Startseite | Impressum | Kontakt | Sitemap

Die Alte Schule in Klintum

Alte Schule, Klintum (Leck)

Bin heil in der Karrharde angekommen. Die Wohnung in der Alten Schule Klintum ist knuffig. Schon das Haus ist sehenswert: Das alte Reetdachgebäude, an dessen Backsteinmauer der Wein hochklettert, mit einem wunderschönen, gepflegten Garten vor dem Haus. Der Eingang zur Wohnung befindet sich an der linken Seite des Haupthauses. Neben der Eingangstür steht eine kleine Holzbank. Sie dient wahrscheinlich als Raucherbank, denn drinnen ist Rauchen verboten.

Als ich die Tür öffne, stehe ich im Wohnzimmer: Zwei Rattansessel, ein ausziehbares Sofa, ein Rattan-Couchtisch mit Glasplatte direkt vor dem Fenster. Auf der anderen Seite des Raums eine Essecke mit Eckbank, Tisch und Stühlen, alles aus rustikalem Lärchenholz. Sofa und Wände sind in Blau gehalten, was harmonisch wirkt und beruhigend. Ich habe mich bereits bei der Vorbereitung auf diese Reise in die Fotos des Wohnzimmers verliebt.

Auf dem Fensterbrett wuchert eine Segge. Der Drachenbaum daneben scheint mit den Lichtverhältnissen weniger glücklich. Verzweifelt reckt er sich, um ein paar Sonnenstrahlen zu ergattern. Denn draußen, hinter dem Wohnzimmerfenster, wächst ein Rhododendron in die Höhe - und die Breite. Er versperrt die Sicht auf die Straße. Eigentlich auch auf alles andere. Aber dafür schützt er das Wohnzimmer vor neugierigen Blicken. 

Vom Schlafzimmer aus schaue ich auf den Oster-Schnatebüller Koog. Ein paar vereinzelte Kühe grasen auf der Weide. Durch die grünen Wiesen hindurch verlaufen die beiden Wege, die durch die Polder nach Leck führen. Sie heißen Noorder Maade und Süder Maade. Da ich gerade dabei bin, die Gegend kennen zu lernen, habe ich das nachgeschlagen: Maade ist das friesische Wort für »Wiese«, aber auch von »sumpfiges, mooriges Erdreich«. Die Übergänge zwischen Ersteren und Letzteren sind offensichtlich fließend. Den Kühen scheint das wenig auszumachen.

Einkaufsmöglichkeiten in Leck

Süder Maade, Oster-Schnatebüller Koog

Entlang dieser Maade radle ich, um in der Stadt einzukaufen. Bereits von einer früheren Tour durch Leck weiß ich, dass sich die beiden wichtigsten Einkaufsmöglichkeiten des Ortes, Famila und Lidl, im sogenannten Gewerbegebiet befinden, einander gegenüber in der Industriestraße (Nr. 24 und 28). Aldi befindet sich auch nur ein paar Meter weiter, in der Rudolf-Diesel-Straße 1a.

Nachdem ich meine Reisetasche ausgepackt habe, mache ich mich auf den Weg, den Kühlschrank zu füllen. Das Wasser steht nicht nur in den Gräben, sondern auch auf den abgeernteten Feldern. Von dem Mais, der hier angebaut wird, zeugen nur noch kurze, dicke Stecken, die aus dem Boden ragen.

Zum Glück habe ich mir bereits bei dieser ersten Tour das »Nordfriesland Tageblatt« besorgt und darin eine Anzeige gefunden, die mir sehr entgegenkommt: Die Bäckerei vor Ort hat genau in der Zeit meines Besuchs ein Angebot: Zeitung und vier Brötchen für 2,50. Da allein das Blatt schon 1,50 kostet, ist das ein fairer Preis.

Allerdings wusste die Verkäuferin in der "Niebüller Backstube" beim Famila-Markt, die ich am folgenden Morgen zuerst aufsuchte, nichts von diesem Aktionspreis und wurde nahezu sauer, als ich sie fragte. Nein, Tageszeitungen hätten sie überhaupt keine. So schlug ich mich frei von Ortskenntnissen zur zweiten Filiale durch, die am Schafmarkt ihren Standort hat. Dort hing die Werbung für die Aktion bereits im Fenster und bekam, was ich wollte.

Landgewinnung vor Klanxbüll

In der Zeitung finde ich einen interessanten Bericht über den Bau des Lübke-Koogs vor Klanxbüll, südlich des Hindenburgdamms. Heute vor 60 Jahren fand der Deichschluss statt. Und das, nachdem der Blanke Hans sich am 16. und 17. September 1954 noch einmal kräftig aufbäumte: Die Sturmflut riss den frisch errichteten Deich auf 200 Meter Länge ein. Rund um die Uhr schufteten die Helfer, um das Loch bei Sturm und Regen zu stopfen.

Ausschlaggebend für den Bau des neuen Deiches war die »Holland-Flut«, die Flutkatastrophe vom Frühjahr 1953. Springflut und starker Nordwestwind drückten damals das Wasser mehrere Meter hoch ins Landesinnere. Zwar starb hier in Nordfriesland, wo lediglich Ausläufer der Sturmflut ankamen, niemand in dieser Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar. In Holland, Belgien und England hingegen fanden über 2000 Menschen den Tod.

Lahnung
Lahnung, AndreasS at de.wikipedia

Dabei hatte die Bevölkerung nach 1945 zunächst ganz andere Sorgen, als dem Land neue Flächen abzutrotzen. Es galt, die im Krieg vernachlässigten Deiche auszubessern und den Lahnungsbau wieder aufzunehmen. Letztlich sind Lahnungen Uferschutzmaßnahmen. Sie dienen aber der Landgewinnung. Mit doppelreihigen Holzpflöcken, zwischen die Reisig- und Rutenbündel (Faschinen) geschnürt sind, werden vor dem Deich Felder im Watt angelegt. Die Flut bricht sich an den Lahnungen und füllt die Felder. Schwebeteile im Wasser können sich hier absetzen. Zur Entwässerung dienen sogenannte Grüppen, Kanäle, deren Schlick ebenfalls auf die Felder abgelegt wird. Durch die Verschlickung steigt der Boden innerhalb der Lahnungen um bis zu 10 cm pro Jahr. Mit der Zeit entstehen auf diese Weise Salzwiesen oberhalb des normalen Flutniveaus.

Neben den Lahnungen finden sich vor den Deichen oft auch Buhnen. Von denen habe ich zuerst bei Siegfried Lenz in der »Deutschstunde« gelesen: "Er schob und zog meinen Vater unter zerstreuten Beschwichtigungen vorwärts auf dem Kamm des Deiches, weiter und weiter hinab neben der langsam auflaufenden Nordsee, die ihre Kraft an den Buhnen verlor und sich nur noch gemächlich überschlug, wie in Zeitlupe", ist eines der Bilder aus dem Roman, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Lenz war ein wunderbarer Wortmaler.

Vom Bauprinzip her sind die Buhnen den Lahnungen recht ähnlich, nur dass sie lediglich rechtwinklig zum Strandverlauf ins Meer vorgebaut werden. Ihr Zweck ist es, die Strömung zu mindern und so Sanderosion zu verhindern und dafür Sediment aufzuhäufen.

Der Klintumer Weg im Langenberger Forst

Der Ausgangspunkt des Klintumer Wegs im Langenberger Forst

1000 Hektar Forstfläche gibt es heute im Dreieck zwischen Leck, Enge und Stadum. Das wäre vielleicht gar nicht weiter erwähnenswert, wüsste ich nicht, dass sich hier bis zum Ende des 19. Jahrhunderts eine weite Heidefläche erstreckte. Der Forstdirektor Carl Emeis erhielt 1978 den Auftrag, in diesem Gebiet einen Wald anzulegen. Über die Art seiner Bodenvorbereitung habe ich noch nichts herausgefunden. Aber seine Arbeit funktionierte, so dass inzwischen ein artenreicher Mischwald, bestehend vor allem aus  Eichen, Buchen, Lärchen und Fichten, zu Spaziergängen einlädt. Für Nordfriesland ist solch ein Baumbestand etwas Besonderes.

Innerhalb des Langeberger Forstes sind sechs gekennzeichnete Wanderwege angelegt. Ich habe mir für meine erste Tour den »Klintumer Weg« ausgesucht, der an einem Parkplatz am Waldrand von Klintum beginnt. Der Weg zum Parkplatz geht von der Lecker Chaussee ab, ungefähr auf der Höhe, an der die Klintumer Dorfstraße auf die Chaussee trifft. Schon von Weitem kann man sich gut an der  Fußgängerampel orientieren, die dort aufgestellt ist. Außerdem ist der Parkplatz ausgeschildert.

Vorbei an der »Pension am Wald« führt der Weg leicht bergauf bis zu einer Informationstafel und einem Pfeiler mit bunten Hinweispiktogrammen, die über das korrekte Verhalten im Wald belehren. Der geneigte Spaziergänger erfährt so nicht nur, wo er sich befindet und wo die Wanderwege verlaufen, sondern auch, dass er auf offenes Feuer lieber verzichten sollte, Hunde anzuleinen sind und dass Bäumeklettern mit der Gefahr eines Absturzes verbunden ist.

Klintumer Weg, erster Abschnitt

Der mit dem Eulensymbol gekennzeichnete Klintumer Weg beginnt rechter Hand ein paar Meter vor diesem Hinweisschild. Auf der Info-Site der Nordfriesland-Tourismus GmbH habe ich gelesen, dass einige der Wanderwege für Rollstuhlfahrer bei schlechtem Wetter nur bedingt geeignet seien. Ich laufe die Tour heute bei strömendem Regen. Vom Fahrweg aus geht es auf einem Trampelpfad über eine Wiese bergab. Der Pfad probiert gerade, ob für ihn eine Mutation in ein Flussbett in Frage kommt, ist aber noch unentschlossen. Wer hier einen Rollstuhlfahrer längskarrt, ist in meinen Augen unbarmherzig.

Nach kurzem Querfeldein gehe ich an zwei Teichen vorbei, die sehr idyllisch im Wald liegen. Im rechten Teich vergnügt sich eine Enten-Großfamilie und beschnattert lautstark mein Auftauchen. Anders als bei den Großstadtenten in Hamburg kommen sie jedoch nicht auf Bettelzug zu mir, sondern bleiben in sicherem Abstand. Der Weg ist hier ein wenig breiter, allerdings durch den Regen komplett aufgeweicht. Gutes Schuhwerk ist notwendig. Ich empfehle bei Regenwetter frisch eingewachste Wanderstiefel, denn manche Pfützen haben das Zeug zum Tümpel.

Rechter Hand sehe ich das Waldstadion. Hier spielt der MTV Leck als Ausweichplatz mit einigen Jugendmannschaften, wenn im Nordfrieslandstadion gerade kein Platz ist. Der TSV Ransum feierte im Stadion sein 30-jähriges Meisterschafts-Jubiläum, ohne sich groß daran zu stören, dass dieser Jahrestag bei genauerer Betrachtung schon ein wenig länger zurücklag. Und selbst die Nachwuchs-Wehren der Region kämpften hier um den Pokal des Amtes Südtondern.

Vom Waldstadion aus geht es bergauf in Richtung Klinger Moos, einem Neuwald und Naturschutzprojekt, das mich vor allem durch seine Obststreuwiesen verblüfft. Die hätte ich mitten im Wald nicht erwartet. Im Süden ragt ein Wachturm des auslaufenden Marinemunitions-Depots Sande in die Höhe. Geplant ist auf dem Gelände des Depots derzeit eine Windkraft-Versuchsanlage. Verständlicherweise laufen Umweltschützer gegen das Projekt Sturm, denn die drei 183 Meter hohen Windkraftgeneratoren würden das Landschaftsbild nicht unerheblich verändern.

Renaturierung am Klintumer Weg

Auf dem Weg hinauf zur ehemaligen Petersburg versperren Äste den Durchgang und das Vorankommen auf dem Waldweg. Welchen Zweck die Barrikade hat, erschließt sich mir nicht völlig. Wahrscheinlich hat die Forstverwaltung einfach eine andere Nutzungsvorstellung von dem Weg als das Tourismusamt Leck. Renaturierung contra Fremdenverkehr. Oder so.

Denkbar wäre auch, dass hier die letzten Reste des Orkantiefs Christian zu bestaunen sind. Dieser Orkan hatte im November 2013 rund 150 Hektar Kahlfläche am Langenberg geschlagen. Allerdings liegen die Äste für einen natürlichen Bruch zu geordnet mitten auf dem Weg. Ich entscheide, mich rechts am Bruchholz vorbeizustehlen und hoffe, dass der Weg bald wieder zugänglich wird.

Das Waldstück, durch das ich komme, nennt sich Uhu-Wald. Um die größte aller Eulenarten zu hören, ist es noch zu früh am Tag. Zu sehen bekomme ich leider auch keine. Eine Zeitlang waren diese Tiere vom Aussterben bedroht. Deswegen wurde zwischen 1982 und 2002 begonnen, sie auszuwildern. Hier im Uhu-Wald haben sie ein neues Zuhause gefunden. Daher trägt die Wanderroute »Klintumer Weg«, die an ihrem Brutgebiet vorbeiführt, den Uhu als Tiersymbol.

Schutzhütte an der Petersburg (Rugeranzel)

Oben auf der Anhöhe steht eine kleine reetgedeckte Schutzhütte, die mir bei dem nassen Wetter gerade recht kommt, um die Karte zu studieren. Ich merke, dass ich die letzten paar hundert Meter auf dem berühmten Ochsenweg gelaufen bin, über den die Bauern früher ihre Tiere auf die Märkte im Norden getrieben haben. Abgesehen von dieser historischen Bewandtnis unterschied sich der sandige Weg jedoch in nichts von diversen anderen Waldwegen, die ich bisher gegangen bin. Deswegen sei an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen: »Lieber Wanderer! Sobald Du die Obststreuwiesen und die künstlichen Windschlag-Wege hinter Dir gelassen hast und auf einen breiten Sandweg kommst, befindest Du Dich auf historischem Boden. Halte inne und lasse im Geiste die Geschichte an Dir vorüberziehen.«

Hilfreich kann zu diesem Zweck die Informationstafel Rugeranzel-Petersburg sein, die seitlich der Schutzhütte aufgestellt wurde. Sie erzählt vom Viehtrieb, vor allem aber auch von den Gasthäusern entlang des Ochsenweges, in dem die Mägde und Knechte versorgt wurden. Vor den großen Markttagen fanden sich bis zu 50 Treiber gleichzeitig in den Krügen ein, so dass es munter her ging.

Auf der Anhöhe hatte das Gasthaus Petersburg seinen Sitz, bis es 1963/64 abgerissen wurde. Im »Jahrbuch der Schleswigschen Geest« gibt es einen Artikel darüber. Informationen über dieses spezielle, namengebende Gasthaus sind eher selten. Die Lecker Stadtbücherei soll ein Exemplar dieses Jahrbuchs haben. Ich werde morgen, wenn das Wetter es zulässt, einen Abstecher dorthin machen. Mal sehen, was ich herausfinde. Bisher weiß ich nur, dass Klaus Groth, der Heimatdichter, hier zu Besuch war und ein kleines Gedicht im Gästebuch hinterlassen hat:

»Durch Schnee und Regen
dem Wind entgegen
ist Burschen Freude
und Herzens Weide.«

Der Rückweg von der Rugeranzel zum Klintumer Parkplatz verläuft unspektakulär. Auf den ersten Metern des Petersburger Wegs stapeln sich am Rand zahllose Festmeter Holz. Ebenfalls noch Reste vom Christian-Kahlschlag? Ungewöhnlich viel zumindest für ein derart kleines Waldgebiet.

Auf der Ahlefelder Höhe geht es links ab auf den Mittelweg. Hier ist es hilfreich, eine Karte dabei zu habe. Denn während der Klintumer Eulen-Weg bislang gegen den Uhrzeigersinn ausgeschildert war, haben die Macher die letzten beiden Schilder in entgegengesetzter Richtung angebracht. Sie sind also nur für diejenigen zu deuten, die vom Parkplatz im Uhrzeigersinn die Wanderroute abgehen. Es gilt, sich gelegentlich umzuschauen und die letzten Schilder richtig zu interpretieren. So zum Beispiel an der Stelle, an der der Klintumer Weg der mit dem Eichhörnchen-Symbol gekennzeichneten Bergweg-Route kreuzt. Hier hat man einen schönen Einblick in den weiteren Verlauf des Ochsenwegs. Und entdeckt auch das Eulensymbol, das man an dieser Wegkreuzung bis dahin vergeblich suchte. Am Ende des Wegs, dort, wo der Wegweiser Mittelweg steht, geht es rechts ab zurück zum Ausgangspunkt der Tour. Auch hier fehlt die Eule als Orientierungszeichen.

Ich bin froh, die Karte dabei gehabt zu haben. Die gibt es kostenlos im Tourismusbüro am Lecker Markt. Die Markierung des Wegs in jeweils nur eine Richtung, die dann in der Mitte wechselt, ist ein gelungener Streich. Ich tippe mal darauf, dass die Schilder von zwei verschiedenen Mitarbeitern angebracht wurden. Der »Klintumer Weg« mit seinem Uhu-Symbol ist mit 3,4 km der kürzeste der sechs gekennzeichneten Wanderwege durch den Langenberger Forst, hat aber seine anspruchsvollen Teilstrecken.