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Wirkung der Lehre des Bajus

Als die Gottesgelehrten von Löwen, die zur Kirchen-Versammlung von Trident berufen waren, zurückkamen, wurden sie über die Meinungen des Bajus und deren Fortschritte, sehr unwillig. Wer ist der böse Geist, rief einer dieser Gelehrten, der während unserer Abwesenheit in unsern Schulen solche Meinungen eingeführt hat?

Bajus Lehrmeinungen wurden nun von den niederländischen Theologen angefochten ; vorzüglich geschah dieses von den Franziskanern, welche den Aussprüchen des Scotus folgten, die der Lehre des Bajus über die Kräfte des Menschen geradezu widersprachen.

Scotus nahm an, das der Mensch aus natürlichen Kräften einige gute Werke verrichten, und Gott solchen einige Gnaden mitteilen könne, dass aber diese Werke an sich selbst nicht verdienstlich waren, weil kein Verhältnis sei zwischen Werken, denen nur ein natürliches Verdienst zukomme, und der Gnade die einer übernatürlichen Ordnung entquelle.

Bajus hatte sich nicht darauf beschränkt, seine Behauptung vorzulegen; er hatte auch die gegenteiligen Meinungen lebhaft angestritten. Die Verteidiger der letztern hielten sich selbst in den Vorlesungen des Bajus mit wenig Schonung herausgefordert, und gingen ihrerseits auch den Behauptungen dieses Theologen zu Leibe. Der Streit wurde hitzig, und Bajus Gegner schickten an die theologische Fakultät zu Paris achtzehn Sätze, die von Bajus oder seinen Schülern behauptet wurden, und die Grundzüge der Lehre, die wir angeführt haben, enthielten, nebst einigen andern Meinungen, deren Untersuchung hier zwecklos ist: z. B. dass die hl. Jungfrau der Erbsünde unterworfen sei.

Die theologische Fakultät verwarf diese Satze: Bajus verteidigte die meisten derselben: Der Kardinal von Granvelle, Stadthalter der Niederlande, da er sah, dass die Gemüter sich erhitzten, und befürchtend, dieser Zwist möchte den beiden Universitäten von Löwen und Paris Unannehmlichkeiten zuziehen, erhielt vom Pabste ein Breve, welches ihn zu Allem, was er zu dessen Beilegung für nötig erachten möchte, ermächtigte.

Der Kardinal legte beiden Teilen Stillschweigen auf, und erließ an Philipp II. von Spanien eine Vorstellung, wie gefährlich für Bajus und Hessel, und zugleich nachteilig für die Kirche es sei, wenn man durch ein zu strenges Verfahren Veranlassung gebe, Partei zu ergreifen, welches sehr verdrießliche Folgen nach sich ziehen könnte, und riet, in dieser Sache bloß den Weg der Güte einzuschlagen; auch erteilte er der Rechtgläubigkeit, Gelehrsamkeit und Frömmigkeit des Bajus und Hessel große Lobsprüche.

Philipp II. genehmigte die Verfahrungsweise des Kardinal von Granvelle, und der Friede schien an der Universität wiederhergestellt.

Bald erneuerten die Gegner des Bajus die Feindseligkeiten, indem sie dem Kardinal eine Denkschrift übergaben, welche mehrere, diesem Lehrer beigemessene Sätze enthielt, und die fast alle, als des Irrtums oder der Ketzerei verdächtig, angeklagt wurden.

Granvelle teilte diese Sätze dem Bajus mit, der einige davon nicht für die seinigen anerkannte, und von den andern behauptete: sie seien nicht wohl verdauet, in zweideutigen Ausdrücken abgefasst, und einer üblen Auslegung, wovon er weit entfernt sei, fähig. Der Streit wurde nicht weiter betrieben, und Bajus mit Hessel zur Kirchenversammlung von Trident abgeordnet.

Nach seiner Rückkehr beendigte Bajus den Druck seiner Schriften. Die Streitigkeiten erhoben sich von Neuem mit mehr Hitze als je, und man zog aus seinen Büchern mehrere Satze, die man nach Spanien schickte, um ihre Verurteilung zu erwirken. Die Franziskaner ordneten an den König Philipp II. zwei von ihren Mitbrüdern ab, deren einer Beichtvater Mariens von Österreich, der andere sehr viel vermögend bei dem Herzog von Alba war, um den König mit in den Streit zu ziehen.

aus: François André Adrien Pluquet, Dictionnaire des hérésies, des erreurs et des schismes, Paris: Migne 1847, pp. 568-570
dt.: Ketzer-Lexicon, oder: geschichtliche Darstellung der Irrlehren, Spaltungen und sonderbaren Meinungen im Christenthume, vom Anbeginne desselben bis auf unsere Zeiten, Würzburg, Etlinger 1828-29. pp. 230-232