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Lesarten der Bulle »Ex omnibus afflictionibus«

Wir erinnern uns. Papst Pius V. sandte eine Bulle nach Löwen, die - nach allgemeiner Lesart - die Lehrsätze des Bajanus verurteilte: "Wir verdammen diese Sätze strenge und im eigentlichen Wortsinn derjenigen genommen, die sie behauptet haben, wenn man gleich einige davon gewissermaßen gelten lassen könnte."

Die Verteidiger des Bajus lesen den Kontext der Bulle anders; und behaupten, es müsse gelesen werden: Wir verdammen diese Sätze, wenn man gleich einige von ihnen strenge, und in dem eigentümlichen Sinne der Worte derjenigen, die sie vorgebracht haben, genommen, gelten lassen kann – Der Unterschied dieser beiden Lesarten liegt in einem Striche, wenn solcher vor oder nach dem Worte possint gesetzt wird, wie jedermann sich überzeugen kann, wenn er die Bulle im Lateinischen liest: Quas quidem Sententia Stricto coram nobis examine ponderatas quanquam nonnulla aliquo pacto sustineri possint in rigore et proprio verborum sensu ab autoribus intento damnamus. Es ist klar, dass der Strich, der nach intento steht, wenn er nach possint gesetzt wird, einen durchaus verschiedenen Sinn gibt.

Die Anhänger des Bajus behaupteten, man müsse den Strich nach intento, und nicht nach possint lesen: Wir wollen hierüber einige Bemerkungen machen.

a.) Eine dogmatische Verurteilung nimmt die Sätze stets in dem eigentlichen und natürlichen Verstande; die Verurteilung des Papstes wäre ungerecht, ungesetzlich und ungereimt, wenn sie die 76 Sätze, und die Schriften, denen sie entnommen sind, einzig wegen einer ungewöhnlichen Bedeutung, die sie weder in der Schrift selbst, noch in dem Sinne des Verfassers haben, sondern die man ihnen beilegen könnte, verwerfen wollte.

b.) Der Kardinal Granvelle, von Pius V. in der Sache Bajus delegiert, erklärte: dass dieser die, in der Bulle verhängten Zensuren verwirkt habe, weil er die Sätze in dem Verstande der Worte des Verfassers behauptet habe.

c.) Gregor XIII. forderte von Bajus das Bekenntnis, dass seine Sätze in dem Sinne, wie er sie gelehrt habe, verdammt seien, und befahl der Universität von Löwen: das Gegenteil von allen diesen Sätzen zu lehren um mit der Bulle im Einklange zu sein.

d.) Urban VIII. lies die Constitution Pius V. mit dem Striche nach possint, und nicht intento abdrucken. e.) Der hl. Stuhl verlangte von den Universitäten zu Löwen und Douai die unbeschränkte und einfache Annahme der Bulle, und verlangte bei dieser Annahme die Erklärung: dass keiner dieser Sätze, strenge und im eigentlichen Wortverstande genommen, gelten könne.

f.) Die Verteidiger des Bajus behaupten, dass in der Abschrift der Bulle, welche von dem Papste selbst geschickt, und in den Archiven der Fakultät von Löwen, um die Stelle der Urschrift zu vertreten niedergelegt sei, weder Unterscheidungszeichen, noch Absonderung der Artikel vorkämen, und man die Abteilung bloß durch die großen Anfangsbuchstaben, die am Anfange eines jeden Artikels erscheinen, erraten müsse (Dissert. Sur les Bulles contre Bajus p. 58).

Dieses nun vorausgesetzt, muss man sich nicht in Betreff des Sinnes der Bulle an Urban VIII. und Gregor XIII., und an die Grundsätze der Kritik halten, die es, wie gezeigt, nicht erlauben, den Strich nach possint zu setzen?

g.) Aus den Briefen, welche der Kardinal von Granvelle wegen Vollziehung der Bulle an Morillon schrieb, erhellet, dass man zu Rom glaubte, und dass der Kardinal der Meinung war, man habe die Bücher und Meinungen des Bojus verdammt. (Unter den Werken des Bajus T. 2. p. 59).

aus: François André Adrien Pluquet, Dictionnaire des hérésies, des erreurs et des schismes, Paris: Migne 1847, pp. 571-573. Fußnote
dt.: Ketzer-Lexicon, oder: geschichtliche Darstellung der Irrlehren, Spaltungen und sonderbaren Meinungen im Christenthume, vom Anbeginne desselben bis auf unsere Zeiten, Würzburg, Etlinger 1828-29. pp. 233-235. Fußnote