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Martin Anton Del Rio

Martin Del Rio war definitiv ein heller Geist. Seine Familie gehörte zu den ältesten und angesehensten Kastiliens. Sein Vater arbeitete als königlicher Berater in Antwerpen. Als Jugendlicher musste sich Martin durch mehrere Sprachen quälen, lernte so Latein, Hebräisch, Griechisch und Chaldäisch. Die lebendigeren Sprachen eignete er sich da beinahe nebenbei an. Neben dem Flämischen beherrschte er bald auch Spanisch, Italienisch, Französisch und Deutsch, und das, wollte man seinen eigenen Erzählungen glauben schenken, noch bevor er die erste Universität von innen gesehen hatte. Bereits 1570, im Alter von 19 Jahren, verfasste er einen dreibändigen Kommentar über Seneca. 1580 trat er den Jesuiten bei und widmete sich fortan dem Studium der Theologie und Philosophie.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Martin sich in den 90ern in Löwen aufhielt. Auf dem Server der Uni München fand ich folgenden Eintrag: "Dem Eintritt in den Jesuitenorden 1580 folgten nach einem zweijährigen Noviziat eine weitere dreijährige Unterrichtung in Philosophie, bevor Delrio einen Lehrauftrag für Theologie an der Universität in Douai erhielt. Nach Lüttich und Löwen führte ihn sein Weg u.a. nach Graz, wo er von 1601-1603 am dortigen Jesuitenkolleg Vorlesungen hielt, und Salamanca, wo er Theologie lehrte und zahlreiche Schriften verfasste. 1608 starb Delrio in Löwen."
aus: historicum.net Artikel: Martin del Rio

Zwar ist der Begriff "u.a." ein wenig schwammig, doch wenn Del Rio 1601 von Löwen aus in Graz gelandet ist, besteht zumindest eine gehobene Wahrscheinlichkeit, dass er einen Teil der 90er in Löwen verbracht hat. Immerhin gibt die erste Auflage der  Disquisitionum magicarum libri sex von 1599 als Druckort Löwen an. Kein unumstrittenes Werk, aber zentral für die Hexenforschung. Lange Zeit galt die Meinung, Del Rio habe mit seiner Abhandlung dem Hexenwahn Vorschub geleistet. Mittlerweile wird er aber zunehmend rehabilitiert. Denn er habe mit dem Werk auch gezeigt, welche Möglichkeiten der Verteidigung in einem Hexenprozess existierten und so den Verteidigern ein brauchbares Mittel in die Hand gegeben.

Eine englischsprachige Neuübersetzung der Disquisitionum entstand vor wenigen Jahren unter der Ägide von P. G. Maxwell-Stuart an der Uni Manchester: Investigations into Magic: Martin Del Rio (Manchester: Manchester University Press, 2000).  Eine Rezension dieser Übersetzung findet sich auf dem Server des Instituts für Historische Forschung der Uni London. Darin weist Dr. Robert Walinski-Kiehl (University of Portsmouth) darauf hin, dass Del Rio kein voreingenommener Hexenjäger war, sondern eher einen anspruchsvollen interdisziplinären Ansatz verfolgte: "Für die gebildete Elite der frühen Neuzeit war es 'sinnvoll', an die Möglichkeit der Hexerei zu glauben, denn die Argumente, die benutzt wurden, diesen Glauben aufrecht zu erhalten, konnten geradewegs auf andere intellektuellen Themenbereiche übertragen werden. Del Rios wissenschaftliche Beschäftigung  mit Hexerei und Magie war sicher nicht engstirnig, aber er verband sie mit einer Reihe zeitgenössischer 'Disziplinen', inklusive Mathematik, Astrologie und Alchemie. [...] Nachdem er gründlich die potentiellen Gefahren einer Reihe okkulter Praktiken untersucht, behandelt er in den letzten beiden Bänden umfassend die eher moralischen Probleme, denen sich Richter und Ankläger gegenüber sahen, wenn sie über Personen urteilen mussten, die  Schadzauber praktizierten. Diese spezifisch demonologisch Abhandlung bot eine derart ausführliche und breitgefächerte Synthese theologischer und juristischer Positionen in Bezug auf Hexerei und Magie, dass sie im 17. Jahrhundert schnell zu einem der grundlegenden Handbücher über die Hexenjagd wurde." 

Eine deutschsprachige Rezension der Neuübersetzung hat Joahnnes Dillinger von der Uni Trier online gestellt:

Johannes Dillinger: Rezension von: P.G. Maxwell-Stuart (Hg.): Martín Del Rio: Investigations into Magic, Manchester / New York: Manchester University Press 2000, in: PERFORM 2 (2001), Nr. 5, URL: <http://www.sehepunkte.de/perform/reviews.php?id=166>

Allerdings beschränkt sich Dillinger auf formale Aspekte der Übersetzung. So weist er darauf hin, dass es sich der von Maxwell-Stuart herausgegebene Edition nicht um eine Übersetzung nach MGH-Standars, sondern eine stark gekürzte Fassung handelt. Auch andere Mängel der englischen Übersetzung stellt Dillinger bloß, der sich mit der Editions- und Wirkungsgeschichte der Disquisitiones intensiv beschäftigt hat. So weist er nebenbei auf die vollständige deutsche Übersetzung des fünften Bandes der Disquisitiones durch Petra Nagel sowie Edda Fischers "Die Disquisitionum Magicarum Libri Sex von Martin Delrio als gegenreformatorische Exempel-Quelle" hin.
Allerdings gibt er andererseits auch zu, dass die englische Übersetzung sowohl flüssig als auch nahe am lateinischen Text ist. Die Stärke der englischen Edition sieht er aber vor allem in zusammenfassenden Charakter, der sich bemüht, einen Überblick über das Gesamtwerk zu vermitteln - wenn auch auf Kosten der Exempel-Erzählungen, die größtenteils den Kürzungen zum Opfer gefallen sind. So meint er abschließend, "zur Orientierung und um die dämonologische Debatte an einem ihrer wichtigsten Texte kennenzulernen", sei Maxwell-Stuarts Ausgabe von Del Rios Hauptwerk durchaus empfehlenswert.

Über den "Seiltanz auf der Grenze zwischen Religion und Magie", die Lehrsituation in Bezug auf die Hexenverfolgung beim katholischen Klerus nördlich der Sprachgrenze in den südlichen Niederlanden der Jahre 1550 - 1650 erschien 2005 ein vielversprechend klingenderm, englischsprachiger Artikel:

Nienke ROELANTS und Dries VANYSACKER, « Tightrope Walkers on the Border Between Religion and Magic ». A Study of the Attitudes of Catholic Clerics North of the Linguistic Frontier within the Southern Netherlands Towards Superstition and the crime of Witchcraft (1550-1650), in : Revue d’histoire ecclésiastique, 100/3-4 (2005), p. 754-796

Mittlerweile hat die Uni Leuven den Artikel als kostenpflichtigen Download (5 €) ins Netz gestellt: RHD 100/2005

Der Belgier Dries Vanysacker, Mitautor des Artikels, hat in der Mailingliste Hexenforschung eine Zusammenfassung des Artikels  in englisch, französisch und deutsch eingestellt. Da es sich hier um Werbung für den kostenpflichtigen Artikel selbst handelt, hat er hoffentlich nichts dagegen, wenn ich die Zusammenfassung hier zitiere:

"Bisher ist die Haltung der Kirchenmänner in Bezug auf das Verbrechen der Hexerei in den Südlichen Niederlanden des 16. und 17. Jahrhunderts als solche noch nicht Thema einer historischen Forschung gewesen. Der vorliegende Artikel ist ein Versuch, diese Lücke zu schließen. Um auf mehrere Fragen zu antworten, haben wir die vorliegende Studie in zwei Kapitel aufgeteilt.
Der erste Teil beschäftigt sich mit dem theologischen und theoretischen Hintergrund der Hexerei. Es waren tatsächlich kirchliche Einrichtungen, Kirchenväter und Theologen, die als erste Theorien über Aberglauben und Magie definierten. Der zweite Teil betrifft das Hauptanliegen der Studie, das heißt die Haltung des katholischen Klerus der Hexerei gegenüber auf verschiedenen Ebenen, insbesondere in den Flämisch sprechenden Teilen der Südlichen Niederlanden.
Ebenso wie die weltlichen Institutionen bestand auch die Welt der Religion aus einer heterogenen Gruppe von Menschen, in der jeder seine  eigenen Ansichten und Motive hatte. Deshalb ist es kaum verwunderlich, dass nicht alle die Magie, den Aberglauben und die Hexerei gleich beurteilten. Im Bezug auf ihre Haltung zur Hexerei schwankte die Position der Kirchenmänner der Südlichen Niederlande zwischen aktiver Beteiligung an Magie und Hexerei, und Entsagung von solchen Praktiken. Der Ordens- und  Pfarrklerus kann der ersteren Kategorie zugeordnet werden. Wie ihre Pfarrangehörigen praktizierten sie einen Synkretismus, in dem Religion und Magie sich ergänzten.
Der Grad der literarischen Bildung stieg mit dem Rang in der kirchlichen Hierarchie ; je größer die Bildung war, um so mehr distanzierte sich der Klerus von dem magischen Volksglauben. Die Spitze der kirchlichen Pyramide, insbesondere die Bischöfe Torrentius, Lindanus und Triest, versuchten, eine klare Linie zu ziehen zwischen Religion und Aberglauben, doch die Geschichte zeigt immer wieder den Graben zwischen den offiziellen kirchlichen Normen und den tatsächlichen Gegebenheiten im täglichen Leben der Pfarrangehörigen.
Wir zeigen, dass die Persönlichkeit der drei genannten Kirchenmänner eine große Rolle bei der Analyse der Ereignisse spielt. Allerdings könnte man in dieser Frage auch gegensätzlicher Auffassung in einem selben religiösen Orden sein; erinnert sei hier an die Jesuiten Spee und Del Rio."