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Comment te dire adieu?

Bahnhof Leuven - Regen vor der Tür

Dieses Mal lief es anders herum. Als mich am Samstag Morgen der Wecker aus dem Schlaf fiepte, trommelten dicke Regentropfen gegen meine Dachschräge und rannen am Fenster herab. Le ciel, il pleut, dachte ich. Und mir ging es ähnlich. Nein, ich weinte nicht. Dafür war ich nun doch zu erwachsen, zu maskulin, zu starr. Aber beklommen war mir, als ich meine Reisetasche unten neben der Tür verstaute und noch einmal in sämtlichen Schränken nachsah, ob ich nichts einzupacken vergessen hätte. Letzte Blicke, letzte Fotos. Aber noch war die Kommunikation zwischen der Stadt und mir nicht beendet. Kurz bevor ich endgültig auscheckte, hörte es auf zu regnen. Auch auf dem Weg zum Bahnhof blieb es trocken. Erst, als ich sicher mein Gepäck auf dem Bahnsteig abgesetzt hatte, begann es wieder zu schütten. So hat sich also Leuven von mir verabschiedet, während ich noch darüber nachdachte, mit welcher Geste, welchem Wort ich dies bewerkstelligen sollte. Mit ein paar Tränen und trockenem Geleit sagte Leuven „Adieu“. Wie anders soll eine Stadt das auch handhaben? Ich werde dich vermissen.

Reisen ist immer auch Abenteuer. Und das letzte Abenteuer stand mir noch bevor. Dank sonderbarer Spar- und Supersparangebote der Bahn war ich relativ preisgünstig nach Leuven gekommen. Das setzte jedoch voraus, dass ich mich sehr spezieller Zugverbindungen bediente. Nun setzt aber das Nutzen bestimmter Verbindungen voraus, dass sich die Kunden halbwegs zuverlässiger Transportmittel bedienen können. Im Laufe des Samstages habe ich mir häufig die Frage gestellt, warum die Deutsche Bahn trotzdem weiterhin Sparpreise ins Angebot aufnimmt. Vorspiegelung falscher Tatsachen?

Bis Aachen lief alles wunderbar. Als ich auf meinem grün überwucherten Bahnhof ankam, stand der Anschlusszug schon auf dem gegenüberstehenden Gleis. Er fuhr auch pünktlich ab. Und blieb dann irgendwann gemütlich stehen. Eine Weile passierte gar nichts. Dann die Stimme des Lokführers aus dem Lautsprecher: „Auf dem Gleis steht ein liegengebliebener Güterwagon.“ Da stand er gut. Genau wie wir. Die Frage, wer ihn da denn liegen gelassen hatte, sparte ich mir. Auch die Frage, wie ich einen Anschlusszug am Nachmittag bekommen soll, wenn ich zu dessen Abfahrzeit noch irgendwo in der Wallachei stehe. Ich tröstete mich mit der Vorstellung, dass es eigentlich überhaupt keinen Grund gebe, warum ausgerechnet der Anschlusszug pünktlich sein sollte. Im Bahnhof Dortmund hatte ich genug Zeit, um nach einer Antwort zu suchen und sie zu finden: Murphys Gesetz, was sonst. „Wenn etwas schief gehen kann, dann wird es das auch tun.“

Der Bahnsteigvorsteher in Dortmund hatte keinen leichten Tag. Zwischen dem Abfertigen von Zügen führte er viele sehr engagierte Gespräche mit Leuten, die allesamt keine allzu hohe Meinung von der Bahn hatten. Auch der Zug mit dem für mich reservierten Platz befand sich ja bereits eine gute Weile auf dem Weg in den Norden, während ich noch auf dem zugigen Bahnsteig herum stand. Die Frage, ob ich mit meiner besonderen Fahrkarten den folgenden, überhaupt nicht besonderen Zug eine Stunde später nach Hamburg nehmen könne, wollte mir der Vorsteher nicht direkt beantworten. Er murmelte etwas von „Karte abstempeln“, was er dann auch tat, um in dem Stempelfeld die tatsächliche Verspätung zu notieren. Die Zahl nahm sich eindrucksvoll aus. Ob dies aber mehr als sein Zeichen guten Willens war, musste ich ausprobieren. Es blieb also spannend.

Normalerweise sehe ich Fahrscheinkontrollen recht gelassen entgegen. In diesem speziellen Fall fühlte ich mich wie ein Schwarzfahrer, der bis zum Schluss hofft, nicht angesprochen zu werden. Als dann doch ein junger Mann in blauem Anzug auftauchte, um sich die Fahrberechtigungen anzusehen, musste ich mich sehr zusammennehmen, um wenigstens halbwegs souverän zu wirken. Aber entweder hatte er bereits mehrere enervierende, emotional aufgeladene Gespräche mit anderen Zugestiegenen geführt, oder ihn interessierte mein Fahrschein aufgrund der vielen Stempel, die bereits darauf waren, einfach nicht. Er würdigte den Verspätungshinweis auf der Rückseite jedenfalls keines Blickes, sondern knipste einfach sein eigenes Placet dazu. Sechs Stunden, nachdem ich die Fahrt in Leuven begonnen hatte, kehrte endlich so etwas wie Ruhe bei mir ein. Die Anspannung legte sich. Da sage noch einer, es gäbe in unserer modernen Zeit kaum noch echte Abenteuer.

Auch in Hamburg regnete es. Kurz vor 22:00 Uhr kam ich an. Lidl am Bahnhof hatte noch geöffnet. Es würde auch am Sonntag geöffnet haben, zeigte ein großes Schild über dem Eingang. Hamburg hatte mich wieder. Und auch mein Kühlschrank hier würde sich schneller als gedacht füllen. Ich habe nicht gefragt, wer Lidl meine Ankunft verraten hat. Vielleicht gab es auch noch andere Gründe für die Sonntagsöffnung. Aber ich war in der Stimmung, es persönlich zu nehmen.

Auf dem Literarischen Katzenkalender bei mir in der Küche hing noch der alte Wochenspruch: „Es gibt kaum etwas erwärmenderes, als beim Heimkommen von Katzen erwartet und begrüßt zu werden.“ Ich lächelte und machte mich auf die Suche nach Kami-Vera. Sie trieb sich draußen im Garten herum, kam aber sofort maunzend angehoppelt, als ich die Terrassentür öffnete. Wir begrüßten uns mit einer gegenseitigen Schnurr- und Reibeorgie. Ich war wieder zurück. Und rundum zufrieden.