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Ein langer, kalter Winter

Eisrandlagen Norddeutschland
Bildquelle: de.wikipedia/Artikel: Weichsel-Kaltzeit

Die Temperaturen sanken. Damit begann der ganze Ärger. Bis dahin war Nordfriesland eine gemütliche Landschaft mit sanften Hügeln, urigen Wäldern und ruhig vor sich hinplätschernden Flüssen. Die Einwohner lebten in Zelten und zogen durch die Gegend, statt sich die Verantwortung eines Hausbaus aufzubürden. Elchfleisch gehörte zu ihren Lieblingsspeisen. Das Klima war angenehm, mehrere Grade wärmer als heute. Ideal für Nomaden.

Ohne vernünftigen Grund wurde es kalt. Saukalt. Der Abreißkalender an der Kotenwand zeigte 115.000 vor Christus. Wer genau hinguckte - und sich gelegentlich mit seinem Großvater unterhielt -, merkte, wie die Natur sich langsam veränderte. Dort, wo früher ausgedehnte Birkenwälder standen, machten sich nun Kiefern breit. Noch kein Grund zur Besorgnis. Dann aber wichen auch die Kiefern und übrig blieb eine ziemlich unwirtliche Gras- und Strauchtundra, eine Kältesteppe. Mit dem Wald war es vorbei. Und mit der Elchjagd ebenso.

Wer bis jetzt noch nicht begriff, dass dies nicht nur eine Laune der Natur war, wurde spätestens stutzig, als die Gletscher sich von Norden her auf den Weg in Richtung Nordfriesland machten. „War alles schon mal da“, sagten die Alten, und verwiesen auf die Saaleeiszeit, die man auch irgendwie überlebt hatte. Damals hatte das Eis sich von Skandinavien bis in die Niederlande, den Harz und nach Polen ausgedehnt.

Tatsächlich schafften es die Gletscher diesmal nicht bis in die nordfriesische Marsch, sondern kapitulierten bereits vorher an der schleswigschen Geest, dem von Norden nach Süden verlaufenden Mittelrücken Schleswig-Holstein. Der war durch Sandablagerungen während der letzten Eiszeit entstanden. Da er eine höher gelegene Ebene im ansonsten flachen Land bildete, stellte er für die Eismassen ein ernst zu nehmendes Hindernis dar.

Ein Effekt der Kälteperiode war, dass sich riesige Wassermengen in Eis verwandelten. Und zwar nicht dort, wo sie herkamen, sondern bedingt durch den Wasserkreislauf eben dort, wo es ohnehin schon kalt war. Nämlich im Norden. Dementsprechend lag der Meeresspiegel bis zu 65 Meter tiefer als heute. Wer wollte, konnte zu Fuß rüber nach England laufen. Und die Halligen wie Nordstrandischmoor, Gröde, Oland, Langeneß und Hooge waren zu jener Zeit touristisch attraktive Hügel auf dem Festland.

Als es langsam - und damit meine ich etwa hunderttausend Jahre später - wieder wärmer wurde, schmolz auch das Eis ab. Den Sand, Kies und das Geröll, das es in sich trug, schwemmte es in die Niederungen zwischen die nordfriesischen Altmoränen. Überall in Nordfriesland lag ja noch Gestein herum, das die Gletscher im Zuge der vorigen Kälteperiode angeschleppt hatten.
Was nun jenseits der Moränen entstand, waren große Sanderflächen. Diese vor allem aus Sand und Kies bestehenden Sander ließen sich kaum für die Bewirtschaftung nutzen. Allenfalls Kiefern, Heide und Heidelbeeren fühlten sich hier wohl. Kleine Flüsse bereitete es hingegen keine Mühe, sich ihren Weg durch den sandigen Untergrund zu bahnen.

Bis der Meeresspiegel dort landete, wo wir ihn heute als Normal-Null kennen, dauerte es eine Weile. Bis 4.000 vor Christus stieg er um ca. 1,65 Meter pro Jahrhundert an, bis 2.000 v.Chr. schaffte er dann gerade noch einen halben Zentimeter im Jahr.

Das Süßwasser staute sich in den Tälern und Senken Nordfrieslands. Die Uferlandschaften entlang der Flüsse und Bäche gerieten immer mehr in den Einfluss von Hoch- und Niedrigwasser. Die Region begann zu vermooren. Und zwar so lange, bis die See sich das Land zurückeroberte. Salzwasser mögen die Moore nicht. Sie sterben. Aber das ist eine andere Geschichte.