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Letzte Recherchen

Parkabtei, Abtij van Park - Leuven

Nachdem ich heute viel Gelegenheit hatte, über den Sinn unserer Existenz nachzudenken, kam ich zu einer fundamentalen Erkenntnis bezüglich der Relationen unseres Sein: Die Zeit, die wir mit Arbeit verbringen, steht in keinem sinnvollen Verhältnis zu jener Zeit, die wir gemeinhin Urlaub nennen. Ich meine, die missglückte Nummer mit dem Paradies ist doch wirklich schon eine Weile passé. Warum müssen wir noch immer auf den Im-Schweiße-eures-Angesichts-Zug aufspringen? Hatten nicht irgendwelche Ökonomen einmal ausgerechnet, dass wir auch ohne Arbeit, allein durch den Kapitalfluss, unsere Gesellschaft sinnvoll (h)aushalten könnten? Ich bin dafür!

Um 9:00 Uhr Treffen mit dem Studenten, der sich mittlerweile als Archivar der Parkabtei verdingt, Jürgen Vanhoutte. Nachdem gestern das Gespräch mit Vanhouttes Professor Eddi Put relativ schnell wieder beendet war, weil er meinen Forscherdrang unterschätzte und mich lediglich noch einmal auf ein paar der öffentlich zugänglichen Standard-Dokumente der Jesuiten über diese Zeit verwies, die seiner Ansicht nach all meine Fragen beantworteten, ging ich mit etwas klammen Herzen zu jenem Gespräch heute morgen. Zum Glück sprang hier der Funke schnell über. Vanhoutte und ich tranken Tee zusammen und palaverten über unsere Arbeit, bzw. unsere Forschung. Vanhoutte ist Archivar durch und durch. Er erzählte mir von seinen Recherchen bezüglich des Leibarztes Erzherzog Albrechts, Andrea Trevisius. Eine illustre Gestalt, durch ihre ständige Nähe zum Regenten der spanischen Niederlande nicht ohne Einfluss. Vanhoutte bekam dessen gesammelten Briefwechsel in die Finger, der in irgendeinem Archiv verstaubten. Er begann sofort mit der Transkription, gab aber schnell auf, weil er weder in Alt-Italienisch noch Spanisch wirklich fit ist. Statt dessen fertigte er eine Inventarliste der Korrespondenz an. 17 Seiten Verweise. Muss man erst einmal drauf kommen. Wie heißt es bei Hermann Hesse: „Nicht für jedermann.“

Vanhoutte lieferte mir dann aber auch die Erklärung dafür, warum mein Gespräch mit Eddi Put so sachlich-kühl blieb. Es gibt an der Uni Leuven wohl noch immer so etwas wie zwei Richtungen der historisch-theologischen Forschung. Da sind einmal die Jansen-Spezialisten um Jan Roegiers, und eben die pro-jesuitischen Kräfte um Eddi Put. Ich nun bin in meiner Forschung an einem Punkt, an dem ich die wichtigsten jesuitischen Quellen kenne, und über einige Ungereimtheiten stolpere, bzw. die jesuitische Histographie in etlichen Punkten in Frage stelle. Dass ich damit bei Put nicht gerade offene Türen einrenne, ist im Nachhinein verständlich. Um es klar zu stellen: Put war sehr freundlich und hilfsbereit. Er hat mich an Quellen erinnert, die ich bereits vor Jahren gelesen und in irgendeinem Winkel abgespeichert hatte. Aber auch in den Manuskript-Seiten seines Buches, die er mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt hatte, wich er keinen Deut von den jesuitischen Versionen der historischen Ereignisse ab, obwohl die Forschung mittlerweile an einem ganz anderen Punkt ist.

Tao or: the art of strolling

Als ich Vanhoutte verließ, war es bereits nach halb elf. Das Wetter lächelte mich an, und ich beschloss, den letzten Tag in Leuven nicht im Tabularium der Universität zu verbringen, sondern noch einmal ein wenig durch die Umgebung der Stadt zu wandern. „Strolling“ nennen die Engländer die Kunst des planlosen Flanierens, die ich für mich zu perfektionieren suche. Ein vernünftiges deutsches Wort dafür habe ich noch nicht gefunden, denn die Kunst des „Strolling“ ist mehr, als zu schlendern, herumzuziehen oder zu lustwandeln. Ich habe drei Spielregeln aufgestellt, an die ich mich dabei halte:

  1. Habe ich zwei Wege zur Auswahl, wähle ich den schmaleren der beiden. Diese Idee geht glaube ich auf Konfuzius zurück, ist aber durchaus alltagstauglich.
  2. Kenne ich einen von zwei möglichen Wegen bereits, wähle ich stets den Unbekannten.
  3. Von zwei bekannten Wegen wähle ich stets den, welchen ich länger nicht benutzt habe.

Der Ausgangspunkt des Strollings ist frei wählbar. Nur ein Ziel darf nicht definiert werden, weil es der Idee des Planlosen entgegen läuft. Die drei Regeln sind nicht starr, sondern ordnen sich der grundsätzlichen Idee des strollings unter:

  • Ich habe immer die Freiheit, mich für den subjektiv schöneren Weg zu entscheiden und kann während meiner Spaziergänge jederzeit neue Richtungen definieren, etwa um den Rückweg anzutreten oder markante Punkte anzusteuern, solange ich nicht zielfixiert bin, sondern im Fluss bleibe.

In Hamburg „strolle“ ich seit Jahren vor allem mit dem Rad, weil ich in Fußentfernung sämtliche Wege auswendig kenne. Mittlerweile bin ich auch davon ab, unbedingt auf weitere Hilfsmittel wie Bus und Bahn zu verzichten. Es kommt der Idee des Strollings wesentlich näher, am Ende einfach nach der nächsten Verkehrsanbindung zu suchen, statt sich auf den Heimweg zu machen (gerade wenn ich keine Ahnung habe, wo ich eigentlich gelandet bin).

Ein wenig Strolling habe ich am letzten Sonntag betrieben, als ich eigentlich in den Nordwesten von Leuven wollte, mich dann aber vom Dijlepfad überreden ließ, zunächst einmal straight nach Süden zu laufen. Der famose Sonnenuntergang hatte mich dann schließlich doch Richtung Westen einschlagen lassen. Aber das ist ja legal.

Heute, zum Abschluss meines Leuven-Aufenthalts also noch einmal hemmungsloses Strollen, diesmal in den Osten der Stadt. Laut Karte existieren dort eine Reihe von Parks und Grünanlagen, die mir als Ausgangspunkt vielversprechend schienen. Der Michotte-Park am Tiensesteenweg ist tatsächlich frei begehbar, wenn auch sehr klein. Aber schon der anschließende Predigtherrenberg mit seinem Kloster der Clarissen-Schwestern ist komplett eingezäunt. Trotzdem war der Weg den Berg hinauf nicht umsonst. Von dort oben hatte ich einen weiten Ausblick über die ganze Region. Es lohnt also, die Straße hinauf und dann den kleinen Tiggelpfad weiter zu laufen. Wobei gutes Schuhwerk von Vorteil ist.

Erstbesteigung - sanfte Liebeserklärung

Über den Sint-Marinusberg gelangte ich nach Bovenlo und auf einen Pfad, der sich Beverloopfad nennt. Dort begegnete ich einer wuscheligen braunroten Katze. Das ist das erste Mal, dass ich einer dieser norwegischen Waldkatzen begegne und ich bin sofort von ihrem weichen Fell und ihrem verschmusten Wesen begeistert. Ich wollte eigentlich nur ein Foto von ihr machen, weil sie so wunderbar malerisch vor einem alten Backsteinhaus in der Sonne lag. Doch als ich mich in hinreichender Entfernung herunterbeugte, um der Vogelperspektive zu entgehen, kam sie mit hoch erhobenem Schwanz auf mich zu, rieb ihre Schnauze an meiner Jeans und begann schließlich, an mir hochzuklettern. Muss ich in diesem Zusammenhang erwähnen, dass es die letzten Tage ständig geregnet hatte? Egal. Ich habe hier in Leuven schon viele Katzen getroffen, doch noch nie ist mir eine derart spontane Sympathiebekundung zuteil geworden. Leider war es kaum möglich, diesen wunderschönen Moment spontaner Zärtlichkeiten im Bild festzuhalten. Aber vielleicht sind solche Augenblicke auch gar nicht für die Öffentlichkeit geeignet.

Für diejenigen, die nach Konsultation ihrer Landkarte beschließen, in Linden das Rood Kasteel oder gar das Kasteel de Beaufort zu besichtigen: vergesst es. Das Anwesen befindet sich im Privatbesitz, mit dicken Hinweisschildern am Eingang des Parks. Was mich dazu trieb, eine Weile entlang des viel befahrenen Diestses Steenwegs entlang zu latschen, bis mich eine verheißungsvolle Seitenstraße von diesem Schicksal erlöste. Nach einer Weile kennzeichnet links ein gelbes Schild einen kleinen Pfad, der sich Lovensvoetpad nennt. Nicht zu verfehlen. An dessen Ende rechts halten. Dort führt ein weiterer Fußpfad zurück nach Leuven. Laut Karte heißt er Negenbunderspad – Neunhektarpfad, warum auch immer. Er läuft entlang eines kleinen Baches, der Molenbeek. Aber hier in Löwen heißt jeder Bach, wenn es sich nicht gerade um die Dijle handelt, Molenbeek, weil halt überall Wassermühlen im Betrieb waren. (Ich weiß, das ist eine unzulässige Verallgemeinerung. Es gibt auch den Abdijbeek, den Tempelbeek etc. pp. Von der Voer nicht zu reden. Aber überrascht war ich schon, als ich unten an der Naamse Poort ebenfalls auf einen Molenbeek stieß, der mit ziemlicher Sicherheit keine Verbindung zu erstgenanntem hat.)

Negenbunderpad, Leuven

Der Negenbunderpad endet übrigens direkt an der Proviciaal Recreatiedomein, am Freizeitpark von Leuven. Der ist allemal einen Besuch wert, zumal im Herbst, wenn der große Freizeitbetrieb mit Booten, Kiosken, Freiluftschwimmbad und Minigolf eingestellt sind, und man gemütlich um die Teiche wandern kann.

Tja, das war es dann endgültig. Auf dem Rückweg stattete ich der Bibliothek einen abschließenden kurzen Besuch ab, um ein paar letzte Kopien zu ziehen und mich von der Bibliothekarin zu verabschieden. Jetzt bleibt mir nur, meine Sachen zusammenzusuchen, zu schauen, dass ich nicht allzu viel hier vergesse und langsam aber sicher Abschied zu nehmen. Mag mal jemand kurz das Rad der Zeit anhalten? Nur für eine Weile? Bis ich innerlich so weit bin, in den Alltag in Hamburg zurückzukehren? «Comment te dire adieu?»