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Kapitel 1: Brecht - Kinderjahre

1554-1567

Leonard Leys, besser bekannt unter dem Namen Lessius, ist ein Kind der flämischen Region De Kempen. Er wurde am 1. Oktober 1554 in Brecht geboren, einer angesehenen Gemeinde südöstlich von Antwerpen, zwischen den beiden Heerstraßen, welche die große Handelsstadt mit Turnhout und Breda verbindet.

Brecht rühmt sich nicht zu unrecht, sowohl der Kirche als auch dem Staat eine Anzahl gelehrter Männer geschenkt zu haben. Um keine Lebenden zu erwähnen, berichten wir nur am Rande von Jan Custos (†1525), dem berühmten Sprachkundler, der, nacheinander in Löwen, Groningen und Antwerpen Literaturwissenschaften lehrte, dann sich in seinen Geburtsort zurückzog und dort eine lateinische Schule eröffnete; seinem Neffen Gabriel Der Muyden (Mudaeus), einen Rechtsgelehrten, dessen Standbild vor dem Gemeindehaus prangt; Nikolaas Ackermans (alias Agricola) (†1605), dessen Philosophiekurse der junge Leys in Löwen besucht hatte; Jan van der Noot (†1595), Sohn des Ritters Adrian, der von seinen Zeitgenossen als niederländischer Dichterfürst begrüßt wurde.

Unter seinen berühmten Dorfgenossen hebt sich Lessius durch seine Heiligkeit, seine Wissenschaft und seine Berühmtheit ab. In Brecht ist er alles andere als vergessen: Im Saal des Gemeindehauses sieht man sein Bildnis neben denen der anderen erinnerungswürdigen Brechtern auf die Mauern gemalt. Am Giebel des Gehöfts, das dort gebaut wurde, wo vermutlich einst sein Elternhaus stand, ist ein Gedenkstein eingemeißelt, der erwähnt, dass hier der große Mann das erste Tageslicht sah; der Weg, der vor dem Haus entlangläuft, nennt sich Lessiusstraat.

Nein, die Brechter vergessen ihren Dorfgenossen nicht. Manch Erinnerungsstück an ihn wird in ihrem Museum mit Sorge behütet. Sie wollen das Jubiläum zum dreihundertsten Todestag nicht unbemerkt vorbeiziehen lassen: mit diesem Ziel hat sich in der Gemeinde ein Komitee gegründet, um das Fest vorzubereiten.

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Um den Bericht aus Lessius’ Kinderjahren zu verstehen, hilft es zu wissen, dass die Gemeinde und Pfarrei Brecht damals viel ausgedehnter war als heute: Sie umfasste das Gebiet der benachbarten St. Lenaarts. Freilich lobte bereits St. Lenaarts sich eines prächtigen Tempels, möglicherweise einem der schönsten in dieser Gegend, der in spätgotischer Bauweise zwischen 1530 und 1555 unter der Obhut und der Aufsicht des edlen Ritter Adriaan van der Noot hochgezogen wurde; der Tempel sollte jedoch besser als Kapelle oder als Hilfskirche bezeichnet werden, der von der Mutterkirche, Sankt-Michiel zu Brecht, abhing. Genauso wie der Kaplan, der dort den Dienst versah, unter dem Pastor oder prochiaen von Brecht stand. Erst im Jahr 1842 wurde die Kapelle eine selbstständige Gemeindekirche mit eigenem Pastor; und St. Lenaarts musste noch vier Jahre warten, ehe sie als unabhängige Gemeinde von Brecht getrennt wurde.

Beide Orte mögen Anspruch auf den weltberühmten Gelehrten erheben: Sah er auch sein erstes Tageslicht in Brecht, in St. Lenaarts brachte er seine Kinderjahre zu; beide Gemeinden haben zu seiner Formung beigetragen; beide haben sie Teil an seinem Ruhm.

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Auszug aus: K. van Sull S.J.: Leonardus Lessius. Wetteren, 1923. pp. 1-3
© 2011, Copyright der Übersetzung: Norbert Krüger