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Folgen der über die Lehre des Bajus entstandenen Streitigkeiten

Der Vorsichtsmaßregeln ungeachtet, die man zur Erstickung des Geistes der Zwietracht unter den niederländischen Gottesgelehrten ergriffen hatte, dauerten die Streitigkeiten zu Löwen noch fort. Bajus wurde stets der Anhänglichkeit an die durch die Bulle Pius V. verworfenen Meinungen verdächtiget. Man beschuldigte ihn laut, dass er die Kandidaten den Eid der Unterwürfigkeit unter diese Bulle nicht leisten lasse, und sich vorzuschlagen, herausgenommen habe. Man möge diesen Artikel aus dem Eide, der ihnen, wenn sie sich zum Empfange der Gnade meldeten, auferlegt wurde, wegstreichen.

Diese Anschuldigungen wurden dem P. Tolet übermacht, denen man zugleich mehrere, die Lehre und das Betragen des Bajus betreffende Sätze anschloss. Dieser Jesuit übertrug die Entscheidung den Universitäten von Alcala und Salamanca, welche die Sätze des Bajus zensurierten.

Der Bischof von Vercelli, apostolischer Nuntius in Flandern, ließ, um bei der Fakultät von Löwen Friede zu stiften, einen Abriss der Glaubenslehre, welcher den von Pius V. erworfenen Artikeln entgegengesetzt war, abfassen; und die ganze Fakultät von Löwen verband sich durch einen Eid , solchen als Regel ihrer Vorträge anzunehmen.

Von dieser Zeit an schien der Friede an der Universität zu Löwen so sehr befestigt, dass in der Folge nichts ihn zu stören vermögend sein würde. Allein die Lehre, welche zwei Gottesgelehrte der Jesuiten — Lessius, und Hamelius über die Gnade und Vorerwählung vortrugen, erneuerte alle diese Zwiste.

Nichts war so sehr das Gegenteil von den Meinungen des Bajus, als die Behauptungen des Lessius. Dieser Gelehrte nahm an, nach der Sünde Adams gebe Gott jedem Menschen hinreichende Mittel gegen die Versündigung, und seinen Beistand, das ewige Leben zu erlangen: die Schrift enthalte eine Menge Gebote und Anmahnungen zur Bekehrung der Sünder, woraus Lessius weiter schloss, dass Gott ihnen genügsam beistehe, sich bekehren zu können, weil Er nichts Unmögliches befiehlt. Lessius meinte, der hl. August in scheine ihm die Worte des Briefes an Timotheus: Gott will, dass alle Menschen selig werden, nicht in dem Sinne des Apostels ausgelegt zu haben, weil er sagt, Paulus habe verstanden: Gott wolle, dass alle, welche errettet sind, selig werden.

Lessius lehrte, dass alle Stellen der hl. Schrift, die angeben: dass es gewissen Personen unmöglich sei, sich zu bekehren, in dem Sinne genommen werden müssten, dass das Wort unmöglich, soviel als äußerst schwer bedeute. Er behauptete, dass, wer ohne sein Verschulden den Glauben nicht habe, verbunden sei, die natürlichen Vorschriften, d.h. die zehn Gebote, zu halten: ein solcher habe genügenden moralischen Beistand, diese Vorschriften zu erfüllen: weil Gott niemand zum Unmöglichen verbinde, sonst würde man in die Irrtümer der Ketzer verfallen, welche vorgeben, dass seit der ersten Sünde die Freiheit zum Guten verloren worden sei: er glaubte, die Vorerwählung zur Seligkeit geschähe nicht vor der Vorhersehung der Verdienste, und äußerte, dass wenn der Hl. Augustin einer entgegengesetzten Meinung sei, daran nicht viel gelegen wäre.

Lessius lehrte überdies noch einiges in Betreff der hl. Schrift, das gegen die Meinungen der Doktoren von Löwen war, aber keinen Bezug auf den Bajanismus hatte. Wir werden von diesem Gegenstande, worüber man die Zensur der Fakultät von Löwen- Paris - 1641 nachlesen kann, nichts reden.

Bei der Fakultät von Löwen gab es Theologen, welche noch einige Anhänglichkeit an die Meinungen des Bajus beibehielten: andererseits war die Verehrung für den Hl. Augustin an dieser Universität so groß, dass die Lehre des Lessius viele empörte, welche Stimmung Bajus sehr wahrscheinlich benutzte, um zur Verwerfung der Lehre des Lessius nach Kräften beizutragen.

Die Fakultät von Löwen verdammte wirklich dreißig aus den Schriften des Lessius gezogene Sätze, als enthielten sie größtenteils eine Lehre, welche dem, was der Hl. Augustin in tausend Stellen seiner Werke, betreffend die Gnade, und den freien Willen, gelehrt habe, zuwiderlaufe; sie erklärte: da das Ansehen dieses hl. Vaters in der Kirche, bei den Konzilien, Päpsten und den berühmtesten kirchlichen Schriftstellern immerdar höchst geachtet gewesen wäre, so hieße es, die einen und die andern beschimpfen, wenn man diesem Ansehen nicht beipflichten wolle; endlich riefen die Sätze des Lessius alle Irrtümer der Semipelagianer von Marseille wieder ins Leben, welche doch so feierlich von dem hl. Stuhle verdammt worden seien.

Diese Verwerfung wurde von der Fakultät zu Löwen allen Kirchen der Niederlande zugeschickt, und um soviel möglich ihren Aussprüchen über diese angestrittenen Materien Bestand zu geben, errichtete sie zur Niederlegung der Meinungen des Lessius einen öffenlichen Lehrstuhl der Theologie, welche Stelle sie dem Jakob Jansen, eifrigem Freunde des Bajus, und Lehrer des Jansenius übertrug.

Die Universität von Douai, die man die Tochter jener von Löwen nennen kann, aufgereiht durch das Beispiel ihrer Mutter, und vielleicht eben so, wie diese in feindseliger Stellung gegen die neuen Kollegien der Jesuiten, entwarf, ähnlich jener von Löwen, eine Verdammung ihrer Satze. Erstere (die von Löwen) war von den Erzbischöfen von Cambrai und Mecheln, und dem Bischofe von Gent nach Douai geschickt worden: der Verfasser dieser noch weit kräftigern und ausgedehnteren Verdammung war der von Löwen nach Douai versetzte Doktor Wilhelm Estius.

Die Jesuiten schickten die Löwen'sche Verurteilung nach Rom, Sixtus V. der damals den Stuhl des hl. Petrus inne hatte, beauftragte den Nuntius der Niederlande mit Beilegung dieses Zwistes. Dieser begab sich nach Löwen, und berief die Fakultät in seine Wohnung: zwölf Doktoren fanden sich ein, unter diesen Michael Bajus, Heinrich Granius, und Johann von Lenz. Nach den gewöhnlichen Formalitäten bezeigte der Nuntius den Wunsch, die Fakultät möchte die strittigen Punkte in gewisse Artikel zusammenfassen, Lenz tat dieses mit Granius, worauf der Nuntius beiden Parteien untersagte, mündlich oder schriftlich über diese Gegenstände zu disputieren; welchem Verbote sich beide unterworfen. Weiter verbot er unter Strafe der Exkommunikation allen, die es mit der Fakultät oder den Jesuiten hielten, weder öffentlich, noch privat sich hierüber in Streitigkeiten einzulassen, und die eine oder die andere Meinung, welche die römische Kirche, die Mutter aller andern, nicht verdammt hätte, zu verdammen. Endlich wurden im allgemeinen alle exkommuniziert, welche die Lehrsatze der einen oder andern Partei für verdächtig , ärgerlich , oder gefährlich ausgeben würden, bevor der hl. Stuhl darüber gesprochen hätte.

Durch diese Verfügung gestattete der Nuntius dem Lessius und Hamelius, ihre Lehre vorzutragen, sofern sie die gegenteilige Meinung nicht widerlegen würden , und erlaubte dasselbe auch der gegnerischen Partei.

In eben diesem Jahre gab der spanische Jesuit Molina, früher Professor der Theologie an der Universität Ebora in Portugal, sein Werk: Übereinstimmung der Gnade und des freien Willens lc. heraus.

Die Dominikaner von Valladolid ließen im Jahre 1590, in einer öffentlichen Disputation das Gegenteil von Molinas Lehre verteidigen: von nun an gerieten diese beiden Orden in Spanien gegeneinander in Harnisch. Clemens VIII. legte beiden Teilen Stillschweigen auf durch eine Breve vom 15ten August 1594. Philipp II. gab für seine Staaten ähnliche Befehle. Allein diese Verordnungen kamen nicht zum Vollzuge , und der Papst setzte, auf das Andringen beider Parteien, zu Rom eine Kongregation nieder, welche zur Beilegung und Verhütung aller künftigen Streitigkeiten über diese Materie aburteilen sollte.

Man kann den Hergang und Erfolg dieser Kongregationen, die nur Bezug auf die Jesuiten und Dominikaner haben, in einer besondern Schrift (Histor. Congregat. de Auxiliis, von August Le Blanc) nachlesen.

Die Streitigkeiten über die Gnade und Vorerwählung waren so wenig zu Löwen als in Spanien beendiget. Die Anhänger des Bajus behaupteten: die verdammten Sätze enthielten, in einem gewissen Sinne genommen, nichts anders, als die Lehre des Hl. Augustin; Lessius und seine Anhänger bestanden ihrerseits darauf, auch ihre Lehre sei dem Hl. Augustin nicht entgegen. Der ganze Streit der Gottesgelehrten von Löwen drehte sich zuletzt unvermerkt um die Frage, welches die Meinung des Hl. Augustin sei. Jansen, mit Widerlegung des Lessius beauftragt, bestritt daher denselben bloß mit den Grundsätzen Augustins. Lessius nahm eine allen Menschen verliehene Gnade an, um selig zu werden, und bei allen Ungläubigen einen moralischen Beistand zur Erfüllung des natürlichen Gesetzes: Es war wohl vorauszusehen, dass bei irgendeinem Schüler Jansens, der die Lehrsätze des Lessius durch das Ansehen des Hl. Augustin bestritt, der Wunsch erwachen werde, in diesem Vater zu finden: Gott wolle nicht, dass alle Menschen selig werden, und Er gebiete unmögliche Dinge. Nach aller Wahrscheinlichkeit las Jansenius, Bischof von Ypern, den Hl. Augustin in dieser Gemütsstimmung. Er studierte diesen Vater mit aller Anstrengung , zehnmal las er alle seine Werke, dreißigmal dessen Schriften gegen die Pelagianer und fand darin die Lehre, die er vermutlich gesucht hatte. Allein diese Lehre nahm unter den Händen des Jansenius eine systematische Gestalt an, die sie bisher noch nicht gehabt hatte, und bot sich nur als die Entwicklung der Wahrheiten dar, welche Augustin gegen die Pelagianer verteidigt und beleuchtet habe, deren Lehrsätze Lessius und Molina erneuert hätten.

Jansenius starb noch vor Bekanntmachung seines Werkes, welches zu Paris 1640 erschien.

aus: François André Adrien Pluquet, Dictionnaire des hérésies, des erreurs et des schismes, Paris: Migne 1847, pp. 575-580
dt.: Ketzer-Lexicon, oder: geschichtliche Darstellung der Irrlehren, Spaltungen und sonderbaren Meinungen im Christenthume, vom Anbeginne desselben bis auf unsere Zeiten, Würzburg, Etlinger 1828-29. pp. 237-243