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Brief an Eddy und Ilona, 19.09.07

Sylvain van der Weyer, Philosophie-Prof. *1802 in Leuven

Guten Morgen, ihr Lieben

Es ist kurz vor 9 Uhr. Frisch geduscht, nach einem gemütlichen Frühstück sitze ich hier in Löwen am Schreibtisch, hinter mir scheint die Sonne durch das Fenster und mir geht es rundherum gut. Obwohl mich der Wecker mal wieder um kurz nach 6 Uhr aus dem Schlaf gerissen hat. Irgendwelche echt belgischen Radiowellen scheinen ihn jede Nacht wieder neu zu aktivieren, egal, wie oft ich ihn ausstelle. Schon gestern Nacht spielte er dieses Spiel mit mir, und ich war sicher, ihm diesen Schabernack abgewöhnt zu haben. Mittlerweile bin ich froh darüber, so habe ich mehr vom Tag – und den frühen Rhythmus muss ich ohnehin spätestens nach dem Urlaub wieder aufnehmen.

Langsam komme ich zur Ruhe, und für meinen normalen Rhythmus finde ich, dass ich mich ziemlich schnell an den Urlaub und ins neue Leben eingewöhnt habe. Ich kenne nun die wichtigsten Läden (ja, es gibt auch hier Aldi und Lidl), habe herausgefunden, wie ich an frisches Bargeld komme (nachdem einige Läden sehr passiv auf meine EC-Karte reagiert haben und ich schon in mittelprächtige Panik verfiel, hier ohne Bargeld festzusitzen), habe die Stadt mehrmals durchquert und finde mich mittlerweile auch ohne Stadtplan zurecht. Den Kühlschrank habe ich gefüllt; all die Dinge, die ich zu Hause vergessen habe, sind nachgekauft. Neben mir duftet eine frisch gebrühte Kanne Tee. Die Wohnung (zwei Etagen, unten Wohnzimmer, Bad und Küche, oben Schlafzimmer mit großem Schreibtisch) ist gemütlich warm, nachdem ich gestern in einem Anflug von Verzweiflung ob der Nässe und Kälte draussen die Heizung aktiviert habe. Und Bücher habe ich mir natürlich auch bereits bei meinen ersten Touren durch die Stadt gekauft. Auch eins von denen, die bereits auf meiner Liste standen, und die von Deutschland aus nicht zu bekommen waren.

Der erste Satz Fotos ist gemacht, wenn ich bisher auch nur ein paar wenige Bilder ins Netz gestellt habe. Ihr könnt sie sukzessive hier auf der Website ansehen. Leuven wirkt älter, als es wirklich noch ist. Etliches ist neo-romanisch, soll heißen, auf romanisch getrimmt, was nicht zuletzt daran liegt, dass die Stadt im zweiten Weltkrieg ziemlich zerbombt wurde. So wirkt der uralte Beguinenhof, der eigentlich aus dem 13. Jhdt. stammt, wie ein Museumsdorf. Die Uni hat das Gelände in den 60er Jahren des 20. Jhdts. gekauft,  mit der Auflage, die Gebäude zu restaurieren. In der Anlage entsteht noch am ehesten das Gefühl, in einer anderen, älteren Welt zu sein, während im Rest der Stadt nur einzelne Artefakte noch wirklich alt sind.

Die meisten Häuser in Leuven sind nach dem Krieg wieder hochgezogen worden, nehme ich an. Sie erinnern mich mit ihrer niedrigen Backsteinarchitektur immer wieder an Arbeiterviertel in Dublin. Ein wenig trist, roh.

Von den Anwohnern her herrscht hier ein ähnliches Treiben wie in Göttingen. Eine reine Studentenstadt, umso mehr, als diese Woche die Uni wieder neu beginnt und sämtliche jungen Leute auf dem Weg zum Einschreiben in die Seminare sind. Überall lange Schlangen, denn es gibt kaum eine Ecke in der Stadt, wo keine Fakultäten sind. Dementsprechend sind alle Cafés, Restaurants und Geschäfte voll mit Jungvolk.

Von all dem, was ich hier an kleinen Abenteuern beim Einleben durchgemacht habe, erzähle ich ein andermal. Vieles hat wohl damit zu tun, dass ich ewig nicht mehr weg gewesen bin. Da ist ein Auslandsaufenthalt doppelt befremdend. Und natürlich hat Löwen zunächst sämtliche Erwartungen von mir gestraft, indem es einfach völlig anders war. Hat mich auf mich selbst und meine Unzulänglichkeiten zurückgeworfen und fröhlich dabei gegrinst. Hat mich dafür mit typisch Hamburger Wetter begrüßt, so dass innerhalb von 24 Stunden drei komplette Garnituren Wäsche durchnässt waren. (Wenn nicht von außen, dann von innen. Meine angeblich atmungsaktive Regenjacke erwies sich als Ausgehsauna :-)) Aber nun scheint die Sonne, und der Wetterbericht behauptet, das werde sie auch die nächsten Tage tun. Ich freue mich drauf.

Euch ein paar urlaubsverwöhnte Grüße aus Löwen.

Norbert


Erste Erfolge

Langsam geht es los. Gerade als ich die Wohnung verlasse, klingelt mein Handy. Die Buchhandlung Infodok/Davidsfonds ist am Apparat. Sie hätten noch ein Exemplar der "Vrouwen van het hof" für mich auftreiben können. So ändere ich meinen Kurs und gehe direkt in die Blijde-Inkomststraat. Es ist reiner Zufall, dass ich vor ein paar Tagen die beiden historischen Romane von Maria Jacques entdeckte, die beide am Ende des 16. Jahrhunderts in Löwen spielen, also zu jener Zeit, in der auch mein Roman angesiedelt ist. Zudem hat Jacques fleißig recherchiert. Ihr Roman "Vrouwen van het hof" - der sich auf das Leben im Beginenhof bezieht - enthält im Anhang eine Liste der alten Straßennamen (mit Anmerkungen, wie die Straßen heute heißen). Wie ich aus dem Anhang ihres anderen Romans weiß, hat sie bei einem Antiquar einen alten Atlas von Leuven aufgetrieben, so dass die Namen verbürgt sind.

Auch ich habe heute vor, besonders die Antiquariate abzugrasen. Im Antiquariat Procopius in der Naamsestraat bekomme ich einen wichtigen Hinweis. Zwar hat auch der nette, alte Besitzer des Ladens ein paar Bücher über Leuven, aber mein Thema ist zu speziell. Wenn jemand mir helfen kann, meint er, dann die Buchhandlung Peeters in der Bondgenootenlaan in der Nähe des Bahnhofs. Dort werde ich tatsächlich fündig. Sie ist nicht nur die erste Buchhandlung, die eine große Auswahl an Büchern über Löwen im Repertoire hat, sondern dort bekomme ich auch die Faksimiles zweier wichtiger Geschichtsbände über die Stadt. Willemm Boonens "Geschiedenis van Leuven" und das noch gewichtigere "Louvain dans le passé et dans le present" von van Even. Allerdings könnte ich hier problemlos das ganze Leuven-Regal leerkaufen. Die Besitzerin des Ladens ist eine sympathische Unternehmerin, Buchhändlerin, Verlegerin und Drucker in einer Person. Wir unterhalten uns eine Weile über die Schwierigkeit, Material über den 80jährigen Krieg zu bekommen, gerade, was die Stadt Leuven und ihre Rolle darin angeht. Auch sie hat über das genannte Material hinaus nichts Spezielles zum Thema.

Zum Schluss schenkt sie mir noch einen Kalender mit Aquarellen von Leopold Geysen. Dieser Künstler, der in Nieuwrode in der Nähe von Löwen lebt und arbeitet, hat zwölf Bilder von historischen Bauwerken Löwens angefertigt. Dort finde ich auch die Erläuterungen zur Saint-Michaels-Kirche: "A textbook example of a Jesuit Church in Baroque style - view form the backyard of the Veteran's College, seat of the Faculty of Theology. A glimpse behind the scenes of the Counter-Reformation."

Nach dem Abendessen mache ich noch eine Tour mit dem Fotoapparat. Ich versuche, das abendliche Leuven im Bild festzuhalten. Doch die meisten Bilder verwackeln, und den Unterschied zwischen hell und dunkel, zwischen grellen Neonlichtern und den dunkleren, fast zurückgezogenen alten Gemäuern einzufangen will mir nicht gelingen.