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C.M. Wieland: Zum Bilde des Justus Lipsius

Ein Mann, der unter den Philologen und Philosophen des XVI. Jahrhunderts einen der ersten Plätze behauptet hat, und im Tempel des gelehrten Nachruhms noch immer einnimmt, weil izt niemanden mehr daran gelegen ist, sein und vieler anderer seines gleichen Recht und Titel nach der Schärfe zu untersuchen.

Das Bildnis, das wir von ihm diesem Stücke vorgesetzt haben, hat das Verdienst einer ziemlich genauen Gleichheit mit demjenigen in Bullards Akademie, das für ein Original gelten kann, und nach welchem wir's haben kopieren lassen. Wir empfehlen es den Physiognomikern sowohl als Pathognomistikern - als für welche beyde Arten von (Spekuliern ?) oder Gnostikern, wir unsers Ortes, unter gehörigem Vorbehalt und certa retione modoque allen gebührenden Respeckt tragen - um zu sehen und zu forschen, ob und in wiefern aus diesem Kopfe, dieser Stirne, dieser Augen, dieser Nase, diesem Munde, diesem Umriss des Gesichts, diesen Zügen, Runzeln u.s.w. sich a posteriori verificieren und bestätigen lasse, dass dieser nehmliche Justus Lipsius. (*)

1) Einer von den Glücklichen gewesen, die man ihres Gedächtnisses wegen unter die Prodigia zählt (**), so daß er z.E. sich einst, in Gegenwart des durch seine Pinakothek bekannten Roßi oder Erythräus, bey einem großen Herrn gerühmt, er habe den ganzen Tacitur so völlig inne, dass er ihn |189| auswendig hersagen könnte, und bereit sey, einen Mann mit bloßem Schwerdte neben sich stehen zu lassen, der ihm den Kopf spalten dürfte, wenn ihm nur ein einziges Wort fehle;

2) daß er ein leicht zu erschütternder, furchtsamer, Geschäfte fliehender, die Ruhe und den gelehrten Müßiggang liebender Mensch gewesen, und mit allen diesen Qualitäten sich in den Kopf gesetzt, die Stoische Philosophie wiederherzustellen;

3) daß er aber doch mit aller seiner Prätention an die hohen Stoische Weisheit und mit allen seinen Bemühungen, die Moral-Philosophie dieser Sekte wiederherzustellen, nicht einen einzigen Jünger gebilidet, der irgend eine denkwürdige That gethan, oder nur soviel vom ächten Stoiker in sich gehabt hätte, als ehemals der Römische Senator Favonius vom Cato in sich hatte, dessen ewiger Affe er war.

4) Daß er in seinen jüngeren Jahren in der Religion, über alles Beispiel, unbeständig, (*) im Alter hingegen, in einem Grade der seiner Urgroßmutter Ehre gemacht hätte, devot gewesen, und seine arme Vernunft gänzlich unter den Gehorsam seiner damals schon großmächtigen Gönner, der Jesuiten, gegeben, von denen er ehmals erzogen worden, und für die er immer die größte Verehrung (prostirte ?); auch es endlich soweit gebracht, daß er |190|

5) zwey schöne Bücher, eines von den Gnaden und Wundern unserer lieben Frau zu Hall, und das andre von den Wundern und Gnaden unsrer lieben Frau zu Sichem geschrieben, worinn ein Wunderglaube, und ein Ton von Devotion herrschte, der den glaubseligsten aller Karmeliter und Kapuziner beschämen könnte (*)

6) Daß er, ungeachtet der großen Humanität, die seine Freunde an ihm rühmen, mitten in einer Republik, die ihn als einen armen Flüchtling liebreich aufgenommen und mit Ehre und Wohlthaten überhäuft hatte, und mitten in den Zeiten, wo die Religion, wozu die Republik sich bekannte, und zu der er selbst sich bekannte, von den Spaniern aufs grausamste verfolgt wurde, den Muth gehabt zu behaupten: man müsse in Einem Staat nur Eine Religion dulden, und es sey erlaubt, mit Feuer und Schwerdt gegen die öffentlichen Bekenner einer andern zu wüthen (**) - und endlich

7) daß er, bey allen von ihm gerühmten umgemeinen Bescheidenheit, gleichwohl ein so hohes Gefühl eines werthen Selbsts und eine so ungeheure Meinung von seinen Verdiensten und Thaten (gehegt ?), und der heil. Jungfrau die Schreibfeder, womit er die vorgedachten beyden Bücher geschrieben, mit folgender ungemein modesten Unterschrift zu widmen:

Hanc, DIVA, pennam, interpretem mentis mene,
per alta spacia quae volavit actheris,
per ima quae volavit et terrae et maris,
Scientiae, Prudentiae, Sapientiae |191|
operata semper, a u s a (*) quae Constantiam,
deseribere et vulgare; quae Civilia,
quae Militaria atque Poliorcetica,
quae, Roma, magnitudinemi adstruxit tuam,
variaque luce scripta prisci faeculi
affecit et persudit: hanc Pennam tibi
nunc, DIVA, merito cosecravi LIPSIUS;
nam numine istaec inchoata sunt tue,
et numine estaec absoluta sunt tuo, etc.

Diese Feder, Göttin, meiner Seele Dolmetsch,
sie, die durch des Ethers hohe Räume flog,
durch die Tiefen flog der Erde und der Meere,
die, der Wissenschaft, der Klug- und Weisheit immer
dienstbar, die Beständigkeit zu schildern sich erkühnte,
die des Friedens- und des Kriegs Regierungskünste
schrieb, und deine Größe kund that, altes Rom,
und mit mannichfaltgem Licht des Altertumes
Nachlass überstralte; diese Feder, Göttin,
weihet ist, wie billig, dir dein Lipsius;
denn durch deinen hohen Beystand ward dies alles
einst begonnen, und zu Stande kams durch deinen Beystand usw.

Als eine Zugabe zu all diesem wünschten wir besonders von den Physiognomikern zu vernehmen, ob sie aus diesem Gesichte nicht auch sehen könnten, daß Lipsius die Musik nicht leiden konnte, hingegen ein großer Blumist, und so sehr ein Liebhaber von Hunden war, daß er einst ihrer drey (das für einen Gelehrten und Stoiker immer genug ist) auf einmal hatte, Mopsus, Mopsulus, und Saphir genannt, von deren Weisheit, Tugend und großen Verdiensten er in einem seiner Briefe (Centur. I,44.) nicht genug Rühmens machen kann. Die Pathognomiker aber möchten wir |192| fragen: ob sie es dem Manne, dessen Stirn so voll weiser Falten ist, wohl ansehen, daß er in seiner ersten Jugend einer von denen gewesen qui Curios simulant et Bachanalia vivunt, und hernach, zumal bey einer so zahlreichen Nachkommenschaft von Kindern, seines Gedächtnisses und seiner Schreibfinger, nicht soviel prokreative Kraft habe zusammenbringen können, und in einem vieljährigen Ehestande auch nur ein einzigmal den Vaternahmen zu verdienen. Dieser gekoppelte Umstand mag nun in seiner Physiognomie geschrieben stehen oder nicht, wahr ist er auf jeden Fall.

Mit allen diesen Eigenschaften nur, machte Justus Lipsius, nebst Casaubonus und Scaliger das Belehrte Triumvirat seiner Zeit aus, und - wie nun die Welt einmal dazu gemacht ist, betrogen zu werden, weil sie betrogen werden will - der Senat von Antwerpen ehrte sein Gedächtnis mit einer ehernen Bildsäule und folgender Aufschrift:

Si simplex animi cander, si nesia fuci
Integrtas, simies nos facit esse Diis,
Nemo te propius, Lipsi, se acquabit Olympe,
nam te candidor nemo nec integrior.

Als ein Commentar zu dieser Apotheose kan wer Zeit und Lust hat den Lipsius Proteus des Thomas Sagittarius nachschlagen, wo einige nahmhafte Anomalien und grobe Menschlichkeiten dieses Halbgottes sattsam vertificiert sind. - Wir sind weit entfernt einem guten Menschen übel zu nehmen, daß er auch an Schwachheit ein Mensch ist - Nur dies scheint uns billig, daß, wer sich selbst erhöhet, erniedriget werde; und daß überhaupt die Zeitgenossen es der Nachwelt überlassen, den Werth eines Jeden aus dem was von ihm übrig ist zu bestimmen.

aus: C. M. Wieland: Zum Bilde des Justus Lipsius. in: Der Teutsche Merkur. 1773-89. 1777. 4. Viertelj. S. 188-192