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Vom Ursprung und den Prinzipien des Bajanismus

Michael Bay wurde 1513 in Malin, einem Dorf im Hennegau, geboren: er studierte in Löwen, unterrichtete dort Philosophie und promovierte 1550. Im folgenden Jahr fasste er den Entschluss, den Lehrstuhl für Theologie zu übernehmen.

Die Meinungen Luthers, Calvins und Zwinglis hatten in Flandern und den Niederlanden große Fortschritte gemacht. Die Protestanten erkannten nur die Schrift als Glaubens-Regel. Doch gab es auch Väter, die bei ihnen noch im Ansehen standen; sie behaupteten sogar: nur den Aussprüchen des Hl. Augustin in Ansehung der Gnade und Vorerwählung zu folgen.

Bajus fasste den Entschluss, das Studium der Theologie hauptsachlich auf die hl. Schrift und die alten Väter, welche die Irrlehrer noch in Ehren hielten, zu beschränken, die Methode der Väter in Untersuchung der angestrittenen Punkte zu befolgen, und jene der Scholastiker, gegen welche die Protestanten große Abneigung hatten , zu verlassen.

Dieser Gottesgelehrte studierte nun mit allem Ernste die Schriften des Hl. Augustin, und nahm, weil er in den von ihm bearbeiteten Materien die größte Genauigkeit fand , sich solchen zum Muster. Vor Allem bestrebte er sich, dessen Lehre von der Gnade wohl zu verstehen.

Denn da die Protestanten, wie gesagt, vorgaben, über diesen Gegenstand der Lehre des Hl. Augustin zu folgen, so konnte man sie nicht wirksamer, als durch die Lehre dieses Vaters selbst, bestreiten.

Der Hl. Augustin hatte die Notwendigkeit der Gnade gegen die Pelagianer bewiesen; er hatte diese Wahrheit durch die Stellen der hl. Schrift dargetan, die uns lehren: dass wir nichts ohne Gott vermögen, dass all unser Vermögen von Ihm komme, dass unsere Natur verdorben sei, und dass wir als Kinder des Zorns geboren werden.

Pelagius hatte diesen Beweisen die Freiheit des Menschen entgegengestellt, welche vernichtet würde, wenn ihm die Gnade notwendig wäre.

Augustin war der Freiheit des Menschen nicht zu nahe getreten; aber er hatte behauptet, dass es ihm schlechthin unmöglich sei, ohne Beihilfe der Gnade sein Heil zu bewirken; er hatte gelehrt, dass Adam selbst ohne diesen Sinnenbeistand nicht im Stande seiner angeschaffenen Gerechtigkeit habe beharren können: dass folglich seit dem Falle des Menschen es nicht nur Unmöglich sei, durch die eigenen Kräfte, welche die Erbsünde zerstört habe, zum Heile zu gelangen, sondern dass er auch noch einer stärkeren Gnade bedürfe, als Adam. Diesen Gesichtspunkt des Hl. Augustin ergriff Bajus, in der Überzeugung, dass die durch die Sünde Adams in dem Menschen erstandene Veränderung den Knoten aller Schwierigkeiten über die Freiheit des Menschen, und die Notwendigkeit der Gnade löse.

Augustin hatte die Erbsünde und das Verderbnis der menschlichen Natur aus der Begierlichkeit, welcher der Mensch vom Augenblicke seiner Geburt an unterworfen ist, aus dem Elende, unter dem er seufzt, aus dem Tode und all den Übeln, die seit dem Falle Adams das Erbteil der Menschheit sind, bewiesen; er hatte dargetan, dass der Mensch nicht in dem Zustande sei, in welchem Adam geschaffen worden, weil der Mensch unter einem gerechten, weisen, gütigen und heiligen Gott weder verdorben noch unglücklich geboren werden könne.

Bajus schloss hieraus, dass der Stand der Unschuld nicht nur derjenige sei, in welchem Gott die Menschen zu erschaffen beschlossen habe, sondern auch, dass die Gerechtigkeit, Weisheit und Güte Gottes denselben ohne die Gnaden und Vollkommenheiten des Standes der Unschuld nicht habe erschaffen können, und dass die Gerechtigkeit Adams dem Menschen eigentlich nicht in dem Sinne wesentlich sei, als wäre sie eine Eigentümlichkeit seiner Natur, so dass ohne sie der Mensch gar nicht vorhanden sein könne, sondern dass sie ihm nur in sofern wesentlich sei, damit er nicht lasterhaft, entartet, und zur Erreichung seiner Bestimmung unfähig wäre.

So, sagte Bajus, kann ein Mensch ohne gute Geh-, oder Gehör-Organe existieren; wenn er aber Augen oder Ohren hat, deren Nerven unfähig sind, die Eindrücke der Farben oder Töne bis zum Gehirne gelangen zu lassen , so kann er die Verrichtungen nicht machen, zu welchen der Mensch bestimmt ist.

Gott konnte daher den Menschen, wie er jetzt ist, das heißt, mit der Begierlichkeit, nicht erschaffen, ohne dass er eine unbeschränkte Herrschaft über die Sinne hatte: ohne diese Herrschaft ist der Mensch der Sklave der Körperwelt; welches eine Unordnung ist, die in einem vernünftigen Geschöpfe, das den Händen Gottes entsprossen ist, nicht statt haben kann.

Der Mensch war daher seit der Erbsünde der ursprünglichen Reinheit seiner Natur beraubt; er ist Sklave der Begierlichkeit, und hat nur noch Kraft zum Sündigen. Diese Lehre ist, nach Bajus, der Freiheit nicht entgegen. Diese wurde eben diesem Gottesgelehrten zufolge, von drei Selten vorzüglich angefeindet, von den Stoikern, Manichäern, den Schülern Luthers und Calvins. Die ersten unterwarfen alle menschliche Handlungen dem Geschicke, von welchem Alles in der Welt herrühre; die zweiten geben die menschliche Natur für wesentlich böse und verdorben aus; Luther und Calvin endlich lehrten: der Mensch sei unter der Leitung der Vorsehung das, was ein Automat unter, den Händen des Künstlers ist: der Mensch, als unfähig zu handeln, tue nichts, Gott leite ihn in allen seinen Handlungen durch eine unwiderstehliche Macht; noch mehr, er allein und unmittelbar bringe alle menschliche Handlungen hervor.

Diese drei Gegner der Freiheit irrten sich, nach Bajus, ihre Irrtümer zu widerlegen, glaubte er sein System geeignet , welches folgendes war: Gott schuf den Menschen aus freiem Antriebe, und schuf ihn mit Freiheit begabt. Adam sündigte mit freiem Willen, und war deswegen durch das Gesetz der Notwendigkeit nicht gezwungen.

Der erste Mensch war gerecht, unschuldig, ausgerüstet mit Tugenden, geschaffen; deswegen war die menschliche Natur nicht böse, wie die Manichäer meinten: in diesem Zustande gebot er seinem Leibe; alle Sinnen-Organe waren seinem Willen untertan; die fremden Eindrücke der Körperwelt auf diese konnte er abweisen oder hemmen.

Diese Herrschaft über die Sinne verlor er durch die Sünde; er verlor die Gnade, die ihm zum Beharren in der Gerechtigkeit nötig war; durch das Gewicht der Begierlichkeit wird er mit Gewalt zum Geschöpfe hingezogen; diesem Hange kann er nicht widerstehen.

Es ist daher nicht Gott, welcher die Sünde in dem Menschen erzeugt, wie Luther und Calvin zu behaupten wagten; der Mensch ist es selbst, der durch eigene Schwere und eigene Neigung sich zum Geschöpfe hinziehen lässt: und hierin besteht seine Freiheit, weil er nicht durch eine Ursache außer ihm gezwungen ist; der Wille ist nicht genötigt; der Mensch sündigt, weil er will, und er will nicht ohne seine Einwilligung: er gehorcht seinem Hange, und nicht einer fremden Ursache, mithin ist er frei. Der Mensch kann selbst in Angelegenheiten dieses Lebens mit Überlegung wählen und sich bestimmen, und auch darum ist die freie Willkür nicht erloschen.

Bajus gesteht selbst, dass die katholischen Doktoren in ihren Schriften gegen die Irrlehrer über den freien Willen anders denken, und ihn in dem Vermögen: eine Sache zu tun, oder nicht zu tun, bestehen lassen, d. h. in einer Befreiung von aller Notwendigkeit: meint jedoch, sie hatten den Sinn des Hl. Augustin verfehlt, welcher, dem Evangelium folgend, die Freiheit dareinsetze, dass der Wille des Menschen keiner äußeren Notwendigkeit unterworfen ist, ohne dass er notwendig das Vermögen habe, etwas nicht zu tun, was er tut, oder jenes zu tun, was er nicht tut.

So lehrten Bajus und Hessel über die Gnade, und über die Kräfte des Menschen zu Löwen. Viele Theologen nahmen diese Lehre an.

aus: François André Adrien Pluquet, Dictionnaire des hérésies, des erreurs et des schismes, Paris: Migne 1847, pp. 562-568
dt.: Ketzer-Lexicon, oder: geschichtliche Darstellung der Irrlehren, Spaltungen und sonderbaren Meinungen im Christenthume, vom Anbeginne desselben bis auf unsere Zeiten, Würzburg, Etlinger 1828-29. pp. 225-230