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Biografie Leonardus Lessius

Auszug aus: K. van Sull S.J.: Leonardus Lessius. Wetteren, 1923. pp. 8-10,
© 2011, Copyright der Übersetzung: Norbert Krüger

Nachdem der kleine Lenaart zehn Jahre wurde, ging er bei Meister Pauwel De Cock zur Schule. Dort trat er am 1. Oktober 1563 ein, am Messfest zum Hl. Bavo und seinem Geburtstag. Für seinen Eintritt zahlte man 1 Brabandschen. Leenken und Lijnken hatten ihre Schuljahre schon hinter sich, aber Lenaart traf auf der Schule seine Schwester Betken. Denn Meister De Cock unterrichtete Jungen und Mädchen gemeinsam.

Der Meister war kein Fremder für seinen neuen Schüler. Seine Mutter, Anna Leest, war die Schwester von Lenaarts Großmutter, und vermutlich hatte der Lehrer im Rahmen der Familienbeziehungen bereits Gelegenheit gefunden, um die Begabungen des Kindes zu würdigen.

Im Lernen machte der kleine Lennart rasche Fortschritte. Die ersten beiden Lesebücher, die man für die Kinder ankaufte, waren ein Sevenpsalm und eine kurze Passion. Die Psalmen der Bußfertigkeit und das Leiden des Heilands waren daher die erste Geistesnahrung des Knäbleins. Die beiden Bücher hinterließen in seinem ganzen Leben eine bleibende Spur. Immerhin ist seine Vorliebe für die Psalmen Davids bekannt. Er hat ihre wörtliche und sinnbildliche Bedeutung studiert. In seinem Brevier hat er manche Worte unterstrichen, um beim wiederholten Lesen seine Aufmerksamkeit auf ihre Bedeutung zu lenken und diese zu festigen.

Das Büchlein der „kurzen Passion“ machte auf sein kindliches Gemüt ebenfalls mehr als einen flüchtigen Eindruck. Durch das Lesen entstand ohne Zweifel seine zarte Verehrung gegenüber dem bitteren Leiden des Erlösers. Und vielleicht liegt es auch an dieser Lektüre, dass wir in seinem Gesamtwerk das gottesfürchtige Reimgebet „Horologium Passionis“ finden, in dem die Schmerzen des Leidens Christi auf die Stunden des kirchlichen Breviers verteilt sind. Das Museum für Altertümer in Brecht besitzt davon eine flämische Übersetzung mit dem Titel: „Het geestelijk Urwerk van het Lijden ons Heeren, gewoonlijk geweest gelezen te zijn van de E. P. Leonardus Lessius“. Ein Nachdruck der ursprünglichen lateinischen Schrift wurde 1881 durch den Herzog von Alençon finanziert. 1866 erschien in Brüssel eine französische Übersetzung in der Sammlung „Petite Bibliothèque Chrétienne“.

Eine andere Folge dieser gottesfürchtigen Lesung war des Knäbleins Wunsch nach Bußfertigkeit. Noch so jung, hat unser kleiner Lenaart begriffen, dass wahre Frömmigkeit sich nicht durch bloße Gefühle verfestigt, sondern in Taten übergeht. So sah man ihn allerlei Bußübungen vollziehen, ja, sich einem strengen Fasten unterwerfen.

Sobald das Kind lesen und rechnen konnte, meinte der Voogt, dass es damit genug Gelehrsamkeit besaß, um seinen Weg durch das Leben zu finden. Und da die Eltern ihren vier Kindern nur zwei Bauernhöfe nebst etlichen Renten hinterlassen hatten, schien es ratsam, die fünfzehn Stüber Schulgeld, die man jährlich bei Meister De Cock bezahlte, zu sparen. Lenaart sollte also nicht mehr länger zur Schule gehen, sondern sofort das Küferhandwerk erlernen.

Ein harter Schlag für einen wissbegierigen Jungen, der sein Vergnügen nicht im Spiel, sondern in Büchern suchte. Lenaart bettelte und flehte, man möge ihn doch weiter studieren lassen. Sie mussten seit Erbteil bis zum letzten Oort ausgeben, bevor sie ihn von der Schule abhalten konnten. Das Kind fand so passende Worte und Beweggründe, seine Tränchen waren so herzerweichend, dass Huibrecht sich mit der Zeit überreden ließ. Lenaart durfte zurück in die Schule. Mehr noch, er sollte Latein lernen!

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