mich also gen Süden und gehe bergab in den Wald hinein. Irgendwo habe ich gelesen, dass der Ochsenweg vor Kurzem an einigen Stellen mit neuem Sand ausgebessert wurde. Auf dieses Wegstück trifft das zu. Es ist sehr sandig und wahrscheinlich für Fahrrad- und Rollstuhlfahrer nur bedingt geeignet.

Der See, an dem ich vorbeikomme, ist stark veralgt, was auf einen hohen Nährstoffgehalt schließen lässt. Das Wasser wird an derselben Rohhumusschicht scheitern, die über Jahrzehnte das natürliche Wachstum von Bäumen unterbunden hat. Da es nirgends abfließen kann, bleibt ihm nur, sich den organischen Umsetzungsprozessen am Grund zu ergeben.

Einige Meter weiter, dort, wo der »Klintumer Weg« auf den »Bergweg« trifft, finde ich einen gelben Pfeil, der auf einen ausgeschilderten Weg der Wanderfreunde Leck e.V. hinweist. Nach den Herbststürmen des Jahres 2013, die einen Großteil des Forstes verwüsteten, hatte der Verein seine Wanderwege zunächst dichtgemacht und erst im Januar 2014 wieder eine 5 und eine 7 km lange permanente Strecke eröffnet.

Was mir hier fehlt, ist die Markierung für den »Bergweg« durch das Eichhörnchensymbol. Ohne Karte ist also auch diese Runde kaum nachzuverfolgen. Da ich weiß, dass die beiden Wanderwege ein Stück über eine gemeinsame Waldroute verlaufen, gehe ich geradeaus weiter. Und tatsächlich kommt mir das folgende Wegstück bekannt vor. Breite Reifenspuren im Boden deuten darauf hin, dass Forstarbeiter den Weg ebenfalls intensiv nutzen. Zahllose Festmeter Holz am Wegrand unterstreichen das Bild. Insgesamt ist der Streckenabschnitt jedoch in einem sehr guten Zustand und lässt sich problemlos erwandern.

Zum ersten Mal unternehme ich einen Versuch, die Bäume und Sträucher am Wegesrand zu bestimmen. Das ist eines der Ziele dieser Tour: ein besseres Gespür für die Landschaft zu bekommen. Dazu gehört, die Dinge, die ich sehe, benennen zu können. Tannen, Fichten und Eichen bilden für mich kein Problem, da sie bei mir im Garten stehen. Buchen erkenne ich zumindest als Hecke. Alles, was darüber hinausgeht, wird schwierig. Zum Einordnen braucht es einen Blick aufs Detail, den ich mir mühsam antrainieren muss. Dementsprechend sind die Erfolge zunächst dürftig.

Emeis hat einem die Sache aber auch nicht leichtgemacht. Bis zu 15 verschiedene Laub- und Nadelbaumarten hat er an einem Flecken zusammengestellt. Dieses Verfahren nennt sich Plenterwald: ein sich stets verjüngender Dauerwald, in dem Bäume aller Größenordnungen auf kleinster Fläche vermischt sind.

Nach etwa dreihundert Metern geht es wieder bergauf Richtung Petersburg. Im Wald ist es angenehm still. Der Lärm der großen Straßen, die rings um den Forst führen, dringt nicht bis hier. Lediglich das Rauschen des Windes in den Bäumen ist zu hören. Und meine Schritte auf dem weichen Waldboden. Furchtsame Tiere wie Rehe würden wahrscheinlich zusätzlich mein Schnaufen in die Liste der auffälligen Geräusche aufnehmen.

Auf der Anhöhe sehe ich bereits die Schutzhütte, die anstelle des alten Gebäudes errichtet wurde. Ich versuche mir vorzustellen, wie es den Viehtreibern damals ergangen sein mag. Wenn sie den Berg von dieser Seite erklommen, waren sie bereits auf dem Rückweg vom Markt in Tondern. Sie hatten ihre Ochsen verkauft und die Taschen voller Geld. Dementsprechend ließen sie in den Krügen vom Besten auffahren, was die Wirtsleute vorrätig hatten. Die Stimmung war ausgelassen, es wurde geprasst.

Hochwiese am 'Bergweg' im Langenberger Forst

Doch noch befinde ich mich ein wenig unterhalb der Petersburg. Zu meiner Linken liegt eine Hochwiese, deren Nutzen mir sich mir nicht erschließt. Vieh sehe ich keines. Vielleicht soll sie als Lichtung für das Dammwild herhalten, damit das nicht ständig ins Dorf hinunterkommt und die Vorgärten verwüstet. Auf meinen morgendlichen Radtouren habe ich bereits mehrfach Rehe in unmittelbarer Nähe zu Wohnhäusern und Gärten auf den Maaden gesehen.

Auch an die Pferdefreunde wurde in diesem Wald gedacht. Vor der Wiese führt ein Reitpfad hinunter nach Enge. Dort gibt es kurz vor dem Dorf einen Reitplatz. In die andere Richtung verläuft der Reitweg parallel zum Rantzauhöhenweg und biegt dann, kurz vor dem Ende des Forstes gen Süden ab. In Leck existiert ebenfalls eine Reithalle. Ein Reitweg ist von dort aus rund um den Ochsenweg angelegt, so dass eine gewisse Auswahl an Routen in der Natur zur Verfügung steht.

Am Wegrand liegen weitere Stämme herum, teilweise zu Stapeln aufgehäuft, teilweise einzeln. Manchen sieht man an, dass sie gebrochen, nicht geschnitten sind. Eine aus der Erde gerissene Baumwurzel zeigt, mit welcher Macht Orkan Christian und sein kleiner Bruder Xaver im vergangenen Herbst hier gewütet haben. Ich gehe immer mehr davon aus, dass die vielen Festmeter, denen ich überall begegne, ein Relikt des letzten Herbstes sind. Die Aufräumarbeiten scheinen noch jetzt, ein volles Jahr später, anzudauern.

Oben auf der Anhöhe suche ich vergeblich nach einem Hinweis auf den weiteren Verlauf des »Bergwegs«. Ich laufe zunächst eine Weile auf dem Rantzauhöhenweg, bis ich dem ersten Kuhsymbol, dem Piktogramm für den »Petersburger Weg«, begegne und merke, dass ich hier irgendwie falsch sein muss. Also gehe ich zurück zur Schutzhütte, biege diesmal im rechten Winkel gen Norden ab. Das ist der »Klintumer Weg«, den ich bereits kenne, gekennzeichnet ganz folgerichtig mit dem Eulenpiktogramm. Hier bin ich jedoch auch nicht richtig.

Nach einer weiteren Ehrenrunde entdecke ich den gesuchten Wanderpfad etwa zehn Meter östlich der Abzweigung zum »Klintumer Weg«. Ich hatte ihn übersehen, da er zwischen den Bäumen kaum als Weg zu erkennen war. Der Boden ist übersät mit Blättern, genau wie im Unterholz zu beiden Seiten. Allerdings ist weiter im Wald, etwa zwanzig Meter vom Ochsenweg entfernt, ein Hinweisschild zu erahnen. Wer das weiß, ist klar im Vorteil.