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Aussprüche des hl. Stuhls in Betreff der dem Bajus zugeschriebenen Lehrsätze

Man hatte aus Bajus Schriften, dann seinen oder seiner Schüler Reden sechsundsiebzig Sätze ausgezogen, welche fast gänzlich die Entwicklung dessen, was wir von seiner Lehre angeführt haben , enthalten, und sich auf folgende Gründzüge bringen lassen;

Der Stand der Unschuld ist der angeschaffene Stand des Menschen; Gott konnte ihn in keinem andern erschaffen. Seine Verdienste in diesem Stande können nicht mit Gnaden genannt werden, und er konnte seiner Natur nach das ewige Leben verdienen.

Seit der ersten Sünde sind alle Werke der Menschen, die ohne die Gnade verrichtet werden, sündhaft: so sind alle Handlungen der Ungläubigen, und selbst der negative Unglaube, Sünde.

Die Freiheit ist, nach der hl. Schrift, Entledigung von der Sünde, und mit der Notwendigkeit vertraglich: die Regungen der Begierlichkeit, wenn gleich unfreiwillig, sind durch das Gesetz verboten, und bei den Getauften, wenn sie in den Sündenstand zurückgefallen sind, selbst Sünde.

Die Liebe kann sich bei einem Menschen finden, wenn er auch noch nicht Verzeihung seiner Sünden erhalten hat. Die Todsünde wird durch eine vollkommne Reue, verbunden mit dem Wunsche, die Taufe oder Lossprechung zu erhalten, nicht nachgelassen, wenn man diese nicht wirklich empfängt.

Kein Mensch wird ohne Erbsünde geboren, und die Leiden, welche die Mutter des Heilandes und andere Heiligen erduldet haben, sind Strafen der Erb- oder wirklichen Sünden. Man kann, ehe man zur Rechtfertigung gelangt ist, das ewige Leben verdienen: - man darf nicht sagen, dass der Mensch durch Bußwerke genug tut, sondern, dass in Ansehung dieser Handlungen die Genugtuung Jesu Christi uns zugeeignet werde.

Pius V. verdammte die Satze, welche diese Lehre enthielten. „Wir verdammen diese Sätze,“ sagt er, „strenge und im eigentlichen Wortsinne derjenigen , die sie behauptet haben, genommen, wenn man gleich einige davon gewissermaßen gelten lassen könnte“ d. h. in einem von der eigentümlichen Wortbedeutung, und der Absicht derjenigen, die sich ihrer bedient haben, unterschiedenen Verstande.

Der Kardinal Granvelle, beauftragt mit dem Vollzuge der Bulle, beorderte zu diesem Geschäfte seinen General-Vikar Morillon, mit dem Bedeuten: mit wahrhaft christlicher Liebe zu Werke zu gehen, um den Fehler des Bajus in Güte zu verbessern. Dieses würde, sagt der Kardinal, der Universität und ihnen selbst mehr Ehre machen, und zum größeren Ruhme gereichen, als wenn sie mit Erbitterung zu Werke gingen.

Morillon publizierte dem versammelten Ausschusse der Fakultät zu Löwen am 16ten November 1570 die Bulle Pius V., ohne jedoch eine Abschrift hiervon abzugeben, forderte die Doktoren der Theologie zur Unterschrift auf, und fragte, ob sie der Verordnung des Papstes, die er ihnen eben kund getan habe, Folge leisten wollten? Sechs Doktoren von Löwen, und Bajus selbst unterwarfen sich.

Da Bajus in der Bulle nicht genannt war, blieb er an der Universität, und wurde sogar im J. 1578 zum Kanzler und Schirmer der Privilegien der Universität von Löwen ernannt.

Im nämlichen Jahre erneuerten sich die Zänkereien, die beschwichtigt zu sein schienen, einerseits beschuldigte man Bajus, auf den verworfenen Irrtümern zu beharren, andererseits erregte man Zweifel über die Authentizität der Bulle; einige erklärten sie für unterschoben, andere für erschlichen.

Der König von Spanien unterstützte das Gesuch einiger Theologen von Löwen bei Gregor XIII., um Beilegung dieser Streitigkeiten; und der Papst gab eine Bulle, worin er die ganze Bulle Plus V. einrückte, ohne sie ausdrücklich zu bestätigen, oder die darin enthaltenen Artikel von Neuem zu verwerfen, sondern er erklärte nur, dass er diese Bulle in den Registern Pius V. gefunden habe, und man ihr Glauben beimessen dürfe.

Diese Bulle wurde der Fakultät von Löwen durch den Jesuiten P. Tolet, Gewissensrat Gregors XIII. und mit deren Vollzuge beauftragt, bekannt gemacht.

Bajus erklärte, dass er die in der Bulle angegebenen Artikel verdamme, und zwar in dem Sinne der Bulle, und in der Art, wie diese solche verdamme.

Die Doktoren von Löwen gaben die nämliche Erklärung, Bajus unterzeichnete sogar eine Kundmachung, durch welche er bekannte, dass er mehrere von den sechsundsiebzig in der Bulle verdammten, Sätzen behauptet habe, und dass sie in dem Sinne, in welchem er sie gelehrt, verworfen worden seien. Diese Akte unterzeichnete er am 24ten März 1580, worauf Gregor XIII. ihm ein sehr verbindliches Breve zuschrieb, und eine von ihm verlangte Abschrift der Bulle Pius V. übermachte.

Urban VIII. bestätigte die von Pius V. ausgesprochene Verdammung.

Man hat über die Gültigkeit dieser Bullen viel gestritten , da diese Untersuchung nicht zu unserem Zwecke gehört, so begnügen wir uns, die Schriftsteller, so hiervon gehandelt haben, anzuzeigen.

aus: François André Adrien Pluquet, Dictionnaire des hérésies, des erreurs et des schismes, Paris: Migne 1847, pp. 570-574
dt.: Ketzer-Lexicon, oder: geschichtliche Darstellung der Irrlehren, Spaltungen und sonderbaren Meinungen im Christenthume, vom Anbeginne desselben bis auf unsere Zeiten, Würzburg, Etlinger 1828-29. pp. 232-237