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Montag, 17.09.2007

Abfahrtstag. Mein Zug geht bereits um 6: 30 Uhr – ich will gegen Mittag in Löwen sein, um noch etwas von Tag dort zu haben. Natürlich gehe ich am Abend vorher spät schlafen, wie immer. Mitten in der Nacht dann klingelt das Telefon. Als ich entnervt aufstehe, ist niemand (mehr) dran. Auch keine Nummer hinterlassen, also wahrscheinlich irgendein veralteter Festnetzanrufer. Zwei Stunden später muss ich raus. Geschlafen vielleicht vier Stunden.

Via Aachen nach Louvain

Ligne 37, Aachen Hbf

Während der Zugfahrt lese ich ein wenig in Niedereggers "Der Studentenbund der Marianischen Sodalitäten", ein Bändchen aus dem Jahr 1884, von dem ich mir ein Faksimile gemacht habe. Kämpfe ein wenig gegen die Müdigkeit. Erst in Aachen, wo ich umsteige, bekommt die Landschaft ein neues Gesicht. Der Bahnsteig 9 nach Lüttich liegt am Rande des Bahnhofs, eine alte, verwitterte und efeubewachsene Mauer, die sehr malerisch aussieht, begrenzt ihn. Der Blick aus dem Bahnhof auf den Vaalserberg, der Belgien, die Niederlande und Deutschland trennt. Dann die Regionalbahn nach Lüttich, wo der Unterschied zwischen erster und zweiter Klasse noch deutlich zu erkennen ist: auf den guten, alten grünen Ledersitzen der zweiten Klasse hatte ich zuletzt als Kind gesessen.

Die Häuser entlang der Bahnstrecke werden kleiner, die Landschaft hügeliger. Noch einmal umsteigen in Lüttich. Dort sehe ich, dass es auch Züge gibt, die direkt nach Hamburg-Altona fahren. Je nun. Die Bahn von Lüttich nach Löwen ist um einiges moderner. Schade fast. Für meinen Trip in die Vergangenheit war die Regionalbahn gerade richtig. Zunehmend verdüstert sich der Himmel. Kurz vor Löwen beginnt das Pflaster der Straßen vor Nässe zu glänzen. Das hatte ich erwartet. Schon seit Wochen verfolge ich gespannt den Wetterbericht für die Stadt Löwen im Internet. Und nach Wochen des strahlenden Sonnenscheins stehen für die nächsten Tage immer wieder Wolken an.

Dann das Schild am Wagonende: „Wij komen nou naar Leuven“. Diese Nachricht löst in mir eine gewisse Beklemmung aus. Eine Weile starre ich auf den Satz. Will ihn fotografieren, ihn festhalten. Er wirkt wie die Überschrift am Eingang einer geheimnisvollen Grotte, wie der Kapitelname in einem Abenteuerroman. Kann mich dann doch nicht aufraffen, meine Reisetasche von der Gepäckablage herunter zu wuchten, um den Photoapparat zu suchen. Außerdem bremst der Zug bereits.

Ich bin da. Schon am Bahnhof wird klar: dies ist eine absolute Studentenstadt. Kaum ältere Leute zwischen all dem Jungvolk. Dafür ein heilloses Gewusel. In der Uni beginnt gerade das neues Semester. Jeder ist unterweg. Ich stöpsel mir den Teac in die Ohren und spiele Noordkaap - "Druk in Leuven": "Ik ben weer eenzaam in Leuven. Ik vraag me af, wat doe ik hier?"

Erste Tour: Suche nach einem Stadtplan

Müde bin ich. Meine Füße brennen. Die gemietete Flat soll sich zehn Minuten vom Bahnhof entfernt befinden. Laut Stadtplan keine Viertel Runde auf dem äußeren Ring um die Stadt. Eigentlich will ich ein Taxi nehmen, doch auf dem Bahnhofvorplatz finde ich keines. So mache ich mich zu Fuß auf den Weg. Aus den zehn Minuten werden zwanzig. Ich schwitze, denn für einen längeren Fußmarsch habe ich einfach zu viel Gepäck dabei. Als ich in der Dekenstraat ankomme, bin ich schon ziemlich genervt. Die Wohnung wird gerade sauber gemacht. Ich kann meine Sachen dort abstellen, werde aber gleich wieder hinaus komplimentiert. Dabei hatte ich davon geträumt, endlich die Schuhe loszuwerden und mich eine halbe Stunde lang aufs Bett zu hauen.

Statt dessen eine erste Tour durch die Stadt. Ich finde etliche Buchhandlungen, aber keine hat einen Führer, geschweige denn Material über das alte Leuven des späten Mittelalters. Endlich finde ich einen Händler, bei dem ich einen detaillierten geocart-Stadtplan von Löwen und Umgebung („Leuven en grote omgeving“) bekomme. Dazu einen Simenon. „De kat“, um mein Niederländisch auf Vordermann zu bringen. Und dann, im zweiten Stock, Maria Jacques „De schreeuw van Katelijn“ in einer Remittendenausgabe. Das Buch hatte ich bereits von Hamburg aus gesucht, spielt es doch im Leuven des 16. Jahrhunderts. War aber so gut wie nicht zu bekommen, weil neu vergriffen und für Antiquariat zu neu. Mit einer Tüte voll Bücher trete ich den Rückweg an. Meine Laune hat sich sichtlich gebessert. Ich trotze dem einsetzenden Nieselregen. Pah, den kenne ich aus Hamburg.

Die zweite Tour: Suche nach einem Adapter

Nun kann ich auch endlich in meine Flat. Eine Duplex, also zwei Stockwerke nur für mich allein. Küche und Wohnzimmer im Erdgeschoss, Schlafzimmer und Arbeitsecke oben. Ich suche circa eine Viertelstunde nach dem Lichtschalter fürs Badezimmer, bis ich ihn im Alibert entdecke. Mein Adapter für die belgischen Steckdosen erweist sich als nutzlos. Er passt wunderbar auf die belgischen Dosen, doch, das schon. Nur leider passt mein deutscher Stecker für den Laptop nicht hinein. Ich mache mich also erneut auf in die Stadt, um einen anderen Adapter zu kaufen. Frage unterwegs alle möglichen Leute, wo ich so ein Teil auftreiben kann. Eigentlich tippen sie alle auf Delhaize, einen großen Supermarkt an der Naamse Port. Dort finde ich zwar keinen Adapter, dafür aber alles, um den Kühlschrank zu füllen. Das ist wohl Tao: nicht an den eigenen Zielen festhalten, sondern fließen und genießen, was man auf seinem Weg findet. Es ist reichlich.

Die dritte Tour: Rund um die Stadt

Die dritte Tour dieses Tages war eindeutig zu viel, wenn auch schön. Ich habe noch immer den Rat im Ohr, den Henry Miller in Bezug auf Paris gegeben hat: Wenn Du eine Stadt wirklich kennenlernen willst, dann durchstreife sie zu Fuß. So stromere ich am Abend durch die Stadt, umrunde sie beinahe, mit dem Ziel, den ominösen Burgberg zu finden. Von der Tiense Port, in deren Nähe ich wohne, runter zur Dijle, rüber ins historische Stadtzentrum und auf der anderen Seite hoch zum Keizersberg, wo die alte Burg vor Jahren einmal stand. Heute befindet sich dort eine Abtei im neoromanischen Stil. Von der Burg selbst sind nur ein paar Außenmauern und ein kleiner Durchgang geblieben.

Einmal um den Burgberg herum komme ich zurück in die Stadt, gehe an der Leuvense Vaart entlang, einem künstlichen Kanal mit diversen Hausbooten darauf, und auf dem Rückweg noch über den Groten Markt. Knapp zehn Kilometer, rechne ich später aus, allein dieser dritte Spaziergang, der im Übrigen völlig durchnässt endete. Aus dem leichten Niesel wurde im Laufe der Tour ein strömender Regen. Aber ich habe ja genug Ersatzklamotten dabei.

Resümee des erste Tages: Leuven ist eine bunte Mischung aus alt und neu. Ständigt stoße ich auf uralte Gemäuer, und was nicht alt ist, wirkt zumindest so. Hier mein 16. Jahrhundert herauszuschälen wird eine Menge Arbeit. Die alten Gemäuer sind restauriert und erweitert, die neuen Gebäude zumeist harmonisch angepasst. Dazwischen ein wenig postmoderne Architektur, als Kontrapunkt in die Stadt gesetzt, irritierend fehl am Platz. Weiß noch nicht, ob ich mich hier wohl fühle. Bin aber angekommen.