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Von Streunern und Stubentigern

Katze in Blocksberg, Dagebüller Koog

Draußen ist es nass. Ich schaue mir an, wie der Regen die Scheiben herunter rinnt, und beschließe, heute eine ausgiebige Arbeitssitzung am Schreibtisch einzulegen. Mich auf einen Spaziergang durch den Koog zu beschränken, die Kapuze über den Kopf gezogen. Zu tun gibt es mehr als genug. Es gilt, die gesammelten Eindrücke der letzten Tage zu Papier zu bringen und zu sortieren.

Ein paar Internet-Recherchen stehen an. Da ist die Sache mit den Feliden. 75.000 verwilderte Katzen, die sich keinem Halter zuordnen lassen, sollen in Schleswig-Holstein leben. Da auch mein »Diogenes« ein solcher Streuner ist, würde ich gern mehr über ihre Lebensumstände erfahren. Nur bekam ich in den letzten Tagen kaum welche zu Gesicht. Es fällt auf: Die Katzen haben sich rar gemacht. Selbst Rehe sehe ich täglich auf den Wiesen um Klintum. Aber Katzen?

Dabei meint mein Vermieter, es gäbe hier eine ganze Menge von ihnen. Offensichtlich sind sie so scheu, dass sie sich nicht gern Fremden zeigen. Die meisten leben von der Jagd und streifen auf der Suche nach Mäusen durch die Felder. Auch der benachbarte Bauer soll einige durchfüttern. Wer eine Katze im Haus hält, lässt sie normalerweise nicht raus. Sonst sei sie weg, sagt er lakonisch.

Der Satz irritiert mich. Spricht daraus die Angst, die Katzen könnten die Freiheit kennen und lieben lernen? Sich gar mit ihren wilden Genossen verbünden und mit ihnen losziehen? Das ist unwahrscheinlich. Das Leben der Streuner ist wenig romantisch. Krankheiten wie dem berüchtigten Katzenschnupfen sind sie schutzlos ausgeliefert. Parasiten zehren zusätzlich an ihren Kräften - gerade junge Kätzchen können so weit geschwächt werden, dass sie an ihnen verenden. Viele verwilderte Tiere sind unterernährt. Wer eine zweibeinige Futterquelle sein eigen nennt, wird diese auch nutzen.

Gesetz zum Abschuss von Katzen

Katze in Maasbüll

Ein wichtigerer Grund, warum vergnügte Landkatzen hier nicht oft zu sehen sind, ist das Gesetz zum Abschuss von Katzen, §23 des Bundesjagdgesetzes. Da die Tiere geborene Jäger sind, ernähren sie sich nicht nur von Mäusen, sondern auch von bodenbrütenden Vögeln, Lurchen und anderen Kleintieren. Viele Naturschützer sehen daher durch die vierbeinigen Wilderer die Artenvielfalt bedroht. Denn den Katzen ist es völlig egal, ob der Piepmatz, den sie erbeuten, eventuell zu einer seltenen und geschützten Singvogelart gehört. Bei nur drei Tieren am Tag, so wird hochgerechnet, kann eine einzige Katze locker 1000 Vögel, Kleinsäuger und Amphibien im Jahr erlegen. Was ein Heer von 75.000 Freibeutern, unterstützt durch zahlreiche Hauskatzen, in der Natur anrichtet, ist offensichtlich.

Das Gesetz soll nun das Wild vor Haustieren schützen. Es erlaubt das Abschießen einer Katze, die in einem Jagdbezirk mehr als 200 Meter vom nächsten Haus entfernt angetroffen wird. Das wurde und wird reichlich angewandt. Im Jagdjahr 2003/2004 wurden in Schleswig-Holstein 10.000 Katzen beim Wildern erschossen. Diese Zahl ist zum Glück rückläufig. 4.000 Streuner waren es aber auch im letzten Jagdjahr noch, die ihr Leben ließen.

Pilotprojekt gegen Katzenelend

Ein junger Katzen-Wurf spielt auf gefälltem Holz

Mitte Oktober hat das Land Schleswig-Holstein ein Pilotprojekt ins Leben gerufen. Bis Ende 2015 sollen ca. 5.000 Tiere kastriert werden. Das Geld dafür kommt aus dem Umweltministerium, von den Tierschutzverbänden und von einem anonymen Einzelspender. Der größte Einzelposten stammt beredterweise vom Harald Nolte Vogelschutz Fonds der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein.

Das landesweite Pilotprojekt läuft in drei Phasen ab. Die erste startete am Mittwoch, 15. Oktober, und dauert bis zum 14. November. 2015 folgt die zweite Phase vom 15. Februar bis 31. März, die dritte vom 1. bis zum 30. September. Die Zeiträume sind so gelegt, dass möglichst keine trächtigen Tiere zum Tierarzt gebracht werden.

Für Kastrationen von Stubentigern gibt es Zuschüsse, bei Besitzern mit Hartz IV-Hintergrund werden die Kosten komplett übernommen. Ziel ist es, möglichst viele Katzen unfruchtbar zu machen, zu chippen und in einer Datenbank zu erfassen. So können aufgegriffene Katzen schnell ihrem Besitzer zugeführt werden. Und es ist leichter zu unterscheiden, ob das aufgegriffene Tier ein Stubentiger beim Abendspaziergang oder ein Streuner auf Beutezug ist.

Der 12x2 mm kleine Chip sitzt immer an der gleichen Stelle: auf der linken Nackenseite, wo er mittels einer Spritze injiziert wurde. Mit einem einfachen Scan kann er ausgelesen werden. Der 15stellige Zahlencode erlaubt es, die Tiere eindeutig ihrem Besitzer zuzuordnen.

Die Überlegung hinter der Kastrationsoffensive ist simpel: Je weniger Nachwuchs gezeugt wird, desto kleiner ist die Population und desto geringer der Schaden, den die Katzen in freier Wildbahn anrichten. An die Freigänger, die ihren Sitz in Wohnungen haben, ist deutlich leichter heranzukommen als an die ohne feste Bleibe. So kann verhindert werden, dass es zu Nachkommen zwischen zahmen und verwilderten Tieren kommt. Denn eine wild lebende Katzedame kann bis zu drei Mal im Jahr Junge bekommen. In einem Jahr zeugt sie so, zusammen mit ihrem Nachwuchs, bis zu 33 Kitten und tritt so eine wahre Lawine los. Die Weibchen haben fortlaufend viel zu große Würfe und könnten dann ihre Jungen nicht ausreichend versorgen, weil sie nicht genügend Milch produzieren.

Hinzu kommt: Katzen gehören zu den wenigen Tieren, die auch dann jagen, wenn sie keinen Hunger haben. Es ist also ein Irrglaube, anzunehmen, die eigene Katze sei keine Bedrohung für die Natur, nur weil sie regelmäßig gefüttert wird. Gerade Freigänger, die zu Hause einen gedeckten Tisch erwarten, wissen mit ihrer Beute allerdings wenig anzufangen und schleppen sie oft einfach vor die Haustür, als Gastgeschenk für ihre Dosenöffner. Auch hier kann die Kastration helfen. Denn kastrierte Kater haben einen deutlich geringeren Beutetrieb.

Die Arbeit mit den Streunern ist schwierig. Und teuer. Die Katzen müssen zunächst gefangen werden. Zu den Kosten für die Kastration kommen auch jene für die Behandlung gegen Infektionen und Parasitenbefall. Helfen könnten zum Beispiel jene tierlieben Anwohner, die in ihrem Garten eine private Futterstelle eingerichtet haben. Von denen gibt es etliche. Lebendfallen für Katzen stellen viele Tierheime gern zur Verfügung. So wäre es möglich, auch die wild lebenden Tiere zu kastrieren und zu registrieren. Denn das Füttern allein ist zwar gut gemeint, wiegt die Tiere aber in einer Scheinsicherheit und unterstützt letztlich die problematische Vergrößerung der Population.

Freiheitsliebe und Kastration

Freigänger-Katze am Gotteskoog

Für die Tierheime in Schleswig-Holstein stellen die verwilderten Katzen eine große personelle, räumliche und finanzielle Belastung dar. »Hinzu kommt, dass die an freies Umherstreifen gewöhnten Katzen physisch und psychisch unter der ungewohnten Haltung – eingesperrt und zwangsvergesellschaftet mit anderen Katzen – leiden und sich im Laufe ihrer „Gefangenschaft“ nicht selten sogar aufgeben«, heißt es auf der Website der »Initiative zur Kastration von Katzen in Schleswig-Holstein«.

Solche Katzen sind kaum vermittelbar. Denn in einer Wohnung würden sie anfangen zu randalieren, um wieder nach draußen zu kommen. Sie sind ihre Freiheit zumeist von klein auf gewohnt und verstehen nicht, was sie innerhalb vierer Wänden Sinnvolles anstellen können. Oft haben sie in ihrer natürlichen Umgebung einen Radius von mehreren Kilometern, den sie beaufsichtigen. Eine Wohnung bietet da wenig Abwechslung.

Leider gibt es derzeit noch zu wenige kontrollierte Futterstellen für die jungen Wilden, an denen sich zugleich auch um die Kastration des Nachwuchses gekümmert wird. Denn die Fütterung macht nur Sinn, wenn gleichzeitig auch für das Wohl der Tiere gesorgt wird. Und dazu gehört auch, ihre Überpopulation zu verhindern. Vielleicht ist die aktuelle Initiative, bei der die Arztkosten teilweise oder ganz übernommen werden, ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Wenn Sie mehr über das Pilotprojekt Katzenelend, über Zuschüsse für Kastrationen oder über die Möglichkeit wissen wollen, das Projekt mit einer Spende zu unterstützen, finden Sie den offiziellen Pressetext auf der Homepage von schleswig-holstein.de