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 • Morgenstimmung über dem Koog
 • Eine Lektion Friesisch
 • Recherche in der Bibliothek
 • Der Klettergarten Filu in Leck
 • Der Informationspavillon im Langeberger Forst

Morgenstimmung über dem Koog

Wann bin ich das letzte Mal kurz nach 6 Uhr in der Früh aus dem Bett gesprungen, ohne dass der Wecker mich aus dem Schlaf holte? Dabei hatte ich mich erst gegen Mitternacht hingelegt. Aber an diesem Morgen hatte ich das Gefühl, etwas Wichtiges zu verpassen, wenn ich noch länger liegen blieb. Dass der Bäcker bereits ab 6 Uhr offen hatte, wusste ich inzwischen. Und da kein Regen an die Scheibe klopfte, musste es halbwegs trocken sein. Also raus aus den Federn, anziehen und ab ins Freie.

Draußen war es stockdunkel. Und kalt. Dafür funkelten mir die Sterne in ihrer ganzen Pracht entgegen. Einen solch klaren Nachthimmel habe ich ewig nicht mehr gesehen. Ich fühlte mich klein, aber glücklich.

Bei der Radtour durch den Koog sah ich im Osten die ersten hellen Flecken, die die Sonne ankündigten. Das Wort Horizont wurde plötzlich erlebbar: Weit weg, in der Ferne, dort, wo die sichtbare in die unsichtbare Welt übergeht, zeigten sich die ersten Spuren der Morgenröte. Ein Mysterium.

Auf dem Rückweg vom Bäcker, bei dem ich wie gewohnt Brötchen und Tageszeitung mitnahm, probierte ich eine neue Route zurück zur Alten Schule aus. Statt entlang der Süder Maade fuhr ich durchs Klintumer Moor. Das ist mittlerweile größtenteils einer Wohnsiedlung gewichen. Aber ein Teil der Strecke führt noch - auf befestigter Straße - durch ehemaliges Sumpfland. Die Straße ist an beiden Seiten von einen Knick geschützt, so dass mir der Westwind wenig anhaben kann. Ich lande auf dem Klintumer Kirchenweg. Gab es hier tatsächlich einmal eine Kirche?

Eine Lektion Friesich (En Laks Frasch)

Nach dem Frühstück holte ich meinen Friesisch-Sprachkurs heraus. Ich habe mir den Kurs von Adeline Petersen, »Mooringer Frasch 1« und das »Frasch Uurdebök« der Nordfriesischen Wörterbuchstelle besorgt und pauke jetzt regelmäßig, auch mittels Vokabeltrainer. Und warte mit Spannung darauf, dass ich Gelegenheit finde, Sätze wie »Di kjarl låpt eefter e wüste.« (Der Typ läuft den Frauen nach) locker in eine Unterhaltung einzuflechten.

Eigentlich ist das Mooringer Frasch nicht der Dialekt der Karrharde. Die Friesen sind stolz darauf, dass es sich bei ihrer Sprache nicht um eine Variante des Plattdeutschen handelt, sonder um eine eigene Sprache mit sieben unterschiedlichen Dialekten. Und selbst im Mooringer Frasch kann man noch eine Lautverschiebungen von der West-Böningharde zum Ostteil der Harde ausmachen.

Aber soweit ich es überblicke, gibt es den Friesisch-Kurs derzeit nur in den Varianten des Insel-Friesich und eben des Dialekts der Böningharde. Falls ich es zeitlich noch hinbekomme, will ich während meines Aufenthaltes hier im Norden noch im Nordfriisk Institut in Bredstedt vorbei. Denn wenn ich irgendwo Material über das Friesisch der Karrharde auftreiben kann, dann dort. Meine Versuche, über das Internet an ein Exemplar von Oltmann Tjardes Jabbens Lautlehre "Die friesische Sprache der Karrharde" aus dem Jahr 1931 heranzukommen, sind bis jetzt im Sande verlaufen.

Recherche in der Bibliothek

Gegen halb zehn mache ich mich wieder auf nach Leck. Die Bücherei, die sich in der Hauptstr. 31 in Leck befindet, hat heute nur zwei Stunden geöffnet, und mir stellen sich durch die Recherchen vom Vortag etliche Fragen, die ich hoffe, dort beantwortet zu bekommen. Typisch Norbert - noch keine 48 Stunden vor Ort, und schon findet er sich in einer Bibliothek wieder.

Das »Jahrbuch für die Schleswiger Geest«, das ich suchte, ist leider nicht da. Die Bibliothek hat zwar etliche Jahrgänge der Publikation, doch gerade der Band aus dem Jahr 1963 mit der Erwähnung der Petersburg fehlt. Dafür finde ich Antworten auf etliche andere Fragen.

Zum Beispiel: Früher gab es in Schleswig Holstein zahlreiche Wälder. Davon zeugen auch Baumfunde, die bei Schachtarbeiten in der Region gemacht wurden. Aber nach der letzten Eiszeit, bedingt durch das atlantische Klima, wurde die Erde feuchter und zersetzte sich zunehmend schwer. Dazu kam, dass die Bauern der Gegend den Wald für ihre eigenen Zwecke nutzten und übernutzten. So wurden im Herbst die Schweine in den Eichenwald getrieben, wo sie sich an den Eicheln gütlich taten. Das führte dazu, dass die Waldfläche immer weiter abnahm. Auf der Rohhumusdecke wuchs außer Heide so gut wie gar nichts. Mit heimischen Gewächsen war der Sache nicht beizukommen.

Carl Emeis, der mit der Aufforstung der Region beauftragt wurde, begann zunächst mit einem Abschnitt von 420 ha. Er ließ mit Pferdegespannen aus 6 bis 16 Pferden die Rohhumusdecke aufbrechen. Ab 1893 arbeitete er mit einem Dampfpflug, der tiefer in das Erdreich eindringen konnte. Vorzugsweise pflanzte er landesfremde Nadelhölzer, die mit den Gegebenheiten besser zurechtkamen, etwa nordamerikanische Sitkafichten oder japanische Lärchen. Für die Pflanzarbeiten wurden Gefangene aus der Strafanstalt Renzburg herangezogen, sogenannte Korrigenden. Untergebracht wurden diese Strafarbeiter in der Rugeranzel, dem ehemaligen Gasthof oben auf der Rantzauhöhe.

Auch über Klaus Groths Besuche auf der Peterburg, wie die Rugeranzel später nach ihrem neuen Besitzer, Peter Michaelsen, hieß, habe ich neue Informationen gefunden. Offensichtlich trafen sich zu Groths Zeit, gegen 1840, zu Ende der Ferien die Seminaristen, um gemeinsam nach Tondern zu wandern.

Von der Rantzauhöhe existiert eine schöne Entstehungssage: Vor langer, langer Zeit machte sich ein Riese aus Dithmarschen auf, in Ribe, dem seinerzeit wichtigsten Hafen Dänemarks, beim Kirchbau zu helfen. Da die Goosharde, durch die er wanderte, schon damals eine karge Heidelandschaft war, waren seine Holzschuhe bald voller Sand. Verärgert setzte er sich oberhalb eines kleinen Flusses, der Soholmer Au, hin, steckte seine geplagten Füße ins Wasser und leerte die Schuhe. Die beiden Hügel, die auf diese Art entstanden, waren die Rantzauhöhe (früher: Ranselsberg) und der Heidberg (früher: Werkshug?).

Da die von Pastor Dr. Rudolf Muuß verschriftliche Sage als Lage der beiden Hügel eindeutig „nördlich der Soholmer Au“ beschreibt – und diese beiden Hügel die einzigen herausragenden Erhebungen dieser Geestregion sind, scheint es mir nahezu zwangsläufig, dass es sich bei „Ranselsberg und Werkshug“ um ältere Namen dieser Anhöhen handelt. 

Leider habe ich bei der Sichtung des historischen Materials aber keine Erklärung darüber gefunden, woher die Namen Ranselsberg und Werkshug stammen und wann daraus die heutigen Namen wurden. Houc war die althochdeutsche Bezeichnung für eine Anhöhe. Das lässt darauf schließen, dass der Werkshug nicht die gleiche Höhe erreicht wie der Ranselsberg, womit die Zuordnung der beiden Namen zu den heutigen geographischen Punkten erleichtert wird. Ich gehe davon aus, dass Ransel seinen Ursprung im Dänischen hat und tatsächlich der Reisesack gemeint ist. Da der Ranselsberg als höchster Punkt auf dem Ochsenweg liegt, war er wahrscheinlich von je her als Aussichtspunkt für eine Rast prädestiniert. Nicht umsonst hieß das Gasthaus, das an dieser Stelle aufmachte, die Rugeranzel.

Ob ein Teil des Waldes früher in Besitz der Familie Rantzau war oder die Höhe nur zu Ehren eines der Rantzaus diesen Namen bekam, vermag ich nicht zu sagen. Bekannt ist, das die Familie Rantzau zu den Equites Originarii, den uradeligen Familien Schleswig-Holsteins, gezählt wurde und bis zum Ende des Mittelalters zu einer der mächtigsten Familien der Schleswig-Holsteinischen Ritterschaft aufstieg. Mit Beginn der Neuzeit gehörten ihnen zeitweise bis zu 71 Güter, die in großer wirtschaftlicher Blüte standen:

Falcks „Sammlungen zur näheren Kunde des Vaterlandes“ erwähnt im Bd.3, S.321 einen Kaufbrief des Hauses Rantzauen auf mehrere Güter der Karrharde an Herzog Friedrich 1497. Und J.A. Petersen schreibt in seinen „Wanderungen“ (S. 376f) über das Gut Klixbüll, das unter anderem in Leck Zweiggüter besaß, dass dieses ab dem zweiten Viertel des 17. Jahrhunderts in den Besitz des Hauses Rantzau kam. „Im 18. Saeculo wurde das Gut parcelliert. Sei Areal liegt zerstreut, und es participiert an fast sämtlichen Kirchspielen der Karr- und Bökingharde“, heißt es dort weiter. Durchaus möglich also, dass auch ein Teil des Langenfelder Forstes zum Gebiet der Rantzaus gehörte.

Südlich der Fischteiche stand früher ein kleines kegelförmiges Hexenhäuschen. Auch hier kennt der Volksmund zahlreiche Geschichten von Weibern, die die Waldarbeiter durch allerlei Schabernack in Schrecken versetzt hätten. Das Häuschen ist mittlerweile ebenso abgerissen wie die Petersburg. Lediglich die Fundamentplatte soll noch vorhanden sein.

Als ich die Bibliothek verlasse, lässt sich zum ersten Mal die Sonne sehen. Ich beschließe spontan, noch nicht zum Mittagessen nach Hause zu fahren, sondern ein wenig durch die Gegend zu radeln. Vorbei an der Lecker Au will ich zum Ausstellungspavillon des Langenberger Forstes. In diesem Achteckbau mit Grasdach soll es eine kleine Ausstellung über die Entstehung des Langenberges und über das Ökosystem Wald geben.

Der Klettergarten Filu in Leck

Ich fahre am Klettergarten »Filu« vorbei und sehe, dass das Tor offen ist. Also halte ich kurz an. Ich kenne den Garten aus mehreren YouTube-Clips. Eine Gruppe Mitarbeiter ist gerade oben auf dem Hochparkour unterwegs. Kurz frage ich, ob es sie stören würde, wenn ich ein paar Aufnahmen mache. Niemand hat etwas dagegen.

Der Klettergarten ist schon deswegen besonders, weil er als einer von ganz wenigen Hochgärten Deutschlands barrierefrei ist, also auch von Rollstuhlfahrern benutzt werden kann. Speziell geschultes pädagogisches Personal sorgt dafür, dass niemand abstürzt. Ich bin gerade in eine Trainingseinheit für die neuen Mitarbeiter geraten.

Während ich meine Bilde mache, kommt Melina Burmeister auf mich zu und strahlt mich auf ihre unnachahmliche Art an. Ich schätze sie auf Mitte 20. Sie arbeitet in der Verwaltung des Klettergartens, hat einen Abschluss als Kauffrau für Marketingkommunikation und einen Bachelor in Tourismusmanagement. Das merkt man ihr sofort an. Spontan beginnt sie, von den Vorzügen des Klettergartens zu erzählen und versucht, mich für die Idee zu gewinnen, in Hamburg ein wenig Werbung für den »filu« zu machen: Teambuilding-Seminare für Mitarbeiter von Werbe-Agenturen, kombiniert mit einer Übernachtung in der benachbarten Heuherberge.

Dann erzählt sie von den Vorbereitungen für die bevorstehende Halloweenfeier. Fackeln werden für die schaurige Beleuchtung sorgen, die Mitarbeiter durch die Gegend geistern. Und für Kids, die in Verkleidung kommen, gibt es Süßigkeiten extra. Kakao und heißen Früchtetee sowieso. Und dann fängt Melina auf einmal an zu singen. Vom Rummelpott, der von den Kindern von Haus zu Haus getragen wird.

Rummel, rummel, ruttje,
Kriech ik noch en Futtje?
Kriech ik een, blev ik stohn,
Kriech ik twee, so will ik gohn.

Dass dies ursprünglich ein Silvesterbrauch war, spielt keine Rolle. Er passt irgendwie auch ganz prächtig zu Halloween: Die Kinder verkleiden sich, ziehen von Haus zu Haus und sammeln Süßigkeiten. So überlagern neue Bräuche die alten.

Zum Abschied drückt Melina mir noch ein paar Flyer in die Hand, die ich mit nach Hamburg nehmen kann. Überhaupt sei sie vormittags immer im Büro erreichbar. Falls noch Fragen seien.

Der Informationspavillon im Langeberger Forst

Es ist lange her, dass ich bei den Pfadfindern war. Kartenlesen sollte eigentlich nicht so schwierig sein. Zum Ausstellungspavillon des Forstes kommt man über die B199. Kurz hinter dem Schild »Tierfriedhof« geht es rechts auf einen kleinen Parkplatz am Waldrand. Leider ist dieser Parkplatz nicht gesondert ausgeschildert, so dass ich trotz des Hinweises auf den Friedhof weiterradle und erst am Heidbergweg, wo das nächste deutlich sichtbare Parkschild steht, einbiege.

Das hat aber den Vorteil, dass ich die Fischteiche, die ich für heute gar nicht auf dem Plan hatte, in vollem Sonnenschein genießen kann. Das Gelände ist hier abschüssig, die Teiche sind in Treppen angelegt und münden schließlich in einem großen, von Seerosen bewachsenen Weiher am Rande einer Feuchtwiese. Zahlreiche Tafeln informieren über die Tiere im Wasser, die Pflanzen im Ökosystem Wiese, die Waldbewohner mit zwei und vier Beinen. Wer mehr über den Wald erfahren will, ist hier genau richtig.

Die Enten, die sich hier herumtreiben, sind deutlich neugieriger und zutraulicher als die, denen ich gestern begegnet bin. Sie kommen auf mich zu, begleiten mich auf meinem Weg um den großen Teich herum und lassen sich auch nicht stören, als ich mitten durch ihre Versammlung gehe, weil der Weg zwischen zwei Fischteichen nicht breit genug für ein Ausweichmanöver ist.

Der Infopavillon, zu dem ich schließlich doch noch komme, erschlägt mit einer Fülle von Informationen. Leider funktioniert nur ein Drittel der Lampen in der kleinen Hütte, so dass es stellenweise ein wenig dunkel ist. Aber die Schautafeln sind mit vielen Bildern anschaulich aufbereitet, so dass sich ein Besuch auf jeden Fall lohnt. Ich werde von all dem, was ich an diesem Mittag gelernt habe, sicherlich noch eine ganze Weile zehren. Da ich unmöglich alle Informationen auf einmal aufnehmen kann, habe ich meine Kamera gezückt und von den Schautafeln Fotos gemacht. So kann ich mich nach und nach mit den Infos auseinandersetzen.

Der Nachmittag und Abend waren dem »Schreibtisch« gewidmet. Ich saß bis 23 Uhr auf der Eckbank am Esstisch und arbeitete am Laptop. Zwischendurch drehte ich noch einmal eine Runde durch die Maade, um mich durchpusten zu lassen. Glück ist so einfach zu haben: Frische Luft, Weite, Bewegung, mehr braucht es nicht.